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Museumslandschaft: Suche nach neuen Wegen

Eine Skizze der aktuellen Diskussion über Konzepte und Ziele

Von Michael Fehr

Die Museen in Deutschland befinden sich in einem Wandel. Ein Zeichen dafür ist nicht nur die Tatsache, dass viele Einrichtungen mit knappen Finanzmitteln auskommen müssen. Dies widerfuhr und widerfährt auch anderen Kultureinrichtungen der Öffentlichen Hand. Das Neue liegt vielmehr in dem Umstand, dass gegenwärtig öffentlich und mit einem offenen Ende darüber diskutiert wird, ob und wenn ja, in welchem Umfang der Fortbestand von Museen noch als eine gemeinschaftliche Aufgabe, zu der sich die Kommunen, die Länder und der Bund bekennen, zu verstehen ist. Zum Verständnis der engagierten Debatte hilft ein Blick auf Museumskonzepte in Deutschland.

In den zurückliegenden 30 Jahren hat sich nicht nur die Zahl der deutschen Museen nahezu verdoppelt. Es sind auch völlig neue Museumstypen und -formen entstanden. Neugründungen boten und bieten im Gegensatz zu einer Weiterentwicklung etablierter Häuser mehrere Chancen: Zum einen geben sie Gelegenheit, neue Organisations- und Finanzierungsformen einzuführen. Zum anderen eröffnen sie Wege, tradierte Museumsbilder zu wandeln und das inhaltliche Spektrum der Einrichtungen zu erweitern.

Am deutlichsten lässt sich diese Tendenz im Bereich der technischen Museen ablesen. Dort ist beispielsweise im Ruhrgebiet - zusammengefasst unter dem Logo "Route der Industriekultur" - , in den neunziger Jahren ein Ensemble von rund 20 neuen technischen Museen entstanden. Konzeptionell stellen diese Einrichtungen nicht, wie traditionelle Häuser, Einzelstücke als Belege für die technische Entwicklung aus, sondern präsentieren komplette industrielle Anlagen. Diese Komposition reicht von Zechen über die Kokereien bis zu anhängenden chemischen Anlagen. Andere Museen machen vom Hochofen bis zum Stahlwerk, von Verkehrsbauwerken bis zu Wohnhäusern sowohl die Architektur als auch die Funktionszusammenhänge für den Besucher erfahrbar. Das Besondere an diesem neuen Museumstyp sind aber nicht nur die gewaltigen Ausmaße der einzelnen "Ausstellungsflächen", von denen möglicherweise die Zeche Zollverein XII in Essen, die Hochofenanlage im Landschaftspark Duisburg-Nord, die Henrichshütte in Hattingen und das Alte Schiffshebewerk in Waltrop die spektakulärsten sind. Vielmehr liegt die nachhaltige Wirkung in dem Umstand, dass durch diese Art der Musealisierung ehemals "versteckte" oder "verbotene" Stadtteile allgemein zugänglich werden. Dadurch ergeben sich zum Teil völlig neue Schwerpunkte einer Stadtentwicklung.

Diese technische Museumslandschaft ist nicht nur sehr jung. Auch als Ensemble von fest installierten Exponaten stellt sie ein typologisches Gegenstück zu technischen Museen vom Schlage des - allerdings in seiner Vielfalt und in seinem Reichtum unerreichten - Deutschen Museums in München dar. Insgesamt bietet die technische Museumslandschaft darüber hinaus eines der ersten modernen Beispiele für eine tatsächlich geplante Museumslandschaft, ganz gleich, wie problematisch eine Definition des Begriffs Museumslandschaft auch ist (siehe hierzu Kasten). Vergleichbare Entwicklungen, eine Museumslandschaft zu gestalten, sind - abgesehen von den großen historischen Ensembles (in den Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und den Staatlichen Museen in Kassel und Stuttgart) - nur in einem wesentlich kleineren Maßstab und in Städten zu finden. Vorreiter dieser aktuellen Entwicklung war in den achtziger Jahren das Frankfurter Museumsufer, gefolgt von der Bonner Museums-Meile und der Hamburger Museumsinsel, die allerdings nur als ein Kunstmuseum mit ihrem großen Vorbild - der vielfältigen Berliner Museumsinsel - nicht konkurrieren kann.

Es bleibt daher schwierig, die deutsche Museumslandschaft im Ganzen zutreffend zu charakterisieren; auch eine verlässliche Zahl zum Bestand an Museen ist nicht zu erhalten. Die Angaben liegen für das Jahr 1999 je nach Erhebungsmethode zwischen 5.000 und 6.000 Museen für das Bundesgebiet und bei über 10.500 in den deutschsprachigen Ländern. In Europa liegt Deutschland gleichauf mit Frankreich bei der Anzahl der Museen. Allerdings wird diese absolute Zahl relativiert, wenn man sie mit den Einwohnerzahlen in den verschiedenen Ländern in Beziehung setzt und auf diese Weise einen Index für die "Museumsdichte" gewinnen kann; denn dann bewegt sich Deutschland im europäischen Vergleich im unteren Drittel. Die regionale Verteilung der Museen in der Bundesrepublik lässt ein Süd-Nordgefälle erkennen: In Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen und der Pfalz liegen nahezu die Hälfte aller Museen, während auf die norddeutschen Länder und Stadtstaaten nur etwas mehr als 15 Prozent der Museen entfallen. Doch geben diese Zahlen wenig Typisches preis. Für das Bild der Museumslandschaft bestimmend sind eher Museums-Cluster, also Anhäufungen von Museen in bestimmten Regionen, die nicht unbedingt mit den jeweiligen Landesgrenzen übereinstimmen müssen. Das wichtigste Beispiel hierfür ist das Rheinland, in dem zusammen mit Belgien und den Niederlanden die wohl weltweit größte Konzentration von Kunst- und Kulturhistorischen Museen zu finden ist. Weitere größere Museums-Cluster existieren, neben den schon erwähnten großen historischen Komplexen, in Großstädten; so vor allem in Darmstadt, Düsseldorf, Frankfurt, Köln, Hannover, Nürnberg und Karlsruhe. Vor allem Karlsruhe beherbergt mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie, einer Kombination von Kunst- und Medienmuseum mit einer Hochschule, mit der die Tradition des Weimarer Bauhauses wiederaufgenommen und neu zu interpretieren versucht wird, eines der konzeptionell avanciertesten Häuser in Deutschland.

Betrachtet man die Museen nach Sparten, so ergibt sich ein nochmals differenziertes Bild: Knapp die Hälfte der deutschen Museen sind Volkskunde- und Heimatkunde-Museen. Sie können jedoch, obwohl zwischen 1993 und 1999 349 neue Einrichtungen entstanden, nur knapp 20 Prozent aller Museumsbesuche verzeichnen. Die Kunstmuseen haben mit etwa 16 Prozent aller Besuche eine vergleichsweise bessere Position, da sie nur rund 10 Prozent aller Museen ausmachen. Ähnliches gilt für die naturwissenschaftlich-technischen Museen, die mit einem Anteil von gut 11 Prozent in der Museumslandschaft 1999 immerhin 14 Prozent aller Besuche, das waren in absoluten Zahlen 13,4 Millionen Besuche, verzeichnen konnten. Ganz eindeutig im Aufwärtstrend im Vergleich mit allen anderen Museen waren aber die Historischen und Kulturhistorischen Museen: Sie machen heute knapp 20 Prozent aller Museen aus und steigerten ihre Besuchszahlen allein zwischen 1998 und 1999 um etwa ein Drittel.

Neue Museumsformen spielen in der Verfeinerung der deutschen Museumskonzeptionen und -landschaft eine wichtige Rolle. Kennzeichen dieser neuen Formen ist, dass sich die jeweiligen Einrichtungen bewusst nicht als Museen verstehen. Vielmehr wenden sich die Häuser, wie zum Beispiel das erfolgreiche Universum in Bremen, nach amerikanischem Vorbild als Science Center an ihre Klientel. Diese neue Ausrichtung begünstigt die Entwicklung eines ganz neuen Marktes im traditionellen Feld der deutschen Museen. Geleitet von der Sorge um Nachwuchsforscher in Deutschland arbeitet das Projekt "Wissenschaft im Dialog" an einem offenen Austausch zwischen Forschung und Gesellschaft. In diesem Umfeld finden auch neue Konzepte zur Präsentation von Wissenschaft eine tragende Rolle. Gegenwärtig sind zahlreiche Großprojekte im Sinne eines Science Centers in Planung: zum Beispiel in Wolfsburg und Baden-Württemberg (mit allein fünf Projekten). Auch wenn nicht alles zustande kommt, was auf den Reißtischen liegt, wird sich durch diese Science Center die deutsche Museumslandschaft nachhaltig verändern.

Aber auch die kleinen Museen in Deutschland sollten bei aller Konzentration auf neue Konzeptionen nicht vergessen werden. Die Aufmerksamkeit, die der Betrachter diesen Häusern schenkt, wird belohnt. Denn dort sind meistens die originelleren Ansätze zu sehen. Und manchmal ist wirklich Einzigartiges zu finden, wie zum Beispiel im Bonner Arithmeum, im Neanderthal-Museum oder auf der zwar schon älteren, doch immer wieder überraschenden und wunderschönen Museumsinsel Hombroich bei Neuss.

Quellen:

Museumslandschaften zu definieren, ist schwierig. Dennoch ist der Begriff brauchbar. Denn mit ihm kann die Museumsszene, die, abgesehen von den großen historischen Museumskomplexen, in der Regel ohne ausdrückliche Planung gewachsen ist, in einem Zusammenhang wahrgenommen werden.

Das Institut für Museumskunde Berlin zählt für 1999 einen Bestand von 5.629 Museen in Deutschland. Als Basis für die im Artikel vorgenommenen Angaben dienten dem Autor zusätzlich eigene Auswertungen des International Directory of Arts, 25th Edition 2000/2001, in dem rund 44.000 Museen aller Sparten weltweit verzeichnet sind. Die Statistiken des Instituts für Museumskunde Berlin, 1981 ff, verschiedene Internetportale, wie beispielsweise http://www.webmuseen.de, sowie die Angaben der nationalen Statistischen Ämter wurden ebenso gesichtet.

15.08.2001
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