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Deutschland - Wiege des Nobelpreis

Tourismus-Industrie und Forschung auf den Spuren Alfred Nobels

Von Florian Klebs

"Zu nichts zu gebrauchen", brummt Frachtfuhrmann Peter Kasten angesichts der weißlichen Erde. Beim Brunnenbohren in der Lüneburger Heide war er 1836 auf diese ungewöhnliche Schicht gestoßen. Inspiriert durch die mehlige Konsistenz hatte der Landmann den Fund mit Salz und Wasser in die Pfanne gehauen. Er hatte gehofft, Pfannkuchen backen zu können.

Sein Urteil entpuppt sich als grandiose Fehleinschätzung. Knapp 30 Jahre später verhilft die "weiße Erde" einem Exil-Schweden in Hamburg zu ungeahntem Reichtum: Auf einem Lastkahn in der Elbe verknetet Alfred Nobel die norddeutsche Kieselgur-Erde mit hochexplosivem Nitroglycerin - und erfindet 1865 das Dynamit, das ihn mit einem Schlag reich macht. Reich genug, um testamentarisch den Nobelpreis zu stiften. Um die eigentliche Entdeckung des Dynamits ranken sich Legenden: Lüneburger Patrioten glauben an einen Zufall: Für den Transport seien die zerbrechlichen Nitroglycerinflaschen in weiche, saugfähige Kieselgur gebettet worden. Dabei habe Nobel beobachtet, wie eine defekte Flasche ausgelaufen sei. Hamburger Hanseaten schwören dagegen, ihr Wahlbürger Nobel habe das Dynamit dank seines Genies entwickelt.

Fakt ist, dass der schwedische Explosions-Techniker kurz vor seiner bekanntesten Erfindung in der Klemme steckt. Zehn Jahre zuvor hatte er die "Sprengöl"-Produktion nach Krümmel in Deutschland verlagern müssen: Die schwedische Regierung hatte ihn mit schweren Auflagen belegt, nachdem Nobels Fabrik in Heleneborg samt seinem jüngeren Bruder Emil in die Luft gegangen war.

Mit Dynamit erfindet Nobel einen Sprengstoff, der wesentlich sicherer ist, als die Flaschen voll Nitroglycerin: Dynamit ist eine Paste, die sich gefahrlos kneten und zu Stangen rollen lässt. 100prozentig sicher ist der neue Sprengstoff aber auch nicht. 35 Explosionen dokumentieren die Akten der Fabrik in Krümmel. Trotzdem wächst das Werksgelände bis zum 7. April 1945: Dann beenden britische Bomberpiloten den Betrieb.

Unkraut sprengt das Kopfsteinpflaster auf dem Nobelplatz in Krümmel. Dahinter das einstige Verwaltungsgebäude von Alfred Nobels erster Dynamitfabrik.
Nobelplatz
Heute wächst Unkraut entlang der Gleise, die längs der Elbe auf das Werksgelände führen. Am "Nobelplatz" blicken die blinden Fenster des ehemaligen Verwaltungsgebäudes auf ein schäbiges Schild: "Wohnungen zu vermieten" verkünden verblichene Buchstaben.

Wer mehr vom Gelände sehen will, braucht einen kundigen Führer. Der Beste ist der pensionierte Bankangestellte Karl Gruber: 1948 verschrieb er sein Leben dem alten Dynamitwerk. "Damals wurden die Reste der Fabrik demontiert und als Reparationsleistung auf 13 Nationen verteilt."

Wer Grubers Dackel in die Büsche folgt, stößt auf zerfetzten Beton. Armierstahl ragt aus den Trümmern, dazwischen hat eine Schwalbe ihr Nest gebaut. Ein Dynamit-Unfall? "Nein, das haben die Briten geschleift", erklärt der Experte. "Das erkennen Sie daran, dass es eine planmäßige Sprengung ist: Das Haus ist in sich zusammengestürzt. Bei Unfall-Explosionen liegen die Decken-Trümmer rund um das Fundament verteilt." Rund um das Fundament? Da sieht der Laie nur Farn.

Um das zu ändern, haben Bürger aus Krümmel und Gesthaacht den "Förderkreis Industriemuseum" gegründet. Zum 100sten Jubiläum des Nobel-Preis hat die Gemeinde über 30 Veranstaltungen organisiert. Touristen fahren mit der Museumseisenbahn von Hamburg bis auf die stillgelegten Werksgleise. Nobelpreisträger Günter Grass las am 1. November. Und wenn am 10. Dezember in Stockholm der Nobelpreis verliehen wird, dann feiert auch der ganze Ort in Krümmel.

Auch die ehemaligen Kieselgur-Gruben in der Heide sind inzwischen touristisch erschlossen. In Müden bei Hannover erklärt ein Museum, wie Kieselgur entstand: Was wie Mehl zwischen den Fingern staubt, sind Myriaden versteinerter Algen. Vor 300.000 Jahren lebten sie in Seen, die die Elster-Eiszeit zurückgelassen hat. Die Ausstellung zeigt Blätter und Fische, die in den Ablagerungen versteinerten.

"Wohnungen zu vermieten" verkündet ein Schild am Nobelplatz. Einst residierte hier die Verwaltung von Alfred Nobels erster Dynamitfabrik(Foto: Klebs).
Nobelstrasse
Vor 150 Jahren hätte man der Museumsleiterin Ute Leimcke-Kuhlmann eine gute Partie nachgesagt: ein Herrenhaus zeugt von den Tagen, als die Familie ihres Mannes mit Kieselgur reich wurde. Denn die weisse Erde entwickelte sich zum Wunderbaustoff für Eiskeller und abhörsichere Fernsprechzellen. Zeitweise streckten Hersteller Kosmetika mit Kieselgur.

Auf Äckern tötet Kieselgur Mehlkäfer, in feuchten Häusern den Hausschwamm. Pyrotechniker bestäuben ihr Feuerwerk mit Kieselgur, damit es trocken bleibt. Mediziner streuten antiseptische Kieselgur auf nässende Wunden. Heute verwenden vor allem Getränke-Hersteller Kieselgur: Kein Bier, keine Cola, kaum ein Fruchtsaft oder Speiseöl, das nicht durch Algenschalen gefiltert wird.

Bis zum ersten Weltkrieg deckt Kieselgur aus der Region Hannover fast den gesamten Weltbedarf. 1994 schließt die letzte Grube: Kieselgur aus Übersee ist preisgünstiger. Stattdessen hat die Region einen regelrechten Kieselgur-Tourismus aufgebaut: Ein Lehrpfad durch die Gruben, Erlebnistouren im Heidekraut, auf Wunsch in Kombination mit Frühstück - und einem Kieselgur-Drink.

Auf Kinderführungen verbindet Leimcke-Kuhlmann ihren Touristen die Augen und spielt mit ihnen Zeitmaschine: Ein Schritt nach vorne führt 3000 Jahre zurück in die Vergangenheit. Nach 100 Metern stehen die Kinder vor der ersten Grube. Wo einst Pumpen und Maschinen lärmten, liegt heute ein quietschgrüner See. Die Ufer sind sandig. Auf dem bröckeligen Grubenrand wachsen Birken und Kiefern. "So ähnlich sah es auch vor 300.000 Jahren aus, als die Kieselgur entstand", erklärt Leimcke-Kuhlmann.

Nur Warnschilder dürfte es damals noch nicht gegeben haben. "Vorsicht saures Gewässer" steht an einem See. Als die Pumpen in den Gruben noch liefen, förderten sie saures Wasser, in dem viel Eisen gelöst war. Wo das Abwasser in Bäche floss, legte sich das Metall auf die Kiemen der Fische und löste ein Massensterben aus.

Für die Arbeiter grenzte der Abbau an Schinderei: erdfeuchte Kieselgur ist schwer und zäh. Die Feuchtigkeit fährt den Männern in die Glieder. Nach dem Trocknen muss minderwertige Gur gebrannt werden, um den Schwefel zu entfernen. Eine Fotoausstellung auf dem Lehrpfad zeigt, wie Arbeiter in den stechenden Dämpfen stehen.

Einst verarbeitete Alfred Nobel versteinerte Algenschalen zu Dynamit. Heute entdecken Touristen in Müden die Schönheit des Rohstoffs unter dem Mikroskop.
Dynamit unterm Mikroskop
Vom Lehrpfad bei Müden sind es nur wenige Kilometer bis nach Unterlüß, wo bis vor wenigen Wochen noch Kieselgur verarbeitet wurde. Das dortige Albert-König-Museum hat dieser Industrie eine Dauerausstellung gewidmet und zeigt Ölbilder des Malers Albert Königs - dem einzigen Künstler, der sich mit Kieselgur Landschaften beschäftigt hatte. Dazwischen liegt eine rote Papp-Patrone mit Orginal-Dynamit.

Für Explosivstoffe wird Kieselgur allerdings nicht mehr verwendet. Schon Nobel experimentierte mit Alternativmaterialien, da Kieselgur die Sprengkraft des Dynamits mindert und unter Druck das gefährliche Nitroglycerin ausschwitzt. Heute beschäftigt die Dynamit Nobel AG mit Firmensitz in Troisdorf 3000 Mitarbeiter, die neue Explosiva entwickeln und produzieren: Dynamit wurde zum Sammelbegriff für über 100 Sprengstoffe, die alle ohne Kieselgur auskommen.

Statt dessen beschäftigen sich Geologen, Biologen und sogar Ingenieure mit dem Stoff, der Nobel zum Reichtum verhalf - beziehungsweise mit dessen Bestandteilen. Diatomeen nennt der Fachmann die winzigen Kieselalgen, aus deren Schalen sich die "weiße Erde" Kieselgur zusammensetzt.

Ein Mekka der Diatomeen-Forscher ist das Alfred Wegener-Institut für Polarforschung (AWI) in Bremerhaven. Mit über 80.000 Proben beherbergt das AWI eine der größten Sammlungen der Welt. Unter dem Mikroskop offenbaren die Einzeller eine immense Formenvielfalt: Wie Abflusssiebe erscheinen einige der Diatomeen, wie versteinerte Mieder-Spitzen, mauretanische Steinmetzarbeiten oder der interstellare Fuhrpark eines Science-Fiction Ausstatters in Hollywood.

Es ist diese Fülle an Bauplänen, die AWI-Bioniker Christian Hamm zu skurrilen Experimenten treibt. "Crashtests an Mikro-Algen" überschreibt er sein Forschungsprojekt, für das er mehrere 100 Diatomeen unter kalibrierten Glasnadeln zerquetschte. "Die halten mehrere 100 Tonnen Druck pro Quadratmeter aus", begeistert sich Hamm. Das sei ein Druck "wie wenn ein Schiff auf einen Eisberg rammt". Nur die Titanic habe mehr aushalten müssen. Aber "die ist ja auch prompt kaputt gegangen", verteidigt Hamm seine Crash-Test-Algen.

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17.12.2001
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