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"Deutschland" - Auslandszeitschrift der Bundesrepublik Deutschland

Fassbinder kam nie nach Istanbul

Von Roger Hillman

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Roger Hillman (Foto: privat).
Roger Hillman

Das Neue Deutsche Kino à la Fassbinder und Wenders war einmal. Heute machen deutsch-türkische Regisseure in Deutschland Furore. Ihr erfolgreichster Vertreter, Fatih Akin, hat das Neue Deutsche Kino mit einem Mix aus deutscher und türkischer Kultur neu erfunden.

Bilder der Erinnerung sind besonders interessant, wenn sie von verschiedenen Kulturen geprägt sind. Das gilt natürlich erst recht für Menschen, die in Deutschland geboren sind, deren Eltern oder Großeltern aber aus der Türkei stammen. Auch ein Regisseur wie der türkischstämmige Filmemacher Fatih Akin, der sich als Deutscher fühlt, lässt in seinen Filmen türkische Einflüsse spüren. Dadurch kommen neuartige Visionen der Zukunft zustande, die vielleicht wie keine anderen geeignet sind, den Gärungsprozessen und den schnellen Veränderungen in Europa und den Nachbarländern gerecht zu werden und die nicht von den Scheuklappen eines eurozentrischen Denkens und Sehens eingeschränkt sind.

Deutsch-türkisches Erfolgsrezept

Filmszene aus "Solino": Die beiden Brüder Gigi und Giancarlo buhlen um die Aufmerksamkeit ihrer neuen deutschen Freundin Jo, nachdem sie mit ihren Eltern 1964 aus dem italienischen Dorf Solino nach Duisburg kamen (Foto: picture-alliance / KPA). Klicken Sie hier für ein größeres Bild.

Der türkisch-deutsche Film ist im Laufe der Neunzigerjahre zu einem Begriff geworden. Fatih Akin wurde als dem erfolgreichsten Regisseur dieser jungen Gattung bei der Berlinale 2004 für den Film "Gegen die Wand" der Goldene Bär verliehen. Viele türkisch-deutsche Filme gehen auf Modelle des Neuen Deutschen Kinos zurück, nicht zuletzt als Widerspiegelung von Filmen wie die Rainer Werner Fassbinders und Wim Wenders'. Hatte Wenders Modelle der amerikanischen Kultur in die deutsche importiert, so bringt Akin das Türkische ins Deutsche.

Grundmuster der Filmgeschichte werden so neu angewandt. Dass dies nicht nur mit der türkischen Kultur, sondern auch mit der der italienischen Einwanderer gelingt, die als sogenannte Gastarbeiter schon vor den türkischen nach Deutschland kamen, zeigt Akin in seinem Film "Solino" aus dem Jahr 2002. Allgemeine Anerkennung fand Akin dann zwei Jahre später mit seinem größten Wurf "Gegen die Wand". Der Erfolg dieses Films dürfte nicht zuletzt auf die stark eigenwillig handelnden Hauptpersonen zurückzuführen sein, deren schauspielerische Leistung und Charakterisierung überzeugen. Die transkulturelle Thematik kommt ohne Stereotype aus. Die beiden Protagonisten Cahit und Sibel sprechen vorwiegend Deutsch, sind deutsche Staatsangehörige, und die Handlung spielt zum größten Teil in Hamburg. Trotzdem ist auch der türkische Teil ihrer Identitäten für beide ausschlaggebend.

Fatih Akin freut sich 2004 bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin über die Auszeichnung seines Films "Gegen die Wand" mit dem Goldenen Bären. (Foto: picture-alliance / dpa / Andreas Altwein). Klicken Sie hier für ein größeres Bild.

Die Anspielungen Akins und anderer türkisch-deutscher Regisseure auf Wenders und Fassbinder sind mehr als Hommagen, auch mehr als die Übernahme von erprobten Mustern. Nach dem europäischen Wendepunkt von 1968 war das Neue Deutsche Kino eine kulturpolitische Identitätssuche. Was konnte es noch bedeuten, deutsch zu sein? Das noch neuere deutsche Kino greift auf diesen Gärungsprozess als etwas Wesensverwandtes zurück und befruchtet diesen mit unnachahmlich einleuchtenden Gegenstimmen, etwa in dem iranisch- deutschen Kurzfilm "Angst isst Seele auf ". So entstehen hybride Formen von nationalen Filmkulturen. Eine nationalistisch klingende Bewegung wie Neues Deutsches Kino gelangt in dieser Neuform zu europäischer Signifikanz.

Die Nähe von "Gegen die Wand" zu Fassbinders Film "Die Ehe der Maria Braun", eine Bestandsaufnahme der Bundesrepublik im ersten Nachkiegsjahrzehnt, beweist definitiv, wie ein Film über Türken in Deutschland zugleich ein Film über Deutschland sein kann. Türkischdeutsche Regisseure haben eine ganze Palette von Identitätsfragen durchlebt, und Akins Filme stellen den bisher reichhaltigsten Beitrag zu einer Gattung dar, die noch im Werden ist. Mit Blick auf "Solino" spricht der Regisseur von Heimat als "kein Ort im geographischen Sinn. Heimat ist ein mentaler Zustand".

Verwischung kultureller Grenzen

Noch trennen sie "Welten": Moritz Bleibtreu und Christiane Paul in dem Film "Im Juli" (Foto: picture-alliance / dpa / Senator film). Klicken Sie hier für ein größeres Bild.

Speziell im Film können kulturelle Grenzen verwischt werden. Der Kulturkritiker Stuart Hall sieht den Film nicht als bloße Reflexion des bereits Existierenden, sondern als eine Darstellungsform, durch die die Zuschauer in die Lage versetzt werden, sich als neue Subjekte zu konstituieren und Orte zu entdecken, von denen aus sie sprechen können. Phänomene wie der türkisch-deutsche Film zeigen die Notwendigkeit für die relativ neue Fachrichtung European Studies, sich nicht nur auf Soziologie, Geschichts- und Politikwissenschaft zu beschränken, sondern einen komplementären Schwerpunkt bei der Kulturwissenschaft zu suchen. In einer Zeit, in der Begriffe wie der der Nationalität schweben, ist der türkisch-deutsche Film ein Beispiel dafür, wie das moderne transkulturelle Kino neue Entwicklungen seismographisch aufnimmt.

Seit 1990 haben sich nicht nur die geographischen Grenzen Deutschlands bedeutend verändert, sondern auch die kulturellen Grenzen. Nicht zuletzt im Kino, denkt man an den internationalen Erfolg von so verschiedenartigen Filmen wie "Lola rennt", "Nirgendwo in Afrika", "Goodbye Lenin" oder "Der Untergang". Aber die größte Herausforderung stellt wohl "Gegen die Wand" dar. Denn diese Sonderkonstellation, die nicht nur die Schauplätze, sondern auch die Mentalitäten von Hamburg und Istanbul kombiniert, wäre früher undenkbar gewesen.

13.06.2007
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Filmauswahl von Fatih Akin
  • Sensin - Du bist es! (Kurzfilm, 1995)
  • Getürkt (Kurzfilm, 1996)
  • Kurz und schmerzlos (1998)
  • Im Juli (2000)
  • Wir haben vergessen zurückzukehren (Fernsehdokumentation, 2000)
  • Solino (2002)
  • Gegen die Wand (Spielfilm, 2004)
  • Crossing the Bridge: The Sound of Istanbul (Dokumentation, 2005)
Professor Dr. Roger Hillman lehrt Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Filmwissenschaften an der Australian National University in Canberra. Als Humboldt-Forschungsstipendiat war er in Bamberg, Marbach, Köln und Münster.

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