Startseite der Alexander von Humboldt-Stiftung Humboldt Kosmos Startseite
H U M B O L D T I A N E R - P O R T R Ä T
   AKTUELL
   NACHRICHTEN
   TITELTHEMA
   PRISMA
   KUNST UND
   KULTUR
   LANDESBLICKE
   STADTRUNDGÄNGE
   MENSCHEN UND
   EREIGNISSE
   SERVICE
   INTERVIEW
>> PORTRÄT

   impressum

Von "alten Töpfen" und anderen Komplimenten

Der Germanist Bernard Mulo Farenkia

This article in English

Bernard Mulo Farenkia

"Sie leuchten wie der Mond" - solch ein Satz zaubert in Kamerun ein Lächeln auf die Gesichter der Frauen. Ein wohlhabender Bürger fühlt sich geschmeichelt, wird er als "großer Baum" bezeichnet. Und auch die Gastgeberin ist entzückt, wenn ihr Gast nach dem Essen ausruft: "Madame, Sie sind ein alter Kochtopf!" Herrscht doch in dem afrikanischen Land die Vorstellung, aus alten Töpfen stammen die köstlichsten Gerichte. Was in dieser Kultur als Kompliment gilt, kann hierzulande leicht eine Landung im Fettnäpfchen bedeuten. Und umgekehrt: Die deutsche Sparsamkeit bei Komplimenten könnten Kameruner als Missachtung verstehen. In diesem heiklen linguistischen Terrain bewegt sich Bernard Mulo Farenkia. Der Sprachwissenschaftler aus Yaoundé will wissen, wie in beiden Gesellschaften Komplimente gemacht werden und was eigentlich hinter den schönen Worten steckt.

Die Menschen benutzten Komplimente, wie Sprache überhaupt, um ihre Beziehungen zu anderen zu gestalten. Dabei schlagen sie verschiedene Gesprächsstrategien ein. "Beispielsweise schwingt bei Komplimenten zwischen Männern und Frauen stets Erotik mit, das gilt in Kamerun ebenso wie in Deutschland", beobachtet der 35-jährige Humboldt-Stipendiat bei seinen Untersuchungen an der Universität des Saarlandes.

Kein Verstehen ohne Kultur

Bernard Mulo Farenkia hatte schon während seines Germanistikstudiums an der Universität von Yaoundé festgestellt, dass allein die Analyse der Grammatik nicht ausreicht, um eine Sprache verstehen und erfolgreich sprechen zu können. Damals war ihm bereits klar, dass echte kommunikative Kompetenz die interkulturelle Dimension braucht, dies jedoch im Fremdsprachenunterricht kaum beachtet wird. Während seiner fünf Promotionsjahre im Saarland wurde dieser Zusammenhang für ihn nicht nur im Alltag immer wieder erfahrbar, sondern entwickelte sich auch zum Thema seiner Doktorarbeit: Wie setzen Deutsche ihre Sprache ein? Was muss man wann wie sagen, um seine Aussage "rüber zu bringen"?

Als der junge Mann, der als 15-Jähriger begonnen hatte, Deutsch zu lernen, 1992 nach Saarbrücken kam, war er zunächst verblüfft: "Ich dachte, ich hätte Deutsch falsch gelernt. Auf Dialekte und Alltagssprache war ich nicht eingestellt. Ich kannte bis dahin nur die Sprache der Literatur." Umso deutlicher wurde ihm, wie stark soziokulturelle Merkmale den Sprachgebrauch prägen. Bernard Mulo Farenkia analysierte, welche Intentionen mit den verschiedenen Satzarten ausgedrückt werden können. "Allein der Fragesatz reicht weit über eine bloße Frage hinaus. Er kann etwa Aufforderung oder Bestätigung sein." Auf der Grundlage seiner Ergebnisse, die er 1997 in seiner Dissertation veröffentlichte, entwickelte der Sprachwissenschaftler Übungen für den Unterricht "Deutsch als Fremdsprache".

Mehr Klarheit durch Vergleiche

Als Dozent für Germanistische Linguistik kehrte Bernard Mulo Farenkia an seine Heimatuniversität in der Kameruner Hauptstadt zurück - im Schlepptau seine zwei kleinen "saarländischen" Söhne. Der Forscher brachte seinen Studierenden die Trendwende in der modernen westlichen Linguistik seit den Siebzigerjahren nahe: Die Berücksichtigung der kulturellen Dimension von Kommunikation. Um dies zu veranschaulichen, gebrauchte er immer häufiger Vergleiche aus Kamerun. "Der Vergleich ist das Grundprinzip meiner Forschungs- und Lehrtätigkeit geworden", sagt er in seiner ruhigen Art. "Nur durch den Vergleich erkennen wir, wie das Fremde aussieht und wie das Vertraute."

Der Vergleich bestimmt auch seine jetzigen Forschungen an der Universität des Saarlandes. Im Sommer 2003 kehrte der Afrikaner mit einem Humboldt-Forschungsstipendium zu Professor Lutz Götze zurück, der ihn schon während der Promotion betreute. Der Fokus seiner Arbeit richtet sich auf Sprechakte, also die Momente, in denen wir durch Sprechen handeln. Konkret geht es um Beschimpfungen, Glückwünsche, Verfluchungen und Komplimente. Weil die Literatur- und Datenlage zum Thema Komplimente recht gut ist, hat sich der Germanist zunächst auf diese konzentriert. Er befragte in beiden Ländern Studenten, Professoren, Beamte, Freunde, lauschte Gesprächen auf dem Markt, in der Kneipe oder an der Bushaltestelle. Auch während seiner diversen Studentenjobs am Fließband oder als Lagerarbeiter sammelte er Einblicke in die Kultur der deutschen Alltagssprache.

Phantasievoll und emotional

Komplimente spielen im gesellschaftlichen Gefüge Kameruns eine wichtige Rolle. Männer überschütten Frauen, selbst ihnen unbekannte, gerne mit phantasievollen, sehr emotionalen Schmeicheleien, Untergebene machen ihrem Chef schöne Worte und dieser scheut seinerseits nicht vor Komplimenten zurück. "Ich konnte die Komplimente gar nicht zählen, die ich in Kamerun täglich von den Studenten erhielt", sagt Bernard Mulo Farenkia ohne den geringsten Anflug von Arroganz. Schmeichelnde Worte gehören einfach zum zwischenmenschlichen Miteinander. "Es ist ein Spiel. Und wer nicht mitspielt, steht schnell im Abseits." In Deutschland hingegen sind Komplimente rar, sie fallen recht formelhaft und kurz aus. Hier werde eher gelobt, bemerkt der Forscher. Außerdem erlebt er eine "Privatisierung der Kommunikation" auch an der Universität. Berufliches und Privates sind - anders als in Kamerun - strikt getrennt. Wenn Komplimente gemacht werden, dann geschieht dies eher im Privaten, auf keinen Fall vor breiter Öffentlichkeit.

Im unterschiedlichen Umgang mit Komplimenten spiegelt sich die jeweilige gesellschaftliche Wirklichkeit wider. "Deutschland ist Kamerun in seiner Modernität weit voraus. Bei uns läuft das Leben langsamer, die Leute haben mehr Zeit, um Komplimente zu machen, die beruflichen Beziehungen sind noch nicht so funktional." Zwar geht Bernard Mulo Farenkia davon aus, dass sich seine Landsleute langfristig verändern werden, aber er plädiert auf jeden Fall für "eine Gesellschaft, in der sich die Leute mehr Komplimente machen. Man braucht diese menschliche Wärme."

Diese kulturellen Aspekte müssen nach Ansicht des Linguisten ebenso in den Sprachunterricht einfließen wie die Funktionen, die hinter Sprechakten stehen. So können Komplimente eine Vielzahl von Absichten transportieren: Sie sollen die Argumentation des Gesprächspartners unterstützen, Konflikte vermeiden oder abbauen, Distanz verringern oder Geselligkeit fördern. Nicht zuletzt kommt derjenige, der schmeichelt, gut an.

Die Ergebnisse seines Saarbrücker Forschungsaufenthaltes sind Teil seiner Habilitation, die Bernard Mulo Farenkia rasch vorantreiben will. Denn schließlich möchte er auch einen entscheidenden Beitrag zur Ausbildung von Nachwuchswissenschaftlern und zur wissenschaftlichen Diskussion in Kamerun leisten, so sagt er selbstbewusst. Außerdem plant er, sich mit Kollegen aus anderen Disziplinen und Ländern zu vernetzen und sprachwissenschaftlich zusammenzuarbeiten.

"Glücksland" Deutschland

Sein Humboldt-Stipendium würde der Wissenschafter gerne um ein weiteres Jahr verlängern, damit er seine Forschungen abschließen kann. Deutschland ist sein "Glücksland". "Hier habe ich dank mehrerer Stipendien promovieren und weiter forschen können und hier ist meine Familie gewachsen", sagt der vierfache Vater lächelnd. Erst vor wenigen Wochen hat seine Frau Elise Mulo, zurzeit beurlaubte Gymnasiallehrerin für Deutsch in Kamerun, eine kleine "Saarbrückerin" zur Welt gebracht.

Uschi Heidel18.08.2004

 zum Seitenanfang

Bernard Mulo Farenkia (35)
  • geboren in Mutengene-Tiko, Kamerun
  • Studium der Germanistik und Übersetzungswissenschaft Université de Yaoundé
  • Promotion in Germanistik an der Universität des Saarlandes
  • Dozent für Germanistische Linguistik an der Université de Yaoundé und Dozent in der Deutschabteilung der Pädagogischen Hochschule Yaoundé
  • Stipendiat der Alexander von Humboldt-Stiftung an der Universität des Saarlandes, Germanistik

Ein Zebrafisch kommt selten allein: Das Forscherehepaar Mary Mullins und Michael Granato  weiter >>

Vom Außenseiter zum Hoffnungsträger: Der Zellbiologe Felix Engel  weiter >>

Virtuelle Moleküle für reale Medikamente: Die Pharmazeutin Outi Salo-Ahen  weiter >>

Im Zentrum des geistigen Eigentums: Der Jurist Jian Li  weiter >>

Im Kreißsaal der Sterne: Die Astrophysikerin Bérengère Parise  weiter >>

Gucklöcher in die Erdgeschichte: Die Geologin Yamirka Rojas-Agramonte  weiter >>

Optimal gewickelt: Der Ingenieurwissenschaftler und Mathematiker Yordan Kyosev  weiter >>

>> Alle Porträts >>