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Die "eiserne Hand" des Götz von Berlichingen

Die Geschichte der Prothesenherstellung: von der reinen Stützfunktion bis zur Steuerung durch Mikrosensoren, die auf Muskelbewegungen reagieren

Von Erwin-Christian Lovasz

Erwin-Christian Lovasz (Foto: Lovasz).
Erwin-Christian Lovasz
Für einen Wissenschaftler aus Osteuropa ist es eine besondere Auszeichnung, ein Roman Herzog-Forschungsstipendium von der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung und der Alexander von Humboldt-Stiftung zu bekommen. Dieses Stipendium gab mir die Möglichkeit, ein anspruchsvolles Forschungsthema auf dem Gebiet der Getriebetechnik bei Professor Karl-Heinz Modler am Lehrstuhl für Getriebelehre der Technischen Universität Dresden zu bearbeiten.

Während meines Aufenthaltes in Deutschland hatte ich auch die Gelegenheit im Kloster Schöntal den Bundespräsidenten a.D., Professor Roman Herzog, den Namensgeber meines Stipendiums, und seine Frau, Alexandra Freifrau von Berlichingen, kennen zu lernen. Dieses Treffen im Kloster Schöntal und mein technisches Interesse an der "eisernen Hand" des Götz von Berlichingen, einem berühmten Vorfahren der Familie Berlichingen, führte zu einer Einladung zu einem privaten Besuch in der Götzenburg. Ich fühlte mich sehr geehrt, als Roman Herzog- Forschungsstipendiat die Gelegenheit zu einem privaten Besuch beim Bundespräsidenten a.D. und seiner Frau zu erhalten, die berühmte "eiserne Hand" im Schlossmuseum zu sehen und das Schauspiel "Götz von Berlichingen" von Johann Wolfgang von Goethe im Rahmen der Burgfesttage zu erleben.

Eine schöne Geschichte verbindet den Namen "Götz von Berlichingen" mit dem technischen Entwicklungsstand des 16. Jahrhunderts in der Prothetik. Götz von Berlichingen wurde 1480 in Jagsthausen geboren und entstammt einem alten fränkischen Adelsgeschlecht. Er erhielt die übliche ritterliche Erziehung in höfischen Sitten und Gebräuchen und im Waffenhandwerk. Er lebte zu einer Zeit, in der die Burgen als Zentren des Widerstandes durch die Feuerwaffen entwertet wurden. Söldnertruppen ersetzten die traditionellen Ritterheere und die Geldwirtschaft verdrängte die Naturalwirtschaft. So wurde zwischen 1512 und 1518 zweimal die Reichsacht über ihn verhängt, weil er zahlreiche Fehden führte und Kaufmannszüge überfiel.

Später geriet Götz von Berlichingen in Gefangenschaft und blieb bis 1530 in Haft. Im Laufe mehrjähriger Prozesse durch das Reichskammergericht wurde er freigesprochen. Danach kämpfte Götz von Berlichingen im Dienste Kaiser Karl V. In einem seiner zahlreichen Kämpfe verlor er seine rechte Hand, getroffen von seiner eigenen Artillerie. Seitdem wird er der "Ritter mit der eisernen Hand" genannt. Er starb am 23. Juli 1562 in Neckarzimmern auf der Burg Hornberg. Seine menschlichen Überreste sind in der Grabliege der Herren von Berlichingen im Kloster Schöntal bestattet.

Die Versuche, Menschen ihre im Kampf oder bei der Jagd verlorenen Hände und Füße (Glieder) zu ersetzen, haben eine sehr lange Geschichte. Im Louvre befindet sich eine Fußprothese, die aus dem dritten Jahrhundert vor Christus stammt. Ebenso ist auf einer römischen Säule eine Handprothese von einem römischen Soldaten zu sehen. Diese Prothesen waren sehr primitiv und hatten lediglich Fuß- und Handstützfunktionen.

Die Geschichte der differenzierten Modellierung menschlicher Glieder beginnt mit der "eisernen Hand" von Götz von Berlichingen. Diese Prothese ist bekannt als die Erste, bei der die Fingerglieder beweglich waren. Sie entspricht der Form einer Hand in Stahlrüstung. Eine Besonderheit der Prothese sind die drehbaren Fingergelenke.

Diese konstruktive Auslegung führte zu einer neuen Entwicklung in der Prothesenherstellung. Die Hand konnte nun manuell an den Griff eines Schwertes oder zylindrischen Gegenstandes angepasst werden und die Drehgelenke der Prothese blieben anschließend blockiert. Die Öffnung der Finger erfolgte durch einen Schlag auf den Unterarm, wie auch im Schauspiel dargestellt. Trotz dieser Eigenschaften der "eisernen Hand" konnte Götz von Berlichingen mit seiner Ersatzhand nicht kämpfen. Erstaunlich sind aber die technischen Kenntnisse der Schmiede im 16. Jahrhundert vor dem Hintergrund der eher einfachen verfügbaren technischen Mittel.

Bundespräsident a.D. Professor Roman Herzog und Erwin-Christian Lovasz (Foto: Lovasz).
Bundespräsident a.D. Professor Roman Herzog und Erwin-Christian Lovasz
Im Laufe des 18. Jahrhunderts wurden gesteuerte Prothesen (Engelke, u.a.), die mit Hilfe von Federn und auf dem Körper aufgewickelten Fäden angetrieben waren, entwickelt. Heutzutage sind diese Prothesen mit Kraft- und Wärmesensoren ausgestattet. Diese können gesteuert und geregelt werden. Die Antriebe sind energetisch optimiert, um weniger Energie der mitzutragenden Akkumulatoren zu verbrauchen und eine größere Unabhängigkeit der Behinderten von der Energiequelle zu ermöglichen.

Die Steuerung erfolgt mit Hilfe von Mikrosensoren, die in einige Muskelgruppen implantiert sind und auf die Muskelbewegung reagieren sowie mit Mikroprozessoren, die verbale Informationen bearbeiten und weiterleiten. An der Weiterentwicklung dieser Steuerung und Regelung wird kontinuierlich gearbeitet. Eine wichtige Rolle spielen hierbei die Ästhetik und psychologische Gesichtspunk- te. Die Prothese sollte möglichst form- und gewichtgetreu nachgebildet und geräuscharm bewegt werden.

Gewöhnlich werden nur drei bewegliche Finger (Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger) modelliert. Die anderen beiden (Ringfinger und kleiner Finger) haben lediglich eine ästhetische Funktion. Mit Hilfe der drei beweglichen Finger können bei bezahlbaren Herstellungskosten nach Greifstudien 90 Prozent aller Greifmöglichkeiten realisiert werden.

Mein Besuch beim Bundespräsidenten a.D. Professor Roman Herzog und seiner Frau, Alexandra Freifrau von Berlichingen, und die Chance, eine der berühmtesten Prothesen des Mittelalters zu besichtigen, wird für mich ein besonderes Erlebnis bleiben.

21.05.2003
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Erwin-Christian Lovasz
Fachgebiet: Maschinenelemente
Förderprogramm: Roman Herzog-Forschungsstipendium
Gastuniversität: Technische Universität Dresden, Institut für Festkörpermechanik
Heimatuniversität: Technical University of Timisoara, Faculty of Mechanics, Timisoara/Rumänien

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