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"Deutschland" - Auslandszeitschrift der Bundesrepublik Deutschland

Rückkehr offen

Von Natalia Kononenko

This article in English

Natalia Kononenko.
Natalia Kononenko

Was russische Nachwuchsforscher ins Ausland treibt.

Sicher bin ich nicht die Erste, die über die Probleme der Wissenschaft im heutigen Russland schreibt. Der Braindrain, eine unzulängliche Infrastruktur, die Macht der alten Wissenschaftler, Korruption bei den Behörden und Geldmangel - all diese Themen sind in der internationalen Wissenschaftsgemeinschaft mittlerweile nur allzu gut bekannt. Interessanterweise sind begabte, junge russische Wissenschaftler im Ausland oft sehr erfolgreich. Dies mag für den Westen gut sein, ist aber ein echtes Problem für Russland. Warum kehren nur so wenige dieser Wissenschaftler nach Russland zurück? Im Vergleich zum Ausland krankt die Wissenschaft in Russland vor allem an der strikten Trennung von Forschungseinrichtungen und Universitäten. Russlands Grundlagenforschung findet überwiegend in der Akademie der Wissenschaften statt, die kein Geld hat und nach westlichen Standards als bankrott gelten dürfte. Die Universitäten sind überwiegend mit der Lehre statt mit der Forschung beschäftigt, und die Studienpläne sind mehr oder weniger eine Fortsetzung des Schulunterrichts.

Die Staatliche Immanuel-Kant-Universität Russland in Kaliningrad (Foto: picture-alliance / akg-images). Klicken Sie hier für ein größeres Bild.
Immanuel-Kant-Universitaet Russland in Kaliningrad

Es ist im heutigen Russland selten, dass eine Universität in einer Provinzstadt mit solchen Giganten wie den Universitäten von Moskau und St. Petersburg in finanzieller Hinsicht im Wettbewerb bestehen kann. Meine eigene Hochschule, die Staatliche Universität Kaliningrad, mittlerweile umbenannt in Staatliche Immanuel- Kant-Universität Russland, macht da keine Ausnahme. Die personelle und materielle Ausstattung der naturwissenschaftlichen Institute ist so schlecht, dass ich den experimentellen Teil meiner Doktorarbeit im Ausland abschließen musste. Ich verließ hierzu Kaliningrad und ging als Stipendiatin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) an die Freie Universität Berlin. Dabei hätte ich mir nichts sehnlicher gewünscht, als die Experimente in meiner Abteilung durchzuführen. Doch weit und breit war keine Unterstützung in Sicht, um mir bei der Beschaffung der erforderlichen Geräte oder Arbeitsmittel zu helfen, die ich während meines Postgraduiertenstudiums gebraucht hätte. Ich konnte nicht ein einziges Mal einen wissenschaftlichen Kongress besuchen, es gab weder Chemikalien (noch nicht einmal reinen Alkohol!), die ich für die Experimente gebraucht hätte, noch gab es seitens meiner Universität finanzielle Unterstützung für Nachdrucke von Artikeln aus ausländischen Fachzeitschriften.

Als ich nach Kaliningrad zurückkehrte, musste ich meine Doktorarbeit bei einer Institutssitzung vorstellen, bei der die wichtigste Frage des Dekans war: "Frau Kononenko, warum haben Sie eigentlich Kaliningrad verlassen?" Für die während meines Auslandsaufenthaltes erzielten Ergebnisse interessierte sich niemand. Stattdessen verweigerte man mir wie zur Strafe für meinen Auslandsaufenthalt eine Unterschrift, die nötig gewesen wäre, um meine Arbeit wie erforderlich vor der Akademie der Wissenschaften zu verteidigen. Erst nach langem Hin und Her und mit der Hilfe von Kollegen gelang es mir, die bürokratischen Hürden zu überwinden und meine Arbeit erfolgreich zu verteidigen.

Eigeninitiative gilt als verwerflich

Russische Wissenschaftler protestieren in Moskau für bessere Gehälter und mehr Forschungsgelder (Foto: Associated Press / Alexander Zemlianichenko). Klicken Sie hier für ein größeres Bild.
Russische Wissenschaftler protestieren in Moskau

Es stellt sich heute mehr denn je die drängende Frage, wie man jungen russischen Forschern Mut machen kann und vor allem, wie sie eine Arbeit finden können. Eigeninitiative zu ergreifen, wird in diesem Land immer noch als verwerflich angesehen. Junge, kreative Wissenschaftler werden nicht als nationaler Reichtum betrachtet, und ihre Aussichten im bürokratischen Wissenschaftsbetrieb sind eher düster. Viele Beamte der Immanuel-Kant-Universität stammen noch aus den alten kommunistischen Zeiten, als Einschüchterung und unbegrenzte Machtausübung die Spielregeln bestimmten. Sie wissen einfach nicht, wie man zugleich führen und dennoch Diskussionen zulassen kann, bei denen alle ihre Ideen einbringen können.

Gewiss, erfahrene ältere Forscher müssen respektiert und unterstützt werden. Aber nur, wenn sie ihre Stellung ihrer wissenschaftlichen Leistung verdanken. Daneben braucht unsere Wissenschaft frisches Blut für eine erfolgreiche Entwicklung. In einer Zeit, in der die russischen Regierungsbeamten sich offensichtlich Sorgen über die Zukunft der Wissenschaft in Russland machen und Pläne für Verbesserungen schmieden, sollten die Schwierigkeiten, die meine kurze wissenschaftliche Karriere an der staatlichen Universität von Kaliningrad begleiteten die Ausnahme und nicht die Regel sein. Wenigstens bleibt dies zu hoffen. Als russischer Wissenschaftler wird man oft gefragt: "Werden Sie ins Ausland gehen?" Wie meine Erfahrung zeigt, darf man davon ausgehen, dass man sich selbst keinen Gefallen tut, wenn man hierauf mit "ja" antwortet. Es ist traurig, wenn man zugeben muss, dass das Heimatland unfähig ist, seine professionellen Ressourcen zu fördern und auszuschöpfen. Dass es sich nicht auf seinen eigenen Nachwuchs verlässt und ihm die Chance raubt, etwas zu leisten, auf das das Heimatland stolz sein könnte. Man kann nur hoffen, dass der junge Wissenschaftler, dem die Frage nach dem Gang ins Ausland gestellt wird, vielleicht in ein paar Jahren antworten kann: "Nein, warum sollte ich?"

18.04.2007
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Dr. Natalia L. Kononenko ist Biologin aus Russland. Ihr Heimatinstitut ist das Balaton Limnological Research Institute an der Ungarischen Akademie der Wissenschaften in Tihany. Seit Juli 2006 ist sie als Humboldt-Forschungsstipendiatin an der Freien Universität Berlin am Institut für Neurobiologie tätig.

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