Zu Gast beim Busfahrer
Von Katarzyna Marciniak
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Katarzyna Marciniak (Foto: privat).
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Sie halten Deutschland für eine Dienstleistungswüste und seine Bewohner für hoffnungslos distanziert und unfreundlich? Lernen Sie Berlin und seine Busfahrer kennen. Ihre Meinung wird sich ändern.
Die öffentlichen Verkehrsmittel in Berlin sind wie eine Beethoven-Symphonie: kraftvoll, abwechslungsreich und perfekt aufeinander abgestimmt. Man kann U-Bahn fahren, S-Bahn, Straßenbahn oder Bus. Dieses letztere Transportmittel garantiert die stärksten Emotionen. Eine kurze Fahrt genügt, und alle Vorurteile über die Deutschen klappen wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Dachten Sie, die Deutschen sind distanziert? Dass sie keine Ahnung von Gastfreundschaft haben? Dass sie mindestens 38 Jahre zum Nachdenken brauchen, ehe sie Sie zum ersten Mal nach Hause einladen? Weit gefehlt. Sogar in einem ganz normalen Linienbus werden Sie warm und herzlich begrüßt. Sie werden keine normalen Passagiere sein wie in anderen Ländern (passengers, passaggeri, passagers ...), sondern "Fahrgäste" - Sie sind also die Gäste des Fahrers!
Sie assoziieren jetzt wahrscheinlich nicht ohne Sorge, dass Gäste niemals mit leeren Händen kommen dürfen: Sie sollten Blumen, Wein oder Schokolade mitbringen. Wenn Sie zu Besuch beim Busfahrer sind, sind solche Mitbringsel jedoch nicht erforderlich. Ein gültiger Fahrschein genügt. Schwarzfahren ist unzulässig. Erstens würden Sie damit das Vertrauen des sympathischen Fahrers missbrauchen. Zweitens müssten Sie, falls Sie der in Berlin üblichen Heerschar von Kontrolleuren begegnen, Strafe zahlen. Bleiben Sie also lieber ehrlich. Das Geld können Sie statt in Strafgebühren lieber in einen Jodelkurs oder einen Kurs zum Zubereiten von Kartoffelsalat investieren.
Vorne einsteigen! Früher oder später lernt es jeder
Wenn Sie ohne Ticket einsteigen, ist das kein Problem, der Fahrer verkauft Ihnen eines. Wenn Sie hingegen schon ein Ticket haben, sollten Sie es beim Einsteigen stolz vorzeigen. Ach so, bitte immer an der Vordertür einsteigen! Leicht erheitert beobachtet der Fahrer im Seitenspiegel Scharen von orientierungslosen Touristen, die gegen die Mittel- und Hintertür stürmen. Sollen sie ruhig stürmen. Die Türen sind gut verschlossen. Der Fahrer wartet geduldig. Er weiß: Früher oder später lernt noch jeder Tourist, dass man nur vorne einsteigen darf. Wie sollte man auch sonst den Gastgeber begrüßen?
"Wenn Sie schon ein Ticket haben, sollten Sie es beim Einsteigen stolz vorzeigen" (Foto: picture-alliance / Picture Press / Thomas Ries). Klicken Sie hier für ein größeres Bild.
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Sie sind natürlich nicht so naiv. Innerhalb von nicht einmal einer Minute haben Sie die Vordertür gefunden. Dann zeigen Sie Ihren gültigen Fahrschein vor, der Fahrer guckt kurz, lächelt dann bestätigend und bittet Sie hinein: "Alles klar, bitte weiter." Bravo! Sie haben sich das Lächeln des Fahrers wohl verdient. Zeit, einen Sitzplatz einzunehmen. Der Schriftzug über der Tür des Doppeldecker-Busses informiert, dass in diesem Bus 45 sitzende und 23 stehende Fahrgäste im unteren Deck mitfahren dürfen, oben sind es 37 sitzende und 0 stehende, sowie ein "Leitpersonal", also unser Busfahrer. Die Sitzplätze müssen methodisch eingenommen werden: Zunächst klettern wir ins Oberdeck, und erst wenn dort bereits alle Plätze belegt sind, dürfen wir uns unten hinsetzen.
Vor Beginn der Fahrt ist es angezeigt, sich mit den verschiedenen Fahrscheinen vertraut zu machen und den geeigneten auszuwählen. Es gibt Ein-Fahrten-Tickets, Tageskarten, Gruppen-Tageskarten, Monatskarten für Menschen, Monatskarten für Fahrräder und sogar Öko-Tickets, die es gestatten, an einem Werktag zwischen 20 Uhr und 3 Uhr morgens umsonst einen Erwachsenen und drei Kinder mitzunehmen, an Wochenenden rund um die Uhr. Die Einzelheiten sind in den Fahrbestimmungen festgelegt. Dort erfahren wir zum Beispiel, dass man keine zusätzliche Fahrkarte benötigt, wenn man einen kleinen Hund mitnehmen will. Woher aber soll man wissen, ob der Hund klein oder groß ist? Nichts einfacher als das. Man muss nur in die Fahrbestimmungen gucken. Gemäß der dort enthaltenen Definition ist ein kleiner Hund ein "Hund bis zur Größe eines Hauskaters bzw. einer Hauskatze". Eine nette Geste in Richtung Gleichberechtigung, dass in den Fahrbestimmungen beide Katzengeschlechter erwähnt werden, nicht wahr? Und wie soll man diese Fahrbestimmungen in der Praxis anwenden? Nichts einfacher als das! Vor Betreten des Busses müssen wir eine Hauskatze (oder einen Kater) auft reiben, um einen Vergleich durchführen zu können. Leider sagen die Fahrbestimmungen nicht, wo man am schnellsten eine Musterkatze finden kann. Falls unser Hund nicht mehr wächst, genügt ein einmaliger Vergleich, allerdings unter der Bedingung, dass wir uns genau an das Ergebnis erinnern und die Tiere die Konfrontation überleben. Wenn wir hingegen einen jungen Hund haben, müssen wir das Experiment später wiederholen.
Hund, Fahrrad oder Tandem: Fahrscheine im Detail
Einen großen Hund können Sie kostenlos mitnehmen, "wenn Sie eine gültige Tageskarte, Kleingruppenkarte, Gruppentageskarte für Schüler oder eine Zeitkarte besitzen. Wenn Sie mehrere Hunde mitnehmen, dann lösen Sie bitte für den zweiten und gegebenenfalls für jeden weiteren Hund einen Einzelfahrausweis oder eine Tageskarte des Ermäßigungstarifs." Die Fahrbestimmungen berücksichtigen auch andere metaphysische Dilemmas: Gepäckmitnahme, Fahrradmitnahme auf Kurzstrecke, Mitnahme von Dreirädern und sogar den Unterschied zwischen einem gewöhnlichen Fahrrad und einem Tandem, was wie eine banale Frage erscheint, aber großen Einfluss auf eine familienorientierte Politik haben kann.
Die Linienbusse sind klimatisiert und fahren pünktlich ab. Der genaue Fahrplan leuchtet auf elektronischen Tafeln an den Haltestellen auf. Die Fahrer verfügen über Mikrofone und informieren ihre Gäste über Umleitungen. Sie warten immer, wenn sie an einer Haltestelle bemerken, dass jemand in letzter Minute herbeirennt. Sie fahren sicher und schnell über den besonderen Busstreifen, wie auf einer Formel-1-Rennstrecke. Manchmal kann man an einer Haltestelle beobachten, wie sie ein schneeweißes Taschentuch hervorziehen und das Lenkrad säubern. Der Name der nächsten Haltestelle wird von einer Frauenstimme angesagt. Den männlichen Reisenden lässt sich dann immer ansehen, dass ihnen bei den Worten "Hohenzollerndamm" oder "Johannisthaler Chaussee" ein diskreter Schauer über den Rücken läuft. Wenn die Fahrgäste aussteigen wollen, müssen sie einen der grünen Knöpfe an den Haltestangen betätigen. Hält der Bus kurz darauf an, fühlen Sie einen Kraftstrom in sich aufsteigen wie ein Jedi-Ritter nach einer dreijährigen Schulung: Sie waren es, Sie haben dieses riesige Fahrzeug zum Halten gebracht!
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