Geschichte auf der Bühne
"Im Grunde genommen bin ich kein Künstler. Ich bin Historiker, der seine Erkenntnisse in Form eines Schauspiels darstellen und bekannt machen will"
Von Heikki Ylikangas
Heikki Ylikangas (Foto: privat) | Es ist eine Seltenheit, dass ein Wissenschaftler zugleich ein Künstler ist. Ich bin es, aber in meinem Fachgebiet - Geschichte - muss man bis zum großen Zachris Topelius (1818-1898) zurückgehen, um einen anderen Professor zu finden, der auch auf literarischem Gebiet tätig war. Zufälligerweise habe ich gerade denselben Lehrstuhl inne - den für finnische und skandinavische Geschichte - wie Topelius seinerzeit. Allerdings war ich in wesentlich geringerem Maße als Topelius neben der Wissenschaft auch künstlerisch tätig. Ich habe einige Theaterstücke und einen Roman geschrieben.
Ganz kurz möchte ich aus meiner Sicht im Folgenden die Beziehung zwischen Kunst und Wissenschaft analysieren. Mein erstes Theaterstück trägt den Titel "Dreißig Silberlinge" (Kolmekymmentä hopearahaa, 1982). Es behandelt das traurige Schicksal eines berühmten religiösen Führers um die Mitte des 19. Jahrhunderts in Pohjanmaa - meinem Heimatort. Das zweite Schauspiel, "Der Weg zum Winterkrieg" (Tie talvisotaan, 1989), schildert die dramatischen Diskussionen und Handlungen der finnischen Regierung im Herbst 1939, unmittelbar vor Ausbruch des Winterkrieges.
Das dritte Drama, "Als Summa fiel" (Kun Summa petti, 2000), stellt dar, was geschah, nachdem die Russen die so genannte Mannerheim- Linie nahe der Stadt Viipuri am 12. Februar 1940 überschritten hatten. Der Roman "Ilkkainens Krieg" (1996) beschreibt den Bauernkrieg in Finnland gegen Ende des 17. Jahrhunderts.
Die beiden ersten Stücke, "Dreißig Silberlinge" und "Der Weg zum Winterkrieg", hatten großen Erfolg. Sie wurden auf der großen Bühne des Nationaltheaters aufgeführt und erreichten allein in Helsinki über 70.000 Zuschauer (später wurde das Stück auch an anderen Orten aufgeführt). Der Erfolg meiner beiden anderen literarischen Versuche war bescheidener. Der Roman wurde nicht in einer zweiten Auflage herausgegeben und "Als Summa fiel" erreichte etwa 22.000 Zuschauer. "Summa" wurde auf der kleinen Bühne des finnischen Nationaltheaters aufgeführt.
Wie hat dies alles begonnen? Nicht Topelius, sondern ein anderer finnischer Schriftsteller - auch von Haus aus Historiker - war für mich äußerst bedeutsam, nämlich Mika Waltari. Sein Roman, "Sinuhe, der Ägypter", aus dem Jahr 1945 hatte großen Einfluss auf mich - auch wegen Sinuhe bin ich Historiker geworden.
Gegen Ende der siebziger Jahre lernte ich den legendären finnischen Regisseur Edwin Laine kennen. Er hat mich ermutigt, die Untersuchung, mit der ich damals beschäftigt war, auch in Form eines Dramas zu bearbeiten. Er und die Leiter des Nationaltheaters, Terttu und Kai Savola, haben mir bei dieser Arbeit sehr geholfen. So entstand das Drama "Dreißig Silberlinge". Sein Erfolg öffnete die Tür für die anderen. Wie haben das große Publikum, andere Schriftsteller und meine Forscherkollegen reagiert? Die stärkste Kritik an meinem ersten Drama kam überraschenderweise von Seiten der Verwandten der in den Stücken vorkommenden Personen. Die Verwandten behaupteten öffentlich, dass ich ihre Vorfahren und durch sie die ganze Familie beleidigt und geringschätzig behandelt hätte. Auch einige Schriftsteller reagierten sehr negativ. Paavo Haavikko, namhafter Lyriker und selbst Schauspielschreiber, weigerte sich als Leiter der belletristischen Abteilung des Verlags Otava, mein Schauspiel "Dreißig Silberlinge" herauszubringen, sodass ich gezwungen war, einen neuen Verlag zu suchen. Die eigentliche Theaterkritik in den Tageszeitungen war geteilt, ausgewogen positiv und negativ.
"Der Weg zum Winterkrieg" wurde von den Theaterkritikern recht positiv aufgenommen. Eigentlich waren nur die Repräsentanten der Zentrumspartei unzufrieden. Nach ihrer Auffassung hatten ihre Parteigenossen - unter anderem der Präsident der Republik Kyösti Kallio - im Drama nicht die Bedeutung erhalten, die sie verdient hätten. Sie schrieben dies meiner politischen Einstellung zu.
Die heftigste Diskussion löste mein Schauspiel "Als Summa fiel" aus. Sowohl Kriegsveteranen als auch Historiker nahmen an dieser Auseinandersetzung teil. Beide Gruppen verurteilten meine Auslegungen scharf, wonach die finnische Regierung auf den Sieg Deutschlands im Weltkrieg vertraut und deswegen auf das Hilfsangebot der Westmächte verzichtet hatte. Diese Diskussion hält auch heute noch an.
Jedoch ist ein fiktives Theaterstück keine historische Untersuchung! In der Tat haben alle Seiten - das große Publikum, die Schriftsteller und die Geschichtsforscher - meine literarischen Veröffentlichungen nie für reine Fiktion gehalten. Sie gingen davon aus, dass ich auch als Historiker alles unterschreiben würde, was ich in Form von Theaterstücken vorgebracht habe. Einige Wissenschaftler - Literaturforscher - glaubten sogar, dass nicht nur die Charaktere, sondern auch die Dialoge der Personen aus historischen Quellen geschöpft seien. Erstaunlich, aber wahr.
Was ist der Grund dafür? Es ist meine eigene Schuld, denn ich habe meine Auslegungen in den Diskussionen mit dem Hinweis auf historische Quellen verteidigt, obwohl 99,9 Prozent der Dialoge erdichtet waren. Dazu ist Folgendes zu sagen: Die Gesamtauslegungen, nicht die Details, sind in meinen Schauspielen immer völlig identisch mit meinen Forschungsergebnissen gewesen. In der literarischen Form habe ich vielmehr eine Antwort auf zentrale Fragen zu geben versucht, beispielsweise nach den Ursachen des Winterkrieges. Im Schauspiel "Der Weg zum Winterkrieg" sollte versucht werden, verständlich zu machen, warum die Finnen ohne Verbündete, schlecht ausgerüstet und dadurch ohne Aussicht auf Sieg, zum Krieg mit der Großmacht geraten haben. Die Antwort in dem Stück ist die Antwort des Historikers, nicht des Künstlers.
Im Grunde genommen bin ich kein Künstler. Ich bin Historiker, der seine Forschungsresultate - Erkenntnisse - in Form eines Schauspiels darstellen und bekannt machen will. Die literarische Darstellung ist also ein Instrument zur Popularisierung der Wissenschaft. Das Drama ist vom Lauf der Zeit geschrieben, ich habe es nur als Schauspiel formuliert und zu Papier gebracht. Details, Persönlichkeiten und vor allem Dialoge sind fiktiv, die Hauptaussagen des Geschehens nicht.
Ich halte diese Art der Popularisierung für außerordentlich effektiv und will darauf nicht verzichten. Von einer Sache kann man - so meine ich - allerdings ausgehen: Für einen Forscher, wenigstens wenn er einigermaßen bekannt ist, ist es sehr schwer, wenn nicht unmöglich, von seiner Rolle als Wissenschaftler abzugehen und in die Rolle des Künstlers zu schlüpfen. Er ist und bleibt in den Augen der Menschen immer in erster Linie ein Forscher.
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