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Leben im Wasser - der Humboldt-Pinguin als Meister in seinem Element

Grundlagenforschung und angewandter Naturschutz müssen kein Widerspruch sein

Von Ingo Hahn und Miriam Fernández

Die Pinguine sind hervorragend an das Leben im Wasser angepasst - und tummeln sich noch zu Hunderten im Humboldt-Strom (Fotos: privat).

Über 100 Meter tief taucht er ins Meer hinab, bleibt minutenlang unter Wasser ohne Luft zu holen und schnellt dabei mit Geschwindigkeiten von bis zu 23 Stundenkilometern durch sein Medium. Nebenbei erjagt er kleine Fische, Kalamaren und andere Meerestiere - und entkommt im schnellen Zick-Zack-Tauchgang Fressfeinden wie Seelöwen, Schwertwalen und Haien: der Humboldt-Pinguin (Spheniscus humboldti). Er lebt nur im Pazifik vor der Küste Südamerikas, an welcher der Humboldt- Strom entlangzieht, der extrem kalte Wassermassen von der Antarktis herführt.

Hervorragend ist er an das Leben im rauen Ozean angepasst, und zwar so gut, dass er - wie alle Arten von Pinguinen (Aves: Spheniscidae) - seine Flügel im Laufe der Evolution zum Schwimmen umfunktionierte und auf die Flugfähigkeit ganz verzichten konnte. Jedoch erscheinen die Humboldt-Pinguine weit unbeholfener, wenn sie an Land kommen! Mit watschelndem Gang, von einem der kurzen Beine auf das andere schwankend, tauchen sie am Strand auf - und lassen "ihr" Element hinter sich zurück. So agil und wendig sie sich im Nass fortbewegen, so ungeschickt und fremd wirken sie auf dem Trockenen. Doch ist der "Landgang" unverzichtbar, denn nur hier lässt sich ein Nest anlegen und der Nachwuchs aufziehen.

Jedoch warten auf dem chilenischen Festland einige Gefahren auf die Pinguine: Füchse, streunende Hunde und nicht zuletzt Menschen stellen ihnen nach und bedrohen die Brut. Daher sind sie heutzutage nur noch an unzugänglichen Steilküsten und auf vorgelagerten Inseln zu finden. Wir nahmen uns vor, die Ursachen ihres Rückzugs und ihrer Gefährdung wissenschaftlich zu erforschen, wofür wir uns in solch einsame Gegenden aufmachen mussten. Was erschien dafür besser geeignet als die Inseln des "Humboldt-Pinguin Naturreservates" vor der Küste der nordchilenischen Atacama-Wüste? Los ging es, von Santiago de Chile gen Norden!

Ingo Hahn, Miriam Fernández.
    

In der kleinen Hafenstadt Coquimbo gibt es Verstärkung: die Biologin und Pinguinforscherin Ursula Ellenberg stößt dazu und gemeinsam wird die Expedition zu den Inseln vorbereitet: Kisten voll technischen Gerätes, Batterien, Zelte, Verpflegung für mindestens zwei Wochen - und natürlich genügend Kanister mit Trinkwasser. Fünf Tage später sitzen wir endlich zwischen all den Kisten und Kästen bei einem Fischer im Boot, 90 Kilometer nördlich von Coquimbo, und blinzeln über die blaue See hinüber zum Horizont. Dort zeichnen sich gegenüber dem wolkenlosen Himmel schwach die Konturen der unbewohnten Insel Choros ab - unbewohnt von Menschen, aber bewohnt von vielen Humboldt-Pinguinen, wie wir hoffen. Der Pazifik ist uns heute wohl gesonnen und bei leichtem Seegang erreichen wir nach einer Stunde Fahrt die kleine Bucht im Nordosten der Insel. Wir springen vom Boot auf einen Felsvorsprung und bergen unter erheblichem Schwanken nach und nach die ganze Ladung. Dann stehen wir auf dem Felsen - alles ist trocken geblieben - und rufen dem Fischer noch zu, dass er uns nicht vergessen dürfe …

Zwei Stunden später ist das Basislager aufgeschlagen, Zelt und Feldküche stehen im Windschutz einer improvisierten Steinmauer und wir klettern den steilen Pfad aus der Bucht hinauf, um auf das Inselobere zu gelangen. Es zeigen sich verschiedene Blütenaspekte, mit denen sich die sonst bräunliche Wüsteninsel in einem roten, grünen und gelben Farbenmeer zeigt - mit blauem Pazifikhintergrund. Verantwortlich für den ungewöhnlich üppigen Pflanzenwuchs sind die reichlichen Niederschläge in Folge des Klimaphänomens "El Niño", welche die sonst jahrelang regenlose Wüstenregion beleben.

Trotzdem haben wir jetzt keine Augen hierfür, denn diese sind schon damit beschäftigt, nach möglichen Brutplätzen der Pinguine Ausschau zu halten. Und die Suche wird bald belohnt: Aus dem Dunkel einer kleinen Höhle unter einem Felsblock schauen uns zwei Augen an, halb ängstlich, halb verwundert. Wir markieren den Standort mit dem GPS-Gerät. Dann ziehen wir uns schnell zurück, um den brütenden Humboldt- Pinguin nicht weiter zu beunruhigen. Froh, das erste Exemplar und erste Nest gefunden zu haben, sehen wir uns einem stacheligen Dickicht aus Kakteen gegenüber. Zurück und noch mal am Nest vorbei wollen wir nicht, also müssen wir hier irgendwie durch: Die langen Hosen sind eher mental wichtig, als dass sie uns wirklich schützen. Plötzlich raschelt es unmittelbar vor uns - dort, wo die Kakteen am dichtesten stehen. Leicht erschrocken, aber immerhin nicht zu leichtsinnigen Bewegungen verleitet, behalten wir die Stelle im Auge und konzentrieren die Blicke auf den dunklen Fleck unterhalb der Kaktusstämme. Das zweite Rascheln entgeht uns nicht - und schon ist der zweite Pinguin ausgemacht: Gut getarnt und perfekt geschützt, hat er seine zwei Eier in eine Erdkuhle unter dichtestes Stachelgewirr gelegt. Ein bizarrer Anblick, denken wir: Pinguine, die unter Kakteen brüten.

Humboldt-Pinguine legen ihre Nester oft unter Kakteen an. Das hat eine konkrete Funktion: guter Schutz vor Fressfeinden.

Eine wirkliche Pinguin-Insel und ein erfolgreicher erster Tag! Als wir abends wieder am Lager eintreffen, haben wir bereits sechs Nester lokalisiert und die Koordinaten gespeichert. Das ist auch die notwendige Voraussetzung für die anstehende Arbeit. Am nächsten Morgen geht es früh raus aus den Zelten, und nach "Katzenwäsche" am Strand und Frühstück im Stehen müssen die Untersuchungsgeräte zu den Brutplätzen geschleppt werden: Es soll nämlich eine neu entwickelte Methode zur Erfassung des Stresses bei Pinguinen ausprobiert werden. Dafür hatte Ursula noch den Schlaf der letzten Nacht in Coquimbo geopfert: Es wurden künstliche Eier zusammengelötet. Diese Plastikkonstruktionen sehen wirklichen Pinguineiern zum Verwechseln ähnlich, verbergen jedoch ein kleines Mikrofon im Inneren, mit dem die Herzschlagrate des darauf sitzenden Vogels aufgenommen werden soll. Diese Eier wollen wir heute in die Nester "schmuggeln", um dann später die Reaktion der brütenden Pinguine auf bestimmte Störungen anhand der Frequenz quantifizieren zu können.

Gesagt, getan - und die Pinguine akzeptieren die künstlichen Eier wie ihre eigenen. Nun stehen jedoch erst die eigentlichen Experimente an: Es soll ihre Reaktion auf Störobjekte in verschiedenen Entfernungen getestet werden. Hierzu muss eine Person erst 150 Meter entfernt, dann 100 Meter und 50 Meter am Nest vorbeigehen, während Ursula, gut getarnt, im nahen Versteck sitzt und die Herzrate des Pinguins digital aufzeichnet. Die hierbei erzielten Ergebnisse erweisen sich später als eindeutig: Es wird ein hoch signifikanter Zusammenhang von Stördistanz zu Reaktionsintensität nachgewiesen. Bereits eine 150 Meter entfernte Störquelle ruft messbare Unruhe bei den brütenden Humboldt-Pinguinen hervor. Passiert eine Person in 50 Metern Entfernung, schlägt das Herz des Pinguins bis zu 196 Prozent schneller als im Normalfall - und benötigt bis zu 18,6 Minuten, um sich wieder zu beruhigen. Werden die Pinguine wiederholt aus noch geringerer Nähe gestört, kann es passieren, dass sie ihre Brut aufgeben und nicht mehr zu den Eiern zurückkehren.

Es ist (noch) ein Paradies für Humboldt-Pinguine: die Insel Choros im Naturreservat.

Ein Vergleich mit anderen Arten zeigt, dass Humboldt-Pinguine extrem sensibel sind; Störungen wirken sich direkt negativ auf ihren Bruterfolg aus. Daher verwundert es nicht mehr, dass sie sich auf abgelegene Inseln zurückziehen, wo sie geschützt und ohne menschliche Störung bleiben. Das hiesige Naturreservat garantierte bisher einen solchen Schutz. Doch der menschliche Druck nimmt zu und auch in Chile macht die Suche nach immer neuen Zielen für den Tourismus nicht Halt. Ein Bündnis von Lokalfunktionären und internationalen Geldgebern begann im vergangenen Jahr mit dem Versuch, einzelnen Inseln den Schutzstatus zu entziehen, um dort einen Hotelkomplex bauen zu können.

Vor dem Hintergrund unserer Ergebnisse ist es leicht abzusehen, dass die scheuen Humboldt- Pinguine bei solch einem Eingriff nicht lange überleben würden - und ein weiteres Rückzugsgebiet verlören. Glücklicherweise konnte dieses Vorhaben durch die gemeinsame Initiative von Studenten, lokaler Bevölkerung und Wissenschaftlern gestoppt werden (Information unter: http://arenaph.penguinpage.net). Vorerst, wie man wohl hinzufügen muss, denn es steht zu befürchten, dass es weitere Versuche geben wird, das Reservat rücksichtslos auszubeuten. Um das Gebiet langfristig zu schützen, versucht die Initiative derzeit, die Ausweisung als Mariner Nationalpark zu erreichen.

Wir danken herzlichst Professor Lorenzo Cubillos, Professor Fernando Pimentel (beide Humboldt-Club Chile), Dipl.-Biol. Ursula Ellenberg (Univ. Otago, NZ) und Professor Guillermo Luna-Jorquera (Univ. Cat. Norte, Coquimbo) für die vielfältige Unterstützung!

07.01.2004
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Dr. Ingo Hahn
Fachgebiet: Tierökologie und Verhaltensforschung
Förderprogramm: Feodor Lynen-Forschungsstipendium
Gastuniversitäten: Pontificia Universidad Catolica de Chile, Departamento de Ecologia, Santiago/Chile, Universidad Austral de Chile, Facultad de Ciencias, Instituto de Zoologica "Ernst F. Kilian", Valdivia/Chile
Heimatuniversität: Universität Münster, Institut für Landschaftsökologie, Münster

Professorin Dr. Miriam E. Fernández
Fachgebiet: Meeresökologie
Förderprogramm: Humboldt-Forschungsstipendium
Gastinstitution: Stiftung Alfred-Wegener- Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI), Bremerhaven
Heimatuniversität: Pontificia Universidad Catolica de Chile, Departamento de Ecologia Santiago/Chile

Literatur:
Ellenberg, U. & Luna-Jorquera, G. (2002): ¿Pingüinos tímidos? - Impacto de la perturbación humana en el Pingüino de Humboldt. Proc. Congr. Marine Sciences (Valdivia) 12: 95.
Hahn, I., Ellenberg, U., Fernández, M. & Luna-Jorquera, G. (in prep.): Biodiversity, population numbers and conservation of birds on Choros Island: a case study from the biogeographical region of the desert Pacific coast of northern Chile. Ornitologia Neotropical, pp. 10.

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