"Warum sollten wir nur noch in die Toskana reisen?"
Der Astronaut und Physiker Dr. Ulf Merbold über Marsexpeditionen, die Internationale Raumstation und Weltraumtourismus
Ulf Merbod (Foto: Heidel). Klicken Sie hier für ein größeres Bild.
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Als erster Westdeutscher startet der Physiker Dr. Ulf Merbold am 28. November 1983 an Bord der Space Shuttle ins Weltall. Weitere Missionen folgen 1992 und 1994 - zuletzt als Astronaut der Europäischen Weltraumorganisation ESA zur russischen Raumstation MIR. Seit 1995 leitet der Wissenschaftler die Astronautenabteilung im Europäischen Astronautenzentrum der ESA in Köln. Im ESA-Zentrum für Weltraumforschung und -technologie im holländischen Noordwijk ist er verantwortlich für die wissenschaftliche Nutzung des europäischen Teils der Internationalen Raumstation ISS.
Kosmos: In einer bemannten Mars-Mission, die Sie bis 2030 für möglich halten, sehen Sie die Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Warum bleibt uns Ihrer Meinung nach keine andere Wahl, als diese Herausforderung anzunehmen?
Merbold: Unsere Vorfahren haben sofort unbekanntes Terrain besetzt, sobald die Technik dafür bereitstand. Auf diese Weise ist das jetzt gültige Weltbild entstanden. Menschen wie etwa Kolumbus haben erheblichen Anteil an der Erkenntnis der Wahrheit. Denn nicht das gesamte Wissen kam und kommt aus den Hochschulen, sondern auch von Persönlichkeiten, die durch Wüsten und Polarregionen gelaufen sind, die höchsten Berge bestiegen haben und in die Tiefen der Meere getaucht sind. Sie öffneten der Gesellschaft neue Horizonte. Warum sollten wir heute nur noch in die Toskana reisen, wenn wir erstmals technisch die Möglichkeiten haben, die Erde hinter uns zu lassen. Wir sind es unseren Vorfahren schuldig, das, was damals unternommen und riskiert wurde, auf unsere Weise fortzusetzen.
Kosmos: Wohin soll denn die Reise zuerst gehen?
Merbold: Noch einmal auf den Mond, um dort eine Forschungsstation einzurichten ähnlich wie die Stationen in der Antarktis. Das wäre auch für die Astrophysik eine unglaubliche Chance, weil die Sterne mit fest im Boden verankerten Teleskopen beobachtet und viele Strahlungen gemessen werden könnten, die die Erdatmosphäre absorbiert. Wenn wir gelernt haben, eine solche Station in einer an sich lebensfeindlichen Umwelt erfolgreich zu betreiben, dann haben wir auch das operationelle Know-how für den viel komplizierteren Flug zum Mars.
Kosmos: Welche Rolle spielt dabei die Internationale Raumstation?
Merbold: Die Internationale Raumstation ist ein unverzichtbarer Schritt vor einer mehrjährigen Marsexpedition. Mit Hilfe einer hoch komplizierten Technik werden auf der Station Überlebensbedingungen für den Menschen geschaffen. Ein Vorteil in dieser Phase ist, dass die Raumstation die Erde in unmittelbarer Nähe umrundet und sich die Besatzung bei unlösbaren Defekten zur Erde retten kann. Bevor man sich auf einen weiteren Weg macht, ist es daher wichtig, genügend Erfahrung mit der Versorgung und Wartung einer solchen Kunstwelt über längere Zeit zu sammeln. Allein die Wasserversorgung der Besatzung ist alles andere als trivial. Das gelingt letztlich nur über die Entwicklung in sich geschlossener Systeme.
Kosmos: Inwieweit ist die Raumfahrt auf dem Weg zu einem wirklich supranationalen Unternehmen der Menschheit?
Merbold: Diese Vision ist mit dem Bau der ISS bereits realisiert. Die Amerikaner und Russen arbeiten gemeinsam und nicht mehr wie früher in Konfrontation und sie schließen die Japaner, Kanadier und Europäer mit ein. Wir können auf keinen klugen Kopf verzichten. Außerdem erwächst aus der langen Zusammenarbeit gegenseitiges Verständnis und kulturelle Unterschiede treten dahinter zurück.
Kosmos: Wie stark ist das Interesse von Firmen, die Labormöglichkeiten der ISS für Experimente zu nutzen?
Merbold: 30 Prozent der Kapazitäten sollen Unternehmen gegen Bezahlung zur Verfügung stehen. Wann das allerdings genau möglich sein wird, kann ich nicht sagen. Ich bin aber überzeugt, dass diese Forschungschancen so attraktiv sein werden, dass wir nicht alle Nachfragen werden befriedigen können.
Kosmos: Haben weltweit verbreitete Bilder wie die vom Mars die Faszination der Menschen für das All neu geweckt?
Merbold: Ich hoffe es. Mein Traum wäre, Deutschland als ein Land zu erleben, in dem Konsensus darüber herrscht, in der Wissenschaft zu den Besten gehören zu wollen, aber nicht nur in der Raumfahrt. Es ist doch eine faszinierende Herausforderung, im eigenen Leben und im Leben einer gesamten Nation eine Spur zu hinterlassen. Leider stehen die Deutschen neuen wissenschaftlichen Dingen sehr argwöhnisch gegenüber, es fehlt die Bereitschaft, zu neuen Horizonten aufzubrechen, obwohl darin der Humus für eine blühende Wirtschaft liegt. Das empfinde ich als beklemmend.
Kosmos: Wie wird sich die Einstellung der Menschen zur Erde ändern, wenn Weltraumtourismus tatsächlich realisierbar wird?
Merbold: Ich hätte nichts gegen ein Weltraumhotel einzuwenden, solange es aus privaten Mitteln finanziert wird. Sicherlich hätte der Urlaub eher Abenteuer- als Erholungscharakter. So unrealistisch ist diese Art von Reisen gar nicht. Als 1923 Charles Lindbergh erstmals über den Atlantik flog, konnte sich wohl keiner vorstellen, zu welch günstigen Preisen heute Millionen Menschen täglich über die Ozeane fliegen.
Kosmos: Und mit welchem Weltbild kommen die All- Touristen zurück?
Merbold: Die Erde wird im Denken und Fühlen ihre Größe verlieren. Wenn es nur 90 Minuten dauert, sie zu umkreisen, nimmt man die Erde als kleine Kugel, als eine Art Raumschiff wahr. Das ist ein richtiges Aha-Erlebnis, das jeden trifft, der aus dem Fenster einer Raumfähre die Erde gesehen hat. Man kommt verändert zurück mit der ethischen Pflicht, dafür zu sorgen, dass dieser wunderbar aussehende Planet mit seinen im Vergleich zu einem Raumschiff unglaublich tollen Lebensbedingungen auch für die nachfolgenden Generationen lebenswert bleibt.
Kosmos: Welche Errungenschaften hätten wir ohne die Raumfahrt nicht?
Merbold: Kein billiges Telefon, kein weltumspannendes Internet, keine präzise Wettervorhersage und vieles mehr. Schalten Sie mal diese ganze Infrastruktur nur für einen Monat ab. Wie würde dann unser Leben aussehen. Auch wenn es im Alltag nicht wahrgenommen wird: Die Raumfahrt hat einen derartigen Stellenwert für unser Routineleben, dass wir uns nicht mehr vorstellen können, wie wir ohne Raumfahrt überhaupt existieren könnten. Es gibt auch politische Auswirkungen. Heute ist es durch die globalen Kommunikationssatelliten keinem Politiker mehr möglich, in irgendeinem hinteren Winkel der Erde etwas Finsteres zu machen, ohne dass die Welt Zeuge wird.
Kosmos: Wenn Sie die Chance hätten, noch einmal ins All zu fliegen, wohin möchten Sie dann reisen?
Merbold: Das ist natürlich eine extrem hypothetische Frage. Ich würde sofort bei einer guten Wissenschaftsmission mitmachen wollen, beispielsweise unter Nutzung der Internationalen Raumstation, um interessante Forschungsfragen zu beantworten. Das ist mein Leben, da komme ich her. Wenn ich 30 Jahre jünger wäre, würde ich gerne bei einer Marsexpedition mitfliegen. Allerdings würde ich warten, bis eine moderne Antriebstechnik einsatzbereit ist, etwa Ionentriebwerke, so dass der Hin- und Rückflug nicht drei Jahre sondern ein Jahr dauern würde.
Das Interview führte Uschi Heidel, Wissenschaftsjournalistin in Bonn.
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