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"Deutschland" - Auslandszeitschrift der Bundesrepublik Deutschland

Wir denken in Bildern

Interview Teruaki Takahashi

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Teruaki Takahashi.

Bilder spielen in der japanischen Literatur eine große Rolle, von den klassischen Dichtungen bis zur U-Bahnlektüre von heute. Ein Gespräch mit dem Germanisten Teruaki Takahashi über japanische Traditionen, den Einfluss der Europäer und die Liebe der Japaner zu Comic-Heftchen.

Kosmos: Herr Professor Takahashi, japanische Schriftzeichen sind näher am Bild und der Malerei als die lateinischen Buchstaben der westlichen Kulturen. Denken Japaner daher stärker in Bildern?

Takahashi: Ich glaube nicht. Wenn man etwas sprachlich beschreibt, tut man das oft in Bildern. Aus den Wörtern entstehen Szenen vor unserem inneren Auge.Wenn Sie oder ich einen Aufsatz schreiben wollen, dann machen wir zunächst eine Art Skizze, eine Gliederung, die nicht nur aus Stichworten besteht, sondern die Zusammenhänge mit Pfeilen, Kästchen oder Unterstreichungen auch graphisch darstellt. Das ist nichts anderes als eine sehr reduzierte Form eines Bildes. Das menschliche Denken ist von dem bildlichen Vorstellen gar nicht zu trennen.Ob Sie nun Japaner sind oder Europäer.

Kosmos: Dennoch spielen Bilder in der japanischen Kultur eine größere Rolle ...

Takahashi: ... und zwar mit einer langen Geschichte. In traditionellen japanischen Büchern werden Sie kaum eine Seite ohne Bilder finden. Text und Bild waren eine Einheit. In der Edo-Zeit, die von 1603 bis 1867 dauerte, gab es, besonders seit dem 18. Jahrhundert, speziell gebildete Schreiber, die Bunjin. Bun bedeutet Schrift und jin heißt Mensch, also Schriftmensch. Ein Bunjin musste aber nicht nur gut dichten können, er musste auch eine Landschaft schlicht und schön malen können - auch Blumen, Vögel oder Pferde. Doch diese Tradition wurde unterbrochen.

Kosmos:Wodurch?

Takahashi: Es lag an dem wachsenden Einfluss der Europäer, die eine klare Trennlinie zwischen Bild und Schrift zogen. Für die Japaner war das damals etwas ganz Neues, und sie importierten diese Denkweise. Die Bunjin-Tradition wurde als altmodisch abgetan. Das ist ein Beispiel für den Eurozentrismus, den sich die Japaner nach Öffnung des Landes in der Mitte des 19. Jahrhunderts aneigneten.

Kosmos: Kann man eine Linie ziehen von der Tradition der Bunjin zu den heute so enorm populären japanischen Comics, den Mangas, die viele erwachsene Japaner heute in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit lesen?

Takahashi: Tatsächlich lebt in der Mangakultur diese Tradition in gewisser Weise fort - gegen alle Widerstände. Denn Mangas galten lange als eine verpönte Subkultur. Als ich noch ein Kind war, sagte meine Mutter mir immer: Leg die Mangas weg - du musst anständige Bücher lesen. Beim Kino war das auch so. Heute wird Film sehr wohl als Kunst verehrt, aber als ihr Kind hätten mich meine Eltern nie ins Kino gelassen. Das war für sie ein Vergnügen der bloßen Unterhaltung. Ich musste immer heimlich hingehen.

Kosmos:Wie erklärt sich die japanische Faszination für Comics?

Takahashi: Es ist doch langweilig, wenn man nur das Bild sieht, und es ist langweilig,wenn man nur die Schrift liest. Beides zusammen macht eben ein Kunstwerk aus. So war es schon im Altertum. Berühmt sind die prächtigen Bildrollen aus dem zwölften Jahrhundert, die die Geschichte des Prinzen Genji in ausgewählten Szenen nacherzählen. Dabei folgt auf jede in Pinselschrift geschriebene Textpassage ein bunt gemaltes Bild, Szene für Szene. Andererseits gibt es in Europa auch eine solche Tradition. Es gibt ja schon seit langem Buchillustrationen. Auch im Mittelalter gab es Erzählungen, die fast nur aus Bildern bestanden. Denken Sie etwa an die prächtige Bebilderung der Armenbibel aus dem 14. Jahrhundert. Die Kombination von Schrift und Bild ist nicht genuin japanisch, sondern auch europäisch. Vielleicht hat man das nur etwas vergessen. Die gebildeten Europäer waren seit der Aufklärung, oder schon seit Luthers Schriftprinzip, sehr schriftlich orientiert. Aber die Tradition der Bilder gibt es trotzdem auch in Europa.

Kosmos: Und es gibt ein Interesse an der Mangakultur. Nicht nur bei europäischen Lesern, sondern auch bei Wissenschaftlern ...

Takahashi: Vor allem jüngere Kollegen haben damit angefangen, Mangas zu erforschen. Im Westen mehr noch als in Japan selbst, ist mein Eindruck. Ich selber benutze ab und zu ins Deutsche übersetzte Mangas in meinen Germanistikvorlesungen. Eigentlich ist es ein Wunder, dass man sich damit solange nicht wissenschaftlich beschäftigt hat. Denn schließlich ist dieses Kulturphänomen in Japan seit Jahrzehnten wichtig.Man könnte Japan besser verstehen, wenn man auch seine Mangas lesen würde.

18.01.2006
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Professor Dr. Teruaki Takahashi lehrt Germanistik an der Rikkyo Universität in Tokio. Als Humboldt-Forschungsstipendiat war er von 1984-86 und 2004 an den Universitäten in Bonn und Köln.

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