Weshalb wir einander brauchen
Von Annette Schavan
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Annette Schavan (Foto: BMBF).
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Die einen benötigen Freiräume, die anderen Beratung. Eine produktive Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Politik stärkt die Stellung Deutschlands im internationalen Wettbewerb.
Wissenschaft und Politik waren und sind schon immer aufeinander bezogen. Sie sind es heute in unserer immer komplexer werdenden Welt umso mehr. Wissenschaft setzt Freiheit und Autonomie voraus, um produktive Erkenntnisprozesse wirklich entfalten zu können. Sie kann dies allerdings nicht vollkommen losgelöst von Gesellschaft und politischer Ordnung, die diesen Freiraum, diese Privilegien erst schaffen und sichern. Politik ist auf der anderen Seite auf wissenschaftliche Beratung angewiesen: Wissenschaft ist bei allen oftmals konfliktreichen Debatten die zuverlässigste Quelle für die Analyse und Bewertung von Sachverhalten. In hoch komplexen Bereichen wie beispielsweise Biotechnologie, Klimawandel oder Friedenssicherung bedarf Politik unbedingt der wissenschaftlichen Beratung. Diese muss sich durch Unabhängigkeit und die verantwortliche Suche nach allgemeinen Aussagen auszeichnen. Politik hat durch ihre demokratische Legitimation die Aufgabe und die Verantwortung, zu verbindlichen Entscheidungen zu kommen. Sie muss allerdings auch immer wieder Entscheidungen treffen, bevor letzte Gewissheit über noch ungeklärte Bewertungen und Interpretationen wissenschaftlich hergestellt ist.
Wir brauchen Naturwissenschaftler, die an vorderster Linie des Erkenntnisfortschrittes forschen und wir brauchen High-Tech-Spitzenforschung an der Schnittstelle zur Industrie. Zu den grundlegenden Erfahrungen des wissenschaftlich tätigen Menschen gehört der verantwortungsbewusste Umgang mit Erkenntnissen. Dass der Mensch mehr kann als er darf, gehört zur Freiheitsgeschichte moderner Gesellschaften. Hier hat die Politik eine entscheidende Rolle, in dem sie den gesellschaftlichen Dialog über die Umsetzung dessen, was möglich ist, moderiert und mitgestaltet.
Zu einer guten Wissenschafts- und Forschungspolitik gehört für mich auch das Interesse der Politik an wissenschaftlicher Arbeit und den Ergebnissen der Forschung. Deshalb werde ich oft Institute und Hochschulen besuchen, den unmittelbaren Kontakt mit der Wissenschaft und dem wissenschaftlichen Nachwuchs suchen und mich darum bemühen, der Wissenschaft den Freiraum zu verschaffen, den sie braucht. Ich verstehe mein Amt nicht als eines, in dem immer mehr Regeln aufgestellt und verordnet werden, sondern so, dass der Verantwortung vor Ort großes Gewicht zugemessen wird. Größere Handlungsspielräume sind ein überzeugender Weg zu verantwortungsbewusster Autonomie. Ich freue mich darüber, dass Wissenschaft und Forschung nicht nur in meinem Ressort, sondern in der neuen Bundesregierung insgesamt einen hohen Stellenwert einnehmen.
Vom Land der Ideen zum Land der Umsetzung
Deutschland ist ein Land der Ideen. Hier wurde das erste Auto gebaut. Hier wurden Chipkarte und Airbag erfunden. Erfolgsgeschichten dieser Art gibt es viele. Wir alle kennen aber auch Geschichten, die weniger glücklich verlaufen sind: das Telefax, der MP3-Player und die Technologie für den Flachbildschirm. Sie wurden in Deutschland erfunden, hier aber nicht zur Marktreife entwickelt. Dies darf sich nicht wiederholen. Wir müssen schneller Brücken von der Forschung hin zu den Zukunftsmärkten schlagen. Hier ist neben Wissenschaft und Industrie auch die Politik gefragt. Die Bundesregierung startet deshalb eine High-Tech-Strategie für Deutschland. Unser Land muss von einem Land der Ideen auch zu einem Land der Ideenumsetzung werden. Mit der High-Tech-Strategie wollen wir Wissenschaft und Wirtschaft zur Zusammenarbeit bringen, wollen Forscherinnen und Forschern Mut machen, ihre Ideen zu realisieren und Unternehmen zu gründen, wollen Forschungsförderung und rechtliche Rahmenbedingungen für Zukunftsmärkte in wichtigen Technologiefeldern verbinden, wollen kleinen und mittelständischen Unternehmen ermöglichen, dieses Potential auch besser zu nutzen. Sie sind Rückgrat und Innovationspotential unserer Wirtschaft. Wir werden deshalb neue Instrumente zum Wissens- und Technologietransfer sowie zur Förderung regionaler Cluster einsetzen.
In unserer Zeit hat sich nicht nur das Tempo im Alltag und in der Politik geändert. Auch in der Wissenschaft führt der sich zunehmend internationalisierende Wettbewerb zu immer höheren Schlagzahlen der Wissensproduktion, die mit der so genannten Halbwertzeit des Wissens einhergeht. Unsere Zeit stellt daher auch an alle Akteure immer höhere Ansprüche, was den Zugang zu neuen Informationen, aber vor allem auch ihre Auswertung und Umsetzung in konkretes Handeln angeht. Die Alexander von Humboldt-Stiftung sieht sich als Brückenbauer und genau dies brauchen wir. Brückenbauer, die wissenschaftliche Erkenntnisse transparent und für Menschen in unserer Gesellschaft verständlich machen. Brückenbauer, die gesellschaftliche Debatten anstoßen und unterfüttern, und natürlich Brückenbauer in die ganze Welt, eine Funktion, die die Alexander von Humboldt-Stiftung vorbildlich ausfüllt. Wir wollen den Dialog zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, Gesellschaft und Politik verdichten. Das ist auch eine zukunftsweisende, produktive und einer demokratischen Gesellschaft angemessene wissenschaftliche Politikberatung.
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