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"Deutschland" - Auslandszeitschrift der Bundesrepublik Deutschland

Eine innere Angelegenheit

Von Jennifer Jenkins

This article in English

Jennifer Jenkins.
Jennifer Jenkins

Was für den Westen Provokationen sind, gilt der iranischen Politik als Ausweis nationaler Souveränität. Jennifer Jenkins über den historischen und den neuen Nationalismus im Iran als Ursache aktueller Konflikte.

Kaum ein Tag vergeht derzeit ohne neue Nachrichten aus dem Iran. Es wimmelt geradezu von Schlagzeilen über die aggressive Außenpolitik des Landes und zunehmende innenpolitische Repressionen. Seien es die Missachtung von Sanktionen der Vereinten Nationen im Bezug auf das iranische Nuklearprogramm oder die iranische Absichtserklärung, die Pläne zur Urananreicherung im Land voranzutreiben, seien es die Festnahmen von Ausländern und Iranern unter dem Verdacht der Spionage, Säuberungsaktionen unter persischen Wissenschaftlern an der Universität Teheran oder zunehmende Polizeikontrollen von Frauen und jungen Männern, die sich nicht an die islamische Kleiderordnung halten - die Berichte sind so zahlreich wie beunruhigend. Am 4. Juni 2007 hielt der Präsident der Islamischen Republik Iran Mahmud Ahmadinedschad eine feurige Rede zum 18. Todestag von Ajatollah Ruhollah Khomeini, dem Revolutionsführer und Gründer der Islamischen Republik. Er sprach über Irans Nuklearprogramm und verteidigte vehement die Existenz und Weiterentwicklung der iranischen Nuklearpläne trotz der von den Vereinten Nationen verhängten Sanktionen, der Verurteilung durch die Vereinigten Staaten und des erbitterten Widerstands der Europäischen Union.

Eine Woche vor diesem Ereignis erhob die iranische Regierung Anklage gegen drei Iraner, die auch die US-amerikanische Staatsbürgerschaft besitzen. Sie wurden wegen Spionage für die Vereinigten Staaten angeklagt und befinden sich in iranischer Haft. Im Laufe des vergangenen Jahres hat die Zahl ähnlicher Verhaftungen zugenommen, doch dieser neueste Vorfall ist bemerkenswert wegen der offenen Spionageanschuldigungen und lässt weitere Verhaftungen erwarten. Die Bekanntgabe der Anklagen fand interessanterweise am selben Tag statt wie das erste diplomatische Treffen von Vertretern Teherans und Washingtons seit der Islamischen Revolution 1979. Diese ersten Gespräche seit fast einem Vierteljahrhundert am 28. Mai 2007 konzentrierten sich auf spezielle Maßnahmen gegen die Gewalt, die Irans Nachbarstaat Irak zerreißt.

Im Februar dieses Jahres wurden die Schlagzeilen dominiert von der dramatischen Festnahme von 15 britischen Marine-Soldaten im Persischen Golf durch die iranische Revolutionsgarde. Die britischen Matrosen wurden angeklagt wegen rechtswidrigen Eindringens in iranische Hoheitsgewässer und wurden bis zu ihrer unversehrten Freilassung längere Zeit in Teheran gefangen gehalten.

Nationalismus als roter Faden

Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad bei einem Besuch in Isfahan im Mai 2007 (Foto: picture-alliance / dpa-Report / epa Str). Klicken Sie hier für ein größeres Bild.
Ahmadinedschad in Isfahan

Journalisten und Politiker, besonders aus den Vereinigten Staaten, behaupten oft , das Handeln des Irans nicht zu verstehen. Bei genauerem Hinsehen erkennt man jedoch, dass der iranische Nationalismus der rote Faden ist, der sich durch alle Ereignisse zieht. Er ist die Ursache, die Ereignisse sind die Symptome. Beides zusammen muss beleuchtet und erläutert werden. Mein Forschungsprojekt befasst sich mit der Geschichte Deutschlands und des Irans im 20. Jahrhundert und untersucht die Verbindungen zwischen nationalistischen Bewegungen, Krieg und Diktatur in beiden Ländern in einer vom Imperialismus geprägten historischen Zeitspanne. Nationalismus ist eine historische, zeitgebundene Größe und keine von der Zeit unabhängige Macht. Der Nationalismus im Iran hat sich in jüngster Zeit verändert und ist radikaler geworden. Sein Schwerpunkt liegt auf der Betonung der iranischen Souveränität. Während Ahmadinedschads militante Vision eines Schia-Islam und seine außenpolitische Haltung gegenüber den Vereinigten Staaten und Israel im Iran selbst nicht viele Anhänger finden, tut es seine Propaganda für die iranische Souveränität sehr wohl. Studenten der Universität Teheran haben lautstark gegen einzelne politische Pläne des Präsidenten demonstriert, einschließlich seines Infragestellens des Holocaust und seine Forderung, "Israel von der Landkarte zu löschen". Sie haben es trotz des großen Risikos getan, inhaftiert zu werden, wie andere Studenten vor ihnen. Aber Nationalismus stellt in jedem Land ein komplexes Phänomen dar, und Nationalbewusstsein und Vaterlandsliebe sind auch unter Studenten ein starker Motivationsfaktor. Die Bedeutung von Souveränität und nationalen Rechten ist belastet und wechselhaft in diesem Land mit seiner Geschichte von Besatzung, Ausbeutung und Teilkolonialisierung durch fremde Mächte im letzten Jahrhundert. Entsprechend komplex und mehrdeutig ist der iranische Nationalismus. Er äußert sich in mannigfaltigen politischen Richtungen.

Zu einer der wesentlichen innenpolitischen Entwicklungen in den vergangenen zwei Jahren seit der Wahl Ahmadinedschads zum Präsidenten im Juli 2005 zählte die Transformierung, Mobilisierung und Militarisierung des Nationalismus im Iran. Früher war der Nationalismus ein Instrument der Gegner und Kritiker der islamischen Republik.

Sie setzten ihr Verständnis einer Nation dem des Kleriker-Establishments entgegen. Sie reklamierten ein kulturelles und kosmopolitisches Verständnis von iranischer Tradition als Gegenmodell zu den rigiden religiösen Programmen. In der letzten Zeit hat sich der Nationalismus im Iran in verschiedene Richtungen entwickelt. Er hat sich ausgebreitet und ist härter geworden, angetrieben durch den Krieg im Irak, die Außenpolitik der Vereinigten Staaten und den derzeit wachsenden islamischen Radikalismus. Die offenere Situation unter dem früheren Präsidenten, dem Reformer Mohammed Khatami, hat sich drastisch gewandelt. Der heutige Nationalismus vereint die frühere Opposition, die Schia-Kleriker und die säkularen Reformisten gleichermaßen, rund um die Rechte eines souveränen iranischen Staates. Der verstärkte Fokus auf die nationale Souveränität zeigt sich in unterschiedlichen Facetten, vom Beharren der iranischen Regierung auf ihrem Verständnis der Hoheitsgrenzen im Persischen Golf bis hin zur Aktivierung der Bevölkerung zur Unterstützung der Forderung nach einem eigenen iranischen Kernbrennstoffkreislauf.

Deutschland und Iran: geteilte Geschichte

Der Freiheitsturm (Azadi) als Wahrzeichen des modernen Teheran (Foto: Nima Moghaddan). Klicken Sie hier für ein größeres Bild.
Freiheitsturm in Teheran

Nationalismus ist ein historisches Artefakt, und die Geschichtswissenschaft kann viel zu seiner Erklärung beitragen. Deutschland und der Iran teilen im Hinblick auf den Nationalismus ein Stück Geschichte, deren Kenntnis sehr nützlich sein kann beim Verstehen der derzeit schwierigen internationalen Lage. Die Wurzeln des iranischen Nationalismus liegen am Anfang des 20. Jahrhunderts, als das Land besetzt und aufgeteilt war zwischen den Großmächten Großbritannien und Russland. Die Artikulation und Verteidigung der iranischen nationalen Souveränität wurde ein zentrales Thema in der komplexen historischen Beziehung des Landes zu Deutschland. Bereits 1906 im Rahmen der der Konstitutionellen Revolution, in der die persischen Nationalisten für die Errichtung eines Parlaments und einer Verfassung nach westlichem Vorbild kämpften, engagierten sich deutsche Geschäftsleute, Diplomaten und Wissenschaftler für stärkere wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen zwischen den beiden Ländern. Während der Iran im Norden von Russland besetzt war und im Süden von Großbritannien kontrolliert wurde, orientierten sich persische Nationalisten im Kampf gegen ihre eigene tyrannische Regierung, die Dynastie der Kadscharen, in Richtung Deutschland als ein europäisches Land, das keine Ansprüche auf ihr Gebiet stellte. Sie betrachteten Deutschland als ihren möglichen Befreier, sowohl von den Kadscharen als auch von den fremden Großmächten. Vor 1914 sahen sie Deutschland als das Land an, das ihnen bei der Modernisierung ihres eigenen Landes helfen würde durch den Transfer von europäischem Wissen und Kapital. Gleichermaßen spielte Persien eine zentrale Rolle in Deutschlands Weltpolitik und seinen Plänen einer Expansion des Kaiserreichs. Deutsche Nationalisten, von den Liberalen bis hin zur pangermanischen Bewegung, forderten damals lautstark eine verstärkte deutsche Präsenz in dem Land.

Wie Kanzler Schröder die Deutschen verwirrte

Viele Aspekte der deutsch-iranischen Geschichte sind in der breiten Öffentlichkeit in Vergessenheit geraten. Als Mohammed Khatami, der frühere Präsident der islamischen Republik, am 11. Juli 2000 zu einem offiziellen Staatsbesuch nach Berlin kam, sprach der damalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder von einem Neuanfang der Beziehungen zwischen den beiden Ländern. Er äußerte den Wunsch, die "tiefen historischen Beziehungen" zwischen Deutschland und dem Iran wiederzubeleben. Wenn diese Anspielung von der deutschen Öffentlichkeit überhaupt wahrgenommen wurde, hat sie vermutlich die verwirrte Frage aufgeworfen: "Welche historischen Beziehungen?" Schröder bezog sich nicht auf die Iraner, die in Deutschland leben, auch nicht auf die deutschen wirtschaftlichen Interessen im Nahen Osten, zumindest nicht direkt. Diese Entwicklungen sind Nachwirkungen der historischen Beziehungen, auf die er anspielte. Die hochkulturellen Spuren der Verbindungen zwischen den beiden Ländern sind in Deutschlands kollektivem Gedächtnis erhalten - Goethe verehrt in seiner Gedichtsammlung "West-östlicher Diwan" das Werk des persischen Dichters Hafes, und der Philosoph Hegel bezeichnet Persien als zentralen Übergangspunkt für den Weltgeist. Die konkreten Beziehungen zwischen Deutschland und dem Iran im 20. Jahrhundert waren jedoch zahlreicher, komplizierter und politischer als allgemein bekannt. Um solche Beziehungen aufzudecken, beginne ich mit meinen Untersuchungen am Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Reisen und Unternehmungen von Wissenschaftlern, Diplomaten, Gewerbetreibenden, Ingenieuren, Ärzten, Offizieren, Politikern und Archäologen bezeugen die kulturellen und politischen Beziehungen zwischen Deutschland und dem Iran, welche die nationalistischen Bewegungen in beiden Ländern in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts förderten. Über die diplomatischen und politischen Aspekte der Beziehungen hinausgehend untersuche ich den transnationalen Austausch von Menschen und Ideen - die Erfahrungen von Deutschen im Iran und von Iranern in Deutschland - von 1906 bis 1979. Dadurch versuche ich, die Verbindungen in der Geschichte der beiden Nationen zu durchleuchten.

28.11.2007
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Professor Dr. Jennifer Jenkins lehrt Deutsche und Europäische Geschichte an der Universität Toronto, wo sie den vom Canada Research Chairs-Programm finanzierten Lehrstuhl für Moderne Deutsche Geschichte innehat. Als Humboldt-Forschungsstipendiatin erforscht sie zurzeit die deutsch-iranischen Beziehungen im 20. Jahrhundert am Berliner Kolleg für Vergleichende Geschichte Europas der Freien Universität Berlin.

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