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"Deutschland" - Auslandszeitschrift der Bundesrepublik Deutschland

Die Wunderpflanze

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Odunayo Adebooye (Foto: privat).
Odunayo Adebooye

In Nigeria soll sie Mangelernährung vorbeugen, in Europa helfen, einheimische Früchte resistent gegen die Folgen des Klimawandels zu machen. Odunayo Adebooye erforscht die Schlangentomate.

Im Gewächshaus schlägt dem Besucher Feuchtigkeit entgegen vermischt mit einem eigentümlichen Aroma. Der intensive Duft entströmt den Blüten, Früchten und Blättern von Trichosanthes cucumerina L., der Schlangenhaargurke. In ihrer Heimat im Südwesten Nigerias nennt man sie Schlangentomate, weil die reifen Früchte sich kräftig rot färben und ähnlich schmecken sollen wie Tomaten. Im Moment sehen die meisten Früchte eher aus wie blasse Gurken. Doch das kann auch an dem verregneten Sommer in Deutschland liegen. Denn hier, fernab der afrikanischen Sonne, wachsen rund hundert Pflanzen im Gewächshaus des Fachbereichs Gartenbauwissenschaft im Institut für Nutzpflanzenwissenschaften und Ressourcenschutz (INRES) der Universität Bonn. Hierher gebracht und aufgezogen hat sie der nigerianische Gartenbauwissenschaft ler Odunayo Adebooye. Er will mehr über die bislang kaum erforschte und in seiner Heimat als eine Art Tomate für arme Leute gering geschätzte Pflanze herausfinden.

Denn Trichosanthes cucumerina hat es in sich. Ihr Gehalt an Vitamin C, Vitamin A, Rohproteinen, essentiellen Aminosäuren und Kalzium ist dem der bislang bevorzugten und weiter verbreiteten Tomate und manch anderen Gemüsesorten weit überlegen. Zugleich stellt sie weniger Ansprüche an den Boden und ist daher ideal für den humusarmen Grund, dem die Farmer in Südwestnigeria sonst nur mit Mühe Gemüse abtrotzen. Als Grundnahrungsmittel und Vitaminlieferant könnte sie Mangelernährung vorbeugen und etwa dafür sorgen, dass die vor allem bei Kindern häufigen Augenkrankheiten in der Region weniger würden. Eine zusätzliche Einkommensquelle für die Bauern wäre ihr Anbau zudem.

Zunächst aber müsste mehr über die Schlangentomate bekannt sein und ihre Verwendung populärer gemacht werden. Wenn es einen idealen Botschafter hierfür gibt, dann ist es Adebooye. Die Pflanzen, die hier in Bonn ein halbes Gewächshaus füllen und bis unter die Decke ranken, sind seine Babys. Der Vaterstolz ist nicht zu übersehen, wenn Adebooye mit leuchtenden Augen die Pflanzen präsentiert: "Riechen Sie das Aroma? Sehen Sie sich diese Frucht an. Hier wird sie nur so groß wie eine Gurke, doch in Nigeria kann sie bis zu einem Meter lang werden!" Wenn der schlaksige Afrikaner mit raschem Schritt in Turnschuhen durch das Institut und die Gewächshäuser federt und Kollegen trifft, merkt man, dass seine Begeisterung ansteckend ist. Jeder kennt Adebooye und seine Pflanzen. Die Fangemeinde der Schlangentomate wächst bereits.

Das Bonner Klima überlisten

Trichosanthes cucumerina L. (Foto: Georg Scholl). Klicken Sie hier für ein größeres Bild.
Trichosanthes cucumerina L.

Dabei war es anfangs nicht einfach. Mochte Bonn, anders als Adebooyes Heimatinstitut, die nötigen technischen Voraussetzungen für die Erforschung der optimalen Kultur- und Anbaubedingungen der Wunderpflanze bieten - der Schlangentomate fehlte ihr natürliches Umfeld. Die aus Nigeria mitgebrachten Samen wollten nicht keimen. Selbst im Gewächshaus war der Boden zu kalt. Also bauten die deutschen Kollegen eine spezielle Apparatur, eine Art Fußbodenheizung, die die Anzuchterde auf 25 bis 30 Grad Celsius erwärmt. Im wohlig temperierten Erdreich keimten die Pflanzen sogar schneller als daheim und wuchsen mit Hilfe künstlicher, intensiverer Lichteinstrahlung zügiger weiter. Doch das nächste Problem wartete bereits. Die in Deutschland heimischen Insekten konnten die Blüten nicht bestäuben. In Nigeria besorgen dies bestimmte Schmetterlingsarten. Adebooye musste die Blüten mechanisch befruchten und die Pollen mit einem Pinsel übertragen, was nicht einfach war. Wahrscheinlich können nur Agrarwissenschaftler oder allenfalls Rosenzüchter wirklich das Glücksgefühl nachvollziehen, das sich einstellte, als die Mühen endlich zum Ziel führten und die ersten Früchte sprossen.

Vieles, was für den Anbau und die Popularisierung der Pflanze wichtig ist, hat Adebooye in Bonn herausgefunden und mit wissenschaftlich fundierten Daten unterlegt. Er weiß, welche Mineralstoffe der optimale Boden enthalten muss, er kennt die Konzentration der verschiedenen Nährstoffe, die die Früchte ernährungsphysiologisch so attraktiv machen. Er weiß, wie viel Sonnenlicht die Pflanze für optimales Wachstum braucht und dass sie gegen Schädlinge und Pilze unempfindlich ist. Die Schlangentomate verträgt auch starke UV-Belastungen, wie Adebooye sie mit künstlicher Bestrahlung an einigen Pflanzen simuliert hat. Europäische Obst- und Gemüsearten reagieren unter solchen Bedingungen empfindlicher. Sie bekommen einen Sonnenbrand.

Welche Schutzmechanismen dafür sorgen, dass der Schlangentomate so etwas nicht passiert, interessiert nicht nur Adebooye, sondern auch seinen wissenschaftlichen Gastgeber und Leiter des Fachbereichs, Georg Noga. Wie Pflanzen auf Stress reagieren und wie sie trotzdem hohe Erträge liefern, ist einer seiner Forschungsschwerpunkte. Die Erforschung der Schlangentomate könnte ihm Erkenntnisse liefern, die sich bei der Züchtung neuer, sonnenbrandunempfindlicherer Nutzpflanzen einsetzen ließen. "Oft höre ich, dass Wissenschaftler aus Entwicklungsländern nur hierher kommen, um bei uns etwas zu lernen. Die klassische Entwicklungshilfeeinbahnstraße sozusagen. Doch bei diesem Projekt findet es statt, das viel beschworene Geben und Nehmen. Die Zusammenarbeit führt zu einem Wissensgewinn auch auf unserer Seite!", sagt Noga. Er leitet den Lehr- und Forschungsbereich Gartenbauwissenschaft im INRES schon seit rund zehn Jahren. Mit grauen Haaren, Anzug und Schlips entspricht er dem seriösen Bild, das man sich wohl nicht nur in Nigeria von einem deutschen Professor macht. Adebooye spricht ihn nur mit Prof an, beinahe so, als wäre er selbst noch ein Student und als erfordere dies der Respektabstand, den ein 40-jähriger Wissenschaftler aus einem Entwicklungsland zu einem deutschen Professor zu halten habe. Doch wenn Adebooye Prof sagt, hört es sich nicht nur nach Respekt, sondern zugleich nach Vertrautheit an. Sein Gastgeber und er sind ein Team.

Snack im Gewächshaus: Adebooye, Gastgeber Noga und Kollegin Lankes kosten die ersten Früchte (Foto: Georg Scholl). Klicken Sie hier für ein größeres Bild.
Adebooye, Gastgeber Noga und Kollegin Lankes

Welchen Respekt er tatsächlich vor der Erfahrung und dem Know-how des deutschen Kollegen hat, betont Adebooye mit Nachdruck. Dankbar sei er für das, was er hier lernen und für die ungleich besseren Bedingungen, unter denen er forschen könne. Die Begeisterung ist gegenseitig. "Am liebsten", sagt Noga, "würde ich ihn hierbehalten. Er ist ein hervorragender Wissenschaftler." In wenigen Wochen endet die Kooperation leider vorzeitig. Adebooyes Heimatuniversität hat ihn wegen Personalmangels im Lehrbetrieb zurückgerufen. Die geplanten gemeinsamen Versuche zur UV-Resistenz der Pflanze muss Noga nun allein mit seiner Kollegin Christa Lankes durchführen, die schon die bisherigen Experimente tatkräftig begleitete. Adebooye wird dagegen dort weitermachen, wo er in Nigeria aufgehört hat, nachdem er die Pflanze in einem kleinen Dorf entdeckt und ihr Potenzial zu erforschen begonnen hatte. Damals hatte er eine wissenschaftliche Konferenz veranstaltet und die Werbetrommel gerührt. Jeder der Teilnehmer bekam ein Päckchen mit Samen, um die Schlangentomate in seiner Region anzubauen. Mit den Ergebnissen aus Bonn plant Adebooye nun die nächste Welle zur Verbreitung der Pflanze.

Doch noch ist es bis zum Abschied einige Zeit hin. Gemeinsam sitzen Adebooye, Noga und Christa Lankes in Nogas Büro und feiern einen ganz besonderen Augenblick: Die erste Schlangentomate aus Bonner Zucht kommt auf den Tisch. Adebooye schneidet sie mit einer Rasierklinge der Länge nach auf und serviert die tiefroten fleischigen Kerne auf dem herbeigeholten Kaffeegeschirr. Sie schmecken süßlich exotisch und erinnern an eine Kakifrucht. "Nicht schlecht. Aber der Geschmack ist sicher noch ausbaufähig", meint Noga. Ob die Schlangentomate auch etwas für den deutschen Küchentisch wäre, müssten die Konsumenten entscheiden. Nogas Institut arbeitet mit einem Partner zusammen, der sich um die Vermarktung neuer und optimierter Nutzpflanzen kümmert. Vielleicht liegt Trichosanthes cucumerina L. also irgendwann einmal im Regal des Supermarkts um die Ecke. Möglicherweise dann an Stelle der hierzulande weit überschätzten gemeinen Strauchtomate. Odunayo Adebooye wäre sicher sehr stolz auf sein Baby.

Von Georg Scholl27.02.2008
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Dr. Odunayo Clement Adebooye lehrt Pflanzenphysiologie und Agrarwissenschaften an der Obafemi Awolowo University, Ile-Ife, Nigeria. Als Georg Forster-Forschungsstipendiat war er 2007 an der Universität Bonn. Zuvor forschte er von November 2005 bis Juni 2006 am Central Food Technological Research Institute der Universität der Vereinten Nationen in Mysore, Indien.

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