Titelthema: Wissen schafft Entwicklung

Erdbebensichere Häuser für Entwicklungsländer

Von Hamid Isfahany und Georg Pegels

Starke Erdbeben sind trotz aller bisherigen Forschung verheerend, vor allem in Entwicklungsländern. Erdbebensichere Wohnhäuser wären nötig, doch sie werden nicht gebaut. Fachwerkhäuser könnten das Problem lösen. Iranische und deutsche Forscher stießen auf das ungeahnte Potenzial der altertümlichen Architektur. 

Alle Häuser dieser Welt sind gebaut, um der Schwerkraft zu trotzen. An horizontale Belastungen wird weniger gedacht, denn Windkräfte sind vergleichsweise gering und gefährliche Erdbebenstöße selten. Menschen neigen dazu, seltene Ereignisse zu verdrängen. Und dann plötzlich kostet wieder ein starkes Erdbeben viele tausend Menschenleben. Das muss nicht so bleiben.

Bei der Besichtigung von bis zu 400 Jahre alten Fachwerkhäusern während einer DAAD-Sommerschule in Wuppertal wurde die Idee geboren: Junge Wissenschaftler aus dem Iran entdeckten das Fachwerk als erdbebensichere Bauweise. Analysen von Fotos im Internet bestätigen: Fachwerkhäuser stehen auch dann noch, wenn viele andere Häuser nach einem Erdbeben eingestürzt sind.

Moderner Erdbebenschutz nach mittelalterlichem Vorbild

Die typischen, weithin sichtbaren Fachwerkdiagonalen gewährleisten, dass die senkrechten Stützen bei Erschütterungen nicht wie Dominosteine umfallen. Autokarosserien beweisen, dass Stahl für die Fachwerkstäbe besser geeignet ist als Holz. Sie umschließen die Fachwerk-Ausmauerungen, die sogenannten Gefache, rundum, sodass diese bei Erdbebenstößen nicht herausfallen und Menschen gefährden. Die Gefache können mit weichem Lehm ausgemauert werden. Dieser ist in vielen Ländern billig verfügbar und hat zudem den Vorteil, dass er Erdbebenstöße abfedert wie ein Stoßdämpfer. Damit die Gefache sicher gehalten werden, haben die Fachwerkstäbe einen U- oder L-förmigen Querschnitt. So kann man wählen, ob der Stahl als architektonisches Stilelement mit deutlich sichtbarem U-Querschnitt betont oder nur als L-Querschnitt angedeutet wird. Kompromisse zur Erzielung der kulturellen Akzeptanz dürfen aber nicht das Sicherheitskonzept unterlaufen, das in der Sichtbarkeit des Fachwerks liegt. Es ist somit eine reizvolle und lohnende wissenschaftliche Herausforderung, mit einer bautechnischen Idee auch nicht-technische Probleme zu meistern und Hindernisse abzubauen.

Iranische Studenten beim Bau eines Stahlfachwerkhauses auf dem Parkplatz der Universität Wuppertal.
Iranische Studenten beim Bau
eines Stahlfachwerkhauses auf
dem Parkplatz der Universität
Wuppertal.
Foto: privat

Sicherer Wohnungsbau in großem Maßstab hilft entscheidend, die Kernprobleme von Erdbebenländern mit starkem Bevölkerungswachstum zu lösen, nämlich Arbeits- und Wohnungsnot. Der Bau der vielen fehlenden Wohnungen würde zahlreiche Arbeitsplätze im Bauwesen schaffen. So hatte das Deutsche Wirtschaftswunder begonnen! Theorie mag gut sein, sie in die Praxis umzusetzen, ist besser. So bauten 70 iranische Studentinnen und Studenten im Sommer 2007 ein Stahlfachwerkhaus auf dem Parkplatz der Universität Wuppertal. Schon nach zwei Wochen war Richtfest. Inzwischen demontiert, wird das Muster-Fachwerkhaus im Sommer 2008 in Isfahan neu aufgebaut als "Lern- und Informationszentrum" für sicheren Wohnungsbau.

„Ein Fachwerkhaus in Isfahan - ein ungewöhnlicher Anblick für die Iraner und eine große Herausforderung für die iranischen Bauingenieure."

Ein Fachwerkhaus in Isfahan - ein ungewöhnlicher Anblick für die Iraner. Und eine große Herausforderung für die iranischen Bauingenieure, die den Boden für diese erdbebensichere Bauweise in ihrem Land erst noch bereiten müssen. Dabei bietet der Iran ideale Voraussetzungen. In Isfahan gibt es große Stahlwerke, und der Iran verfügt über genügend Erzvorkommen. Die Stahlfachwerke sollen in einem Isfahaner Industrieunternehmen mit deutschen, computergesteuerten Maschinen hergestellt werden. Menschliche Fertigungsfehler sind dann ausgeschlossen. Nach Montage eines so hergestellten Stahlfachwerks wird die Ausmauerung und Komplettierung durch Arbeitskräfte vor Ort übernommen. Dadurch werden Arbeitsplätze geschaffen und das Wohnen, auch in den Dörfern, attraktiver gemacht. Gelingt es, die kulturelle Akzeptanz für diese erdbebensichere Bauweise im Iran zu sichern, könnten in Zukunft neben Marmorpalästen viele schmucke Fachwerkhäuser die Straßen der Städte und Dörfer säumen.


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Georg Pegels, Hamid Isfahany Georg Pegels, Hamid Isfahany

Dr. Hamid Isfahany ist Senior Lecturer an der University of Brighton in England. Als Georg Forster-Forschungsstipendiat arbeitete er von 2005 bis 2006 an der Universität Wuppertal mit seinem wissenschaftlichen Gastgeber Professor Dr.-Ing. Georg Pegels zusammen, der sich für die deutsch-iranischen Kooperationsprojekte engagiert.

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