Humboldtianer im Fokus

Mann des Jahres

Von Georg Scholl

Wie der estnische Mathematiker Tarmo Soomere in seiner Heimat zum Volkshelden wurde.

Man kennt die Geschichte aus Hollywoodfilmen wie "Der Weiße Hai". Ein Wissenschaftler sieht das Unheil kommen und will die Öffentlichkeit vor der tödlichen Gefahr warnen, die im Wasser lauert. Doch keiner glaubt ihm, und das Verhängnis nimmt seinen Lauf.

Die Geschichte des estnischen Wissenschaftlers Tarmo Soomere spielt nicht an einem Badestrand in Kalifornien. Der Schauplatz ist die Ostsee. Die Bedrohung ist kein menschenfressender Hai, sondern eine Sturmflut mit durchschnittlich sieben Meter hohen Wellen. Soomere und seine Kollegen beobachten eine Kombination aus ungewöhnlichen Wetterlagen, Windrichtungen und Meeresströmungen. Sie geben die Parameter in ihre Modelle ein und berechnen die Flut. Als sich die Forscher sicher sind, dass eine Katastrophe droht, informieren sie die Behörden. Doch diese tun die Warnungen als Übertreibung ab. Der Unterschied zum Kino: Soomeres Geschichte ist kein Drehbuch, sondern Realität.

Soomere berechnete die Flutkatastrophe voraus und schaffte es als Wissenschaftler auf die Titelseiten der estnischen Presse
Soomere berechnete die
Flutkatastrophe voraus
und schaffte es als
Wissenschaftler auf die
Titelseiten der estnischen Presse.
Foto: privat

Der Sturm, der in der Nacht auf den 9. Januar des vergangenen Jahres die Westküste Estlands traf, war einer der schlimmsten seit Jahrzehnten. Zahlreiche Häfen wurden zerstört, die vorgelagerten Inseln verwüstet, die Bewohner der Küste verbrachten die Nacht von Samstag auf Sonntag eingeschlossen in ihren Häusern, in denen über Stunden meterhoch das eiskalte Wasser der Ostsee stand. Doch die Bewohner waren vorbereitet. Radio und Fernsehen hatten sie seit Samstag früh über die Flut der kommenden Nacht informiert und aufgefordert, in ihren Häusern zu bleiben und sich mit Taschenlampen, Decken und Trinkwasser zu versorgen. Soomere, der selbst in mehreren Interviews an diesem Tag auftrat, war es gelungen, seine Warnung in die Medien zu bringen. Neben den Journalisten schenkte ihm nur ein befreundeter Militär bei der Küstenwache Glauben und evakuierte die Rettungsboote aus den bedrohten Häfen. Die Flut, die ansonsten vermutlich zahlreiche Menschenleben gekostet hätte, richtete so in der vorbereiteten Region nur materielle Schäden an. In diesen Tagen avancierte der Forscher der Technischen Universität in Tallin zum Volkshelden in Estland. Die führende Tageszeitung "Postimees" wählte ihn zum Mann des Jahres.

Soomere, der als Stipendiat der Alexander von Humboldt-Stiftung auch an deutschen Instituten forschte, arbeitet mit Kollegen in einem internationalen Forschungsnetzwerk an einem Frühwarnsystem für Stürme in der Ostsee. Die exakte Vorhersage der Flut im letzten Jahr war ein Resultat dieser Kooperation. "Ich habe die Prognose nicht selbst berechnet, sondern sie nur verbreitet und erklärt", betont der Mathematiker. Gerade dies ist die Leistung, die den Wissenschaftlern im Kinofilm nie gelingen will. Mittlerweile ist ein behördliches maritimes Warnsystem in Estland im Aufbau, das künftig die Bevölkerung verlässlich warnen soll. Doch die Zusammenarbeit der Behörde mit dem Forschernetzwerk um Soomere und seine Kollegen läuft stockend. Die Medienaufmerksamkeit, die so nützlich war, um eine Katastrophe zu verhindern, hat offenbar Barrieren errichtet, meint Soomere. Dennoch wird sich die Geschichte nicht wiederholen, ist er sich sicher: "Noch einmal auf den Rat der Wissenschaftler nicht zu hören, wird man sich nicht leisten können."


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