Humboldtianer im Fokus

Vom Minister zum Stipendiaten

Von Uschi Heidel

Der georgische Rechtswissenschaftler Lado Chanturia war Justizminister und oberster Verfassungsrichter seines Landes. Doch seine Karriere als Politiker und demokratischer Reformer in der Richterrobe tauschte er gegen ein Forschungsstipendium in Deutschland.

War Sherlock Holmes an allem schuld? Auch wenn die Beweise inzwischen verblasst sind, so hat der Meisterdetektiv aus der britischen Krimi-Literatur wohl doch zu verantworten, dass Lado Chanturia bereits als Jugendlicher der Juristerei verfiel. Freilich war die Welt der Kriminalfälle eine gänzlich andere als diejenige, die der Georgier später an der Universität entdeckte. Aber der dort eingeschlagene Weg erwies sich als noch spannender: Lado Chanturia wurde Rechtsprofessor, Justizminister und schließlich Präsident des Obersten Gerichts von Georgien. Wie kein anderer hat er die Rechtsreform in seiner Heimat nach dem Zerfall der Sowjetunion vorangetrieben - beharrlich, voller Elan und stets gelassen.

"Nun muss ich meine Batterien wieder aufladen", sagt der Humboldtianer lächelnd in einem Bremer Restaurant und meint nicht die Zufuhr von Kalorien."Aufladen" bedeutet für den groß gewachsenen, schwarzhaarigen Mann, sich mit der gleichen Energie wie in Georgien in die Arbeit zu stürzen, diesmal am Hamburger Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht. Dort stillt er seinen Hunger auf neue geistige Nahrung. "Meine eiligste Aufgabe ist es jetzt, gute juristische Bücher für mein Land und andere postsowjetische Staaten zu schreiben. Da ist noch sehr viel zu tun." Als ob Lado Chanturia in seinen gerade 42 Jahren nicht schon eine Menge geleistet hätte. Freundliche Neugier, die aus dunklen Augen blitzt, und Tatendrang bringen den Georgier immer wieder zu neuen Ufern.

Schon während des Studiums in Tiflis und der Promotion in Moskau wollte er "den Rahmen sprengen". "Durch die Lektüre des Römischen Rechts wurde mir klar, dass das bestehende Rechtssystem reformiert werden muss." Die Möglichkeit, sich selbst daran zu beteiligen, kam schneller als gedacht. Er forschte gerade als georgischer Jurastipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) für seine Habilitation in Göttingen, als Georgien im Bürgerkrieg zu versinken drohte. "Dann rief Schewardnadse an und fragte mich, ob ich Justizminister werden wolle", erzählt Lado Chanturia fast beiläufig. Der Staatspräsident kannte den damals 29-Jährigen nicht persönlich, aber seine rechtswissenschaftlichen Arbeiten hatten in Georgien Anerkennung gefunden. Lado Chanturia lehnte ab. Ohne Koketterie erklärt er: "Ich wollte mich erst auf die Zukunft Georgiens vorbereiten, vor allem auf die anstehende Rechtsreform, und dazu brauchte ich weiteres Fachwissen." Kurz danach baute er gemeinsam mit dem Bremer Jura-Professor Rolf Knieper das georgische Rechtssystem - stark am deutschen Vorbild orientiert - neu auf, unterstützt von der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ).

Richter auf den Prüfstand

Die Herausforderungen waren gewaltig: Das sowjetische Recht musste abgeschafft, moderne Rahmenbedingungen etabliert werden. Vier Jahre arbeitete der Jurist am georgischen Zivilgesetzbuch, das 1997 vom Parlament verabschiedet wurde. Er entwarf das Gesetz über die Gewerblichen Unternehmer, das auf Georgisch, Russisch und Deutsch erschien. "Natürlich ging es nicht nur um neue Gesetze, sondern auch um deren Umsetzung. Dazu braucht man gut ausgebildete Juristen, verlässliche Gerichte und eine funktionierende Staatsanwaltschaft", erläutert Lado Chanturia. Als er 1998 Justizminister wurde, führte er Richterprüfungen ein, womit er sich nicht nur Freunde machte. Schließlich waren die meisten Kandidaten schon Richter zu Sowjetzeiten gewesen, und nur wenige von ihnen bestanden die Prüfungen.Außerdem nutzte er seine vielen Kontakte und schickte georgische Juristen für ein paar Wochen an deutsche Gerichte. "Dort haben sie den modernen Arbeitsalltag erlebt", sagt Lado Chanturia und zeigt auf das Bremer Landgericht.

In der Hansestadt fühlt sich der Humboldt-Stipendiat mit seiner Frau Dali, einer Zahnärztin, und den Kindern Georgi (10) und Nutsa (5) pudelwohl. Begeistert führt der Werder Bremen-Fan durch die verwinkelten Gassen, er schätzt die Überschaubarkeit der Stadt und ihre Preise, die deutlich niedriger liegen als in Hamburg. Dorthin pendelt er fast täglich mit dem Zug. "Ich arbeite in zwei interessanten Städten, und die Fahrten nutze ich um zu Lesen." Goethe, Grass, Lenz, Judith Hermann, ohne schöne Literatur könne er nicht leben.

"Ich wollte mich erst auf die Zukunft Georgiens vorbereiten, vor allem auf die anstehende Rechtsreform, und dazu brauchte ich weiteres Fachwissen."

Lado Chanturia war zwei Jahre Justizminister, als er die Chance erhielt, Präsident des Obersten Gerichts von Georgien zu werden. Er überlegte nicht lange, und das Parlament wählte ihn 1999 einstimmig für zehn Jahre.Vier Jahre später zeigte der georgische Rechtsstaat Flagge: Im November 2003 annullierte das Oberste Gericht einen Teil der umstrittenen Parlamentswahlen. "Das war ein gutes Gefühl", erinnert sich Lado Chanturia, der während der "Rosenrevolution" als neutraler Vermittler fungierte.

Recht kann Mentalitäten ändern

"Das Gericht gilt heute aufgrund seiner Neutralität und seiner Modernität als Vorbild in der Region", sagt er mit Stolz. 25.000 Seiten Entscheidungen sind in seiner Amtszeit gefällt worden, und sie sind jedem zugänglich. Diese Transparenz kannte das alte Rechtssystem nicht. Lado Chanturia hat Türen geöffnet. Er lud georgische Künstler ein, im Gericht ihre Werke auszustellen, und zog somit viele Bürger an. Er empfing populäre Landsleute wie Schauspieler und Sportler, aber auch Präsidenten ausländischer Gerichtshöfe, Wissenschaftler, internationale Politiker. Zwei Fotostapel zeigen einen Mann, der mit Charme, vitaler Ausstrahlung und innerer Ruhe ein dichtes Netzwerk zu knüpfen versteht. "Georgien hat gar keine andere Wahl, als sich Europa zuzuwenden." Er sieht die gravierenden sozialen und wirtschaftlichen Probleme, die Korruption, die geopolitisch prekäre Lage eines Landes von der Größe Bayerns. Doch Resignation oder Aktivismus sind ihm fremd. Mit Gelassenheit setzt er auf langfristiges Engagement.

"Das Recht hat kulturstiftende Kraft und kann die Mentalität ändern. Das ist ein Prozess, der viele Jahre dauert und Geduld fordert." Bei diesem Prozess will er aktiv mitwirken - auf seine Art. Dazu passt sein Rücktritt als Gerichtspräsident im Sommer 2004. "Ich habe alles getan, was ich tun konnte. Ich brauchte eine Pause." Hinter dieser Pause steckte die Zusage für ein Humboldt-Forschungsstipendium, um das sich Lado Chanturia bereits 2003 beworben hatte, rechtzeitig vor Erreichen der Altersgrenze von 40 Jahren. "Für mich ist dieses Stipendium die höchste Auszeichnung, denn ich bin in erster Linie Wissenschaftler." Mit großer Freude ist er an das Hamburger Max- Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht zu Professor Klaus Hopt gegangen, den er während eines Max-Planck- Stipendiums 1996 kennen gelernt hatte. Für ihn ist das Institut das "Harvard der Rechtswissenschaft".

Wenn er sein rechtsvergleichendes Werk über moderne Geschäftsführung und Haftungsvorschriften in Kapitalgesellschaften geschrieben hat, kehrt Lado Chanturia nach Georgien zurück, wo er seit 1995 Professor an der Universität Tiflis ist. Dass er nicht nur auf dem Campus wirken wird, ist sonnenklar, auch wenn der Berater des jetzigen Staatspräsidenten auf entsprechende Nachfragen nur lächelnd antwortet: "Das weiß ich noch nicht."


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Lado Chanturia Lado Chanturia 

Lado Chanturia, geboren in Jvari, Georgien. Studium der Rechtswissenschaft an der staatlichen Universität Tiflis. Promotion am Moscow Institute of Legislation und Comparative Law. Professor an der Juristischen Fakultät der staatlichen Universität Tiflis. Justizminister von Georgien. Präsident des Obersten Gerichts von Georgien. Humboldt-Stipendiat am Hamburger Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht. Außerdem: Berater des georgischen Staatspräsidenten Michail Saakaschwili.

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