Titelthema: Wissen schafft Entwicklung

Netzwerk für Nachhaltigkeit

Von Kristina Güroff

Amina Saied und Jens Gebauer leben das Humboldt-Netzwerk und engagieren sich für gemeinsame Ziele: Ressourcen vor Ort nutzen, Biodiversität bewahren und jungen Forschern einen Weg durch den wissenschaftlichen Dschungel weisen.

Im Regal schläft ein tropischer Wald: Es stapeln sich Plastikdosen, Gläser und Tüten voller fremdartiger Samen, Schalen und Früchte verschiedenster Größen, die darauf warten, im Dienste der Forschung zu neuem Leben erweckt zu werden.

Das Regal steht im Büro des Agrarwissenschaftlers Jens Gebauer. Vor vier Jahren war er als Feodor Lynen-Forschungsstipendiat Gast bei einem sudanesischen Humboldtianer, nun betreut er selbst die Georg Forster-Stipendiatin Amina Saied. Die junge Agrarwissenschaftlerin aus dem Sudan hat Anfang 2007 neue Säckchen mit Nachschub für Jens Gebauers Lager, die Klimakammern und das Labor des Fachgebiets Ökologischer Pflanzenbau und Agrarökosystemforschung in den Tropen und Subtropen der Universität Kassel mitgebracht. Sie untersucht die Salztoleranz von zwei Wildobstarten. Alles an Amina Saied strahlt und leuchtet, die Augen, das Lachen, das kräftige Blau ihrer Kleidung, aber als sie vom Salzstress berichtet, den sie ihren mühsam gezogenen Pflänzchen zumutet, zieht sich ihr Gesicht zusammen als hätte sie in eine Zitrone gebissen. Die Pflanzen tun ihr einfach leid. Doch dann wischt sie mit einem Schulterzucken und einer Geste, die sagen will, was sein muss, muss sein, alle Bedenken vom Tisch.

Ihre Forschung hat angesichts der zunehmenden Bodenversalzung und Verwüstung in Afrika große Relevanz. Die starke Sonneneinstrahlung führt in Verbindung mit wenig Niederschlag zu hoher Verdunstung. Dabei wird das Salz im Boden gelöst und gelangt zunehmend in die oberen Schichten. Aber auch unsachgemäße künstliche Bewässerung kann eine Bodenversalzung bewirken, wenn mit dem Wasser mehr Salze zu- als abgeführt werden. Zudem sind viele durch Rodung neu erschlossene Böden aufgrund der intensiven Bewirtschaftung oft nur für kurze Zeit fruchtbar. Werden diese Flächen danach zur Viehweide, kann sich keine neue Vegetationsdecke bilden, die ungeschützten Böden trocknen aus und erodieren. Jedes Jahr gehen Millionen Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche auf diese Art verloren. Amina Saied berichtet von der Situation in ihrer Heimat: „Zurzeit werden in Teilen des Sudan große Monokulturen von Kartoffeln oder Weizen angelegt, dafür wurden Flächen von jeglichem vorhandenen Bewuchs gesäubert. Diese Monokulturen sind anfälliger für Krankheiten und Schädlinge und benötigen viel Dünger und Pestizide. Aber die Leute denken nur an den höheren Profit, nicht an die Umwelt.“

Amina Saied und Jens Gebauer im Gewächshaus für tropische Nutzpflanzen der Uni Kassel: Forschung zum Erhalt der Artenvielfalt.
Amina Saied und Jens Gebauer
im Gewächshaus für tropische
Nutzpflanzen der Uni Kassel:
Forschung zum Erhalt der
Artenvielfalt.
Foto: Kristina Güroff

Forscher lassen Hoffnung keimen

Mit dem Anbau von Obstgehölzen tut man sich verständlicherweise schwer, wo es um das tägliche Überleben geht: Wenn mein Baum erst in zehn Jahren Früchte trägt, wovon lebe ich heute? Wie kann man also in Zukunft Böden ökologisch managen und die Ressourcen vor Ort besser nutzen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich auch Jens Gebauer, der knapp zwei Jahre im Sudan bei seinem wissenschaftlichen Gastgeber Kamal El-Siddig von der Agricultural Research Corporation (ARC) verbracht hat. Sein Beispiel zeigt sehr gut, wie das weltweite Humboldt-Netzwerk funktioniert. Gebauer lernte seinen Gastgeber bereits vor seinem Auslandsaufenthalt in Berlin kennen, wo El-Siddig dank eines Georg Forster-Stipendiums forschte. Ein Feodor Lynen-Stipendium ermöglichte dann wiederum Gebauer, im Sudan Agrarforstsysteme zu untersuchen, wo einjährige Kulturen mit mehrjährigen Gehölzen kombiniert auf einer Fläche angebaut werden. Dieses System könnte ein Mittel gegen zunehmende Versalzung und Erosion sein. Hier greifen Gebauers und Saieds Forschung Hand in Hand. Wildobstgehölze sind oft salztoleranter, sie wurzeln tiefer als einjährige Pflanzen und können so auch Wasser aus nicht-versalzten Bodenschichten ziehen. Zudem halten sie den Boden fest und bieten zusätzlich einen Beschattungseffekt. Darunter können einjährige, einheimische Getreide wie Sorghum und Hirse angebaut werden, die dann weniger bewässert werden müssen.

„In dem Wirrwarr von Bussen und Menschen in Khartum fühlt man sich anfangs wie ein Kind, das gerade laufen kann und nicht weiß wohin.“ 

Gebauer arbeitete in El Obeid, einem wichtigen Marktort 400 km südwestlich der Hauptstadt Khartum, am Fuß der Nubaberge. Bei seiner Ankunft habe er sich hilflos wie ein Kind gefühlt, sagt Gebauer. Noch immer erinnert er sich gut an das Wirrwarr der Busse in Khartum, die Angst vor Krankheiten, das fremde Essen und die unglaubliche Hitze. Doch nach einiger Zeit wusste er die Zeit und Ruhe zum Nachdenken in der Savanne zu schätzen. Er habe sich selbst im Sudan besser kennengelernt, sagt Gebauer rückblickend.

Amina Saieds Integration in Deutschland verlief wesentlich reibungsloser, allerdings war sie durch ihre Promotion 2004 an der Universität Bonn bereits vor den schwierigen klimatischen Bedingungen gewarnt! In dieser Zeit begegnete sie auch ihrem Forscherkollegen Jens Gebauer zum ersten Mal. Das Einzige, das ihr fehle, so Saied, sei das enge soziale Leben in ihrer Heimat, das auch die rührende Fürsorge der Kollegen nicht ganz ersetzen könne. Aber wirklich bangen ließ sie nur die Ausländerbehörde, die ihre Aufenthaltserlaubnis erst in letzter Minute ausstellte.

Die Lücke zwischen Theorie und Praxis schließen

Mit Grewia tenax und Ziziphus spina-christi hat Saied zwei Wildobstgehölze ausgewählt, die besonders interessant für einen systematischen Anbau sind, um sie in Kassel zu erforschen. Ihre Versuche laufen vielversprechend: Besonders Grewia scheint sehr salzverträglich zu sein, woran das genau liegt, wird zurzeit im Labor anhand chemischer Analysen getestet. Kräftig orangerot leuchten die johannisbeergroßen Früchte von Grewia tenax, einem bis zu drei Meter hohen Strauch, ebenso wie die kirschähnlichen Früchte von Ziziphus spina-christi, einem bis zu zehn Meter hohen Baum. Sie werden von Frauen und Kindern gesammelt, auf dem Markt verkauft und frisch oder getrocknet gegessen. Beide Früchte sind sehr nahrhaft , die der Grewia kosten wegen ihres häufigen Einsatzes als eisenhaltiger Saft für Kinder und Schwangere fünfzehnmal mehr als Sorghum. Blätter und kleine Äste liefern Tierfutter. Wurzeln und Blätter werden für medizinische Zwecke verwendet. Doch die Übernutzung führt zur Vergreisung der Bestände, es gibt weniger Früchte, die aus Not oder Unwissenheit trotzdem geerntet werden, ein Teufelskreis kommt in Gang.

Amina Saied setzt ihre Pflanzen in der Klimakammer unter Salzstress.
Amina Saied setzt ihre
Pflanzen in der Klimakammer
unter Salzstress. 
Foto: Kristina Güroff

Auch Gebauer ist bei seinem Aufenthalt im Sudan die Diskrepanz zwischen theoretischem Wissen und praktischer Nutzung von Wildobst aufgefallen. Wichtig sind die Erforschung und praktische Erprobung von geeigneten Methoden, um die Samen zum Keimen zu bringen – die Voraussetzung für einen gezielten Anbau. Das hat Saied in Kassel jetzt gründlich untersucht und die Ergebnisse erstmals veröffentlicht. Ihre Forschung soll in konkrete Aufforstungs-Empfehlungen für die Kollegen im Sudan münden. Saied und Gebauer wollen dazu beitragen, dass Biodiversität und genetische Ressourcen erhalten bleiben und die Vorteile der Verwendung von heimischen Pflanzen unter ökologischen Aspekten herausarbeiten. „Das ist es, was uns interessiert: Die Nutzung der Ressourcen vor Ort. In den Savannen gibt es sehr kleine Farmstrukturen, da müssen die Leute kämpfen, um ihre Nahrung zu produzieren. Dort gibt es kein Investment wie rund um Khartum, da geht es um das tägliche Brot! Fällt eine Ernte wegen Trockenheit aus, ziehen alle los, um Wildobst zu sammeln und so über das nächste Jahr zu kommen“, sagt Jens Gebauer.

Das Humboldt-Netzwerk trägt Früchte

Im Jahr 2006 initiierte Jens Gebauer zusammen mit dem Fachgebietsleiter Andreas Bürkert eine Institutspartnerschaft zwischen seinem Heimatinstitut und der ARC. Gebauers Ex-Gastgeber El- Siddig managt das Projekt im Sudan, das der Verbesserung der urbanen Landwirtschaft in Khartum dienen soll. Im Frühjahr 2007 haben Gebauer und ein Kasseler Kollege dort einen Kurs für Studenten von der ARC und – über die Vermittlung von Amina Saied – der Universität Khartum abgehalten. Die Zusammenarbeit und der Austausch im Netzwerk eröffnen Perspektiven für sudanesische wie deutsche Studenten und sind ein Gewinn für alle: Die Qualität der individuellen Forschung werde durch die Interdisziplinarität, durch die Einbindung verschiedener Sichtweisen, Ideen und Erfahrungen deutlich verbessert, meint Saied.

Auch außerhalb der reinen Forschung profitieren die Humboldtianer. Amina Saied konnte beispielsweise an einem International Deans’ Course teilnehmen, der Dekane aus Afrika für das Hochschulmanagement qualifizieren will. Das habe ihr sehr geholfen, sagt Saied, denn als sie aus Deutschland zurückkam, habe sie 2005 die Leitung ihres Instituts quasi unvorbereitet übernehmen müssen.

Damit das Humboldt-Netzwerk auch in Deutschland weiter wächst und gedeiht, war Jens Gebauer in diesem Jahr an der Gründung der Deutschen Gesellschaft der Humboldtianer e.V. in Kassel beteiligt. Nun hat Gebauer zunächst mal seine Habilitation eingereicht, aber was ein echter Feldforscher ist, den zieht es wieder hinaus in die Welt: Für den Sommer 2008 ist ein weiterer Aufenthalt beim Partnerinstitut geplant. Neben der Inventarliste seines Büros hängt griffbereit der Sonnenhut am Regal.


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Amina Saied, Jens Gebauer Amina Saied, Jens Gebauer

Dr. Amina Sirag Saied leitet das Institut für Gartenbau an der Universität Khartum im Sudan. Seit Januar 2007 forscht sie als Georg Forster-Stipendiatin an der Universität Kassel bei Professor Dr. Andreas Bürkert und Dr. Jens Gebauer. Jens Gebauer arbeitete von 2003 bis 2005 als Feodor Lynen-Stipendiat im Sudan.

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