Titelthema: Wissen schafft Entwicklung

Nachgehakt: Bilanz aus Sicht der Stipendiaten

Von Christina Schuh

Wie ergeht es Georg Forster-Forschungsstipendiaten nach ihrem Aufenthalt in Deutschland? Wie viele Alumni kehren wieder zurück in ihr Herkunftsland, welchen Problemen begegnen sie und welche Chancen eröffnen sich ihnen? Ergebnisse einer Umfrage.

Im Sommer 2007 führte die Humboldt-Stiftung zum Jubiläum des Georg Forster-Programms eine Online-Befragung bei den 273 Stipendiaten durch, die bis Juni 2007 ihren Erstaufenthalt beendet hatten. Gefragt wurde nach dem Einfluss des Georg Forster-Stipendiums auf die berufliche Karriereentwicklung der Stipendiaten und auf das Mobilitätsverhalten im Anschluss an den Stipendienaufenthalt, aber auch nach möglichen Wiedereingewöhnungsschwierigkeiten bei der Rückkehr ins Heimatland. 215 Alumni antworteten – was einen Rücklauf von fast 80 Prozent bedeutet. Auch die Länder- und Fächerverteilung der Befragung ist weitestgehend repräsentativ. Von Ingenieurwissenschaftlern und Stipendiaten aus der Region Subsahara-Afrika gibt es einen überproportionalen Rücklauf, Geisteswissenschaftler und Stipendiaten aus der Region Asien und Pazifik haben unterproportional geantwortet.

Wo sind Sie dauerhaft beschäftigt?
Wo sind Sie dauerhaft beschäftigt?
Grafik: Humboldt-Stiftung

Über 95 Prozent der Stipendiaten, die geantwortet hatten, sind inzwischen wieder in ihre Herkunftsländer zurückgekehrt und dort wissenschaftlich tätig. 70 Prozent halten noch immer aktiv Kontakt zu ihrem wissenschaftlichen Gastgeber in Deutschland. Damit erfüllen sie die entscheidenden Voraussetzungen, um die internationale Vernetzung aufrechtzuerhalten und ausbauen zu können. Etwa die Hälfte der Antwortenden hatte bei der Entscheidung zurückzukehren Karrieremöglichkeiten im Blick; ein Drittel mit einem konkreten Stellenangebot, und viele geben an, ein bereits vor dem Stipendium bestehendes Arbeitsverhältnis fortsetzen zu können. Ebenfalls die Hälfte gibt als weiteren Grund für die Rückkehr die gefühlte Verpflichtung gegenüber dem Heimatland an. Einer der Befragten kehrte beispielsweise zurück, „um mitzuhelfen, Wasser- und Umweltprobleme in meinem Land zu lösen, und um neue Technologien für mein Forschungsteam bereitzustellen”.

Eine weitere wichtige Voraussetzung für den wissenschaftlichen Transfer zwischen Deutschland und den jeweiligen Heimatländern der Alumni ist, dass die Stipendiaten auch heute noch aktiv in Wissenschaft und Forschung sind. Das ist bei über 95 Prozent der Antwortenden der Fall. Lediglich acht der Befragten geben an, in einem anderen Feld beschäftigt beziehungsweise ohne Anstellung zu sein. Der wissenschaftliche Erfolg der Alumni zeigt sich unter anderem darin, dass fast ein Fünftel von ihnen mittlerweile den Sprung zum Full Professor geschafft hat und 15 Prozent vom Postdoc zum Senior Lecturer aufgestiegen sind. In vielen Fällen mag das wissenschaftliche Ergebnis der Kooperation mit dem deutschen Gastgeber beziehungsweise der Deutschlandaufenthalt insgesamt die Karriereentwicklung positiv beeinflusst haben. Über 80 Prozent der Antwortenden haben mindestens eine Zeitschriftenpublikation als Ergebnis ihres Deutschlandaufenthalts vorzuweisen, ein Drittel sogar mehr als drei Artikel. Hinzu kommen noch Tagungsbeiträge (71 Prozent) und Monographien (16 Prozent).

Neue Mitglieder der Humboldt-Familie

Auswirkungen des Georg Forster-Stipendiums auf die weitere Karriere
Auswirkungen des Georg Forster-
Stipendiums auf die weitere Karriere. 
Grafik: Humboldt-Stiftung

Die Alumni selbst bestätigen in der Online-Befragung den erhofften Transfer von Wissen und Methoden. Der Aussage „Ich habe neue wissenschaftliche Methoden kennengelernt“ stimmen 92 Prozent der Umfrage-Teilnehmer voll zu. Sie betonen vor allem den positiven Nutzen des Georg Forster-Stipendiums für ihre Karriere, den besseren Zugang zu internationalen wissenschaftlichen Netzwerken, den Erwerb von Kenntnissen der deutschen Kultur, die bessere Ausstattung, die durch eine Alumni-Förderung am Heimatinstitut erreicht werden konnte, und stellen auch einige ganz persönliche Erfahrungen heraus wie „Ich habe gelernt, die Stärken und Schwächen meiner Arbeit besser einzuschätzen“ oder „Ich war in meiner Forschung unabhängiger.”

Doch gibt es neben den zahlreichen positiven Auswirkungen auch Stolpersteine? Sahen sich die Alumni bei der Rückkehr in ihr Heimatland mit Schwierigkeiten konfrontiert? Über 70 Prozent der Antwortenden nennen keine besonderen Probleme. Lediglich bis zu 30 Prozent erwähnen familiäre Schwierigkeiten, die angespannte ökonomische Situation in ihrem Heimatland, die Problematik unterschiedlicher Arbeitsstile oder ein mangelndes Angebot an adäquaten Stellen. Ein Problem, das von etwa 10 Prozent benannt wird, ist die schlechte Ausstattung der Heimatinstitute mit Fachliteratur sowie technischen und finanziellen Mitteln.

Viele Stipendiaten machen in der Reintegrationsphase widersprüchliche Erfahrungen. Zu dem Eindruck, von der restlichen wissenschaftlichen Welt abgeschnitten zu sein, kommt dennoch oft Optimismus: „Ich hatte zunächst Schwierigkeiten, die Kluft der unterschiedlichen Technologien bei der Arbeit mit meinen postgraduierten Studenten zu überbrücken, aber nach fünf Jahren denke ich, dass ich gute Fortschritte mache.“ Der Optimismus speist sich auch aus dem Gefühl, in Deutschland dauerhafte Kontakte geknüpft zu haben und dadurch Mitglied eines wissenschaftlichen Netzwerks zu sein: „Mein Deutschlandaufenthalt war tatsächlich eine große Chance für mich. Ich konnte den Kontakt zu meinem Gastinstitut halten und besuche die Kollegen oft .“


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Christina Schuh Christina Schuh 

Dr. Christina Schuh leitet das Referat Evaluation und Statistik der Humboldt-Stiftung und ist unter anderem zuständig für die Umsetzung des Evaluationskonzepts der Stiftung. Die Online-Befragung zum Jubiläum des Georg Forster-Programms hat sie mitkonzipiert, durchgeführt und ausgewertet.

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