Humboldtianer im Fokus

Archäologie ohne Grenzen

Von Barbara Wieners-Horst

Zu Zeiten des Eisernen Vorhangs waren gemeinsame Forschungen kaum möglich. Inzwischen arbeiten Archäologen wie der Georgier Joni Apakidze Hand in Hand mit ihren Kollegen aus Deutschland.

Joni Apakidze hat einen Sinn für schöne Dinge – vor allem, wenn sie einige tausend Jahre alt sind. Und vor allem, wenn er sie selbst gefunden hat: Fibeln aus Bronze, Perlen aus Halbedelsteinen und Keramiken mit spiralförmigen Mustern oder mit Henkeln, die wie Tierohren aussehen. Doch auch bronzene Äxte, Hellebardenklingen und Lanzenspitzen haben ihn schon als Studenten begeistert, ermöglichten sie ihm doch den Blick in eine längst vergangene Zeit.

Apakidze ist Archäologe und Experte für die Kultur der Kolchis, des sagenumwobenen Königreichs, das sich in der Antike über das heutige Westgeorgien bis in die Nordost-Türkei erstreckte. Die prähistorischen Funde des Schwarzmeerraums kennt er bis ins kleinste Detail. Und er kennt die auffällig ähnlichen bronzezeitlichen Fundstücke, die Archäologen in Norditalien und im Donaubecken entdeckt haben.

Solche Parallelen in Dekor und Ornament scheinen in den Zeiten des World Wide Web, in denen Produktdesigns auf einen Klick um den Globus rasen und allerorten auftauchen können, nicht sonderlich aufregend. Doch für das Ende der Mittel- und Spätbronzezeit, die Zeit vom 18. bis 12. Jahrhundert vor Christus, stellt sich die Frage, in welchem Kontakt Norditalien und der zweieinhalbtausend Kilometer weiter östlich gelegene Schwarzmeerraum gestanden haben.

Ausgrabungen am neolithischen Siedlungshügel Aruchlo I: Joni Apakidze (links) und der Grabungsleiter vom Deutschen Archäologischen Institut Svend Hansen (rechts) mit Besuchern.
Ausgrabungen am neolithischen
Siedlungshügel Aruchlo I:
Joni Apakidze (links) und der
Grabungsleiter vom Deutschen
Archäologischen Institut
Svend Hansen (rechts) mit
Besuchern.
Foto: privat

Als Joni Apakidze von 1997 bis 1998 mit einem Stipendium der Humboldt-Stiftung in den Bibliotheken und Museen von Tübingen, Berlin, Modena, Reggio Emilia, Parma, Verona und Rom die Außenbeziehungen der Kolchis zur Bronzezeit untersuchte, war dies für ihn eine besondere Zeit: Es war das erste Mal nach dem Ende des Ost-West-Konflikts, dass ein Spezialist für die Kultur der Kolchis archäologisches Material der zeitgleichen italienischen Terramare-Kultur im Original studieren konnte.

Solch eine länderübergreifende Forschungszusammenarbeit war durch den Eisernen Vorhang hindurch nicht möglich gewesen. Zwar wusste man allgemein um die engen Verbindungen zwischen der hellenischen Welt der Antike und dem angrenzenden Schwarzmeerraum, doch der Weg, den Jason auf seiner Suche nach dem Goldenen Vlies zum Königreich Kolchis genommen haben soll, blieb den Wissenschaftlern in beide Richtungen jahrzehntelang versperrt.

Aufbruch mit neuen Methoden

Kaum hatten die Länder Südkaukasiens Anfang der 1990er Jahre in die politische Unabhängigkeit gefunden, nutzten Archäologen in Georgien und Deutschland die neuen Möglichkeiten zur Wissen schaftskooperation: Joni Apakidze, damals Anfang dreißig und Dozent für Archäologie an der Universität in Tiflis, fand in dem bekannten Tübinger Archäologen Manfred Korfmann einen Mentor und Gastgeber. Der Spezialist für die Bronzezeit im benachbarten Anatolien ahnte, was Georgien für die Feldarchäologie noch bereithielt. Als Leiter des internationalen Grabungsprojekts in Troja lud Korfmann den georgischen Kolchis-Experten fünfmal zu Grabungen nach Troja ein, wo Apakidze die neuesten Verfahren seines Fachs kennenlernen und anwenden konnte: zum Beispiel die magnetische Prospektion, mit der sich die Gesamtfläche von Siedlungen feststellen lässt, den Einsatz des Globalen Positionsbestimmungssystems GPS bei Einmessarbeiten, die Radiocarbonmethode, die Mitte des letzten Jahrhunderts die Altersbestimmung revolutioniert hat, und den Einsatz der modernen Datenverarbeitung in der Archäologie.

Gravierte kolchische Äxte vom Gräberfeld Tlia.
Gravierte kolchische Äxte
vom Gräberfeld Tlia.
Foto: privat

Umgekehrt begannen ebenfalls zu Beginn der 1990er Jahre mehrere große deutsche Grabungsprojekte in Georgien, in Aruchlo und Tachtiperda, Didi Gora und Udabno, die eng mit den georgischen Archäologen und ihren Studenten zusammenarbeiteten. 

Die Funde am Gräberfeld von Tlia, am Siedlungshügel Naochvamu, der Werkstattsiedlung Oèchomuri und anderen Fundorten warfen ein anderes Licht auf die chronologische Einordnung der Kolchiszeit. So konnte Apakidze 2003 und 2006 seinem nächsten großen Projekt zu Leibe rücken: einer neuen, wissenschaftlich haltbaren Datierung der Kolchis-Kultur in der Spätbronze- und der Früheisenzeit.

Die von der Humboldt-Stiftung geförderten Forschungsaufenthalte in Tübingen und bei Bernhard Hänsel an der Humboldt-Universität in Berlin ermöglichten ihm eine Auszeit von seinem oft aufreibenden Alltag in Georgien, das noch immer viel Kraft in den Ausbau eines demokratischen Gesellschafts- und Wirtschaftssystems steckt.

Inzwischen ist Apakidze Professor für Prähistorische Archäologie, jüngst übernahm er das Rektorenamt der neu gegründeten Sokhumi State University in Tiflis, die er mit Blick auf die europäische Perspektive Georgiens dem Bologna-Prozess annähern will. Ein erfolgreicher Wissenschaftler ist er seit langem, zum überzeugten Netzwerker ist er im Laufe der letzten Jahre geworden. Mit scharfem Blick für den Nachholbedarf der Wissenschaften in seiner Region nutzt er intensiv die Unterstützung, die das Humboldt-Netzwerk bietet: Als Generalsekretär des georgischen Humboldt-Clubs initiierte und organisierte er mit großem persönlichen Einsatz zwei Humboldt-Kollegs in Tiflis, wo es ihm gelang, erstmals Fachwissenschaftler aus allen Ländern rund um das Schwarze Meer zu versammeln und zu vernetzen.

Doch immer noch zieht es den Archäologen ins Feld. 2008 beginnt unter seiner Co-Leitung ein deutsch-georgisches Grabungsprojekt im Westen des Landes. Was wird der alte kolchische Grund ihm wohl noch in die Hände legen?


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Joni Apakidze Joni Apakidze

Professor Dr. Joni Apakidze lehrt Archäologie an der Sokhumi State University, Tiflis, Georgien und verbrachte als Humboldt-Stipendiat mehrere Forschungsaufenthalte in Tübingen und Berlin. In Kürze erscheint seine zweibändige Monografie „Die Spätbronze- und Früheisenzeit in West- und Zentralkaukasien. Chronologische Studien zur Kolchis-Kultur, 1600 – 700 v. Chr.“.

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