Titelthema: Wissen schafft Entwicklung

Wir brauchen einen Ehrenkodex

Interview mit Bassey Antia und Michael Kirk

Der nigerianische Linguist Bassey Antia und der deutsche Wirtschaftswissenschaftler Michael Kirk im Gespräch über gegenseitiges Lernen und wissenschaftliches Fair Play zwischen Nord und Süd sowie Projekte, die das Versprechen der Nachhaltigkeit wirklich einlösen.

Kosmos: Herr Professor Antia, Sie vergleichen Gesundheitskampagnen in Deutschland und Nigeria. Ihre Erkenntnisse sollen helfen, Krankheiten wie Aids besser zu bekämpfen. Wo liegen die Unterschiede zwischen den beiden Ländern?
Antia: Anti-Aids-Kampagnen in Nigeria betonen vor allem das Bedrohliche der Krankheit. Die Deutschen zeigen eher, mit welchen Mitteln man vorbeugt. Psychologisch und kommunikationswissenschaftlich betrachtet, kann leider keiner der beiden Ansätze Erfolg garantieren. Eine Synthese aus beiden Strategien wäre wirksamer, man könnte voneinander lernen.

Kosmos: Aus deutscher Sicht ist das eine ungewohnte Perspektive. Schließlich gelten afrikanische Staaten im Kampf gegen Aids nicht als Vorbilder, sondern eher als Hilfsbedürftige, die mit dem Problem alleine nicht fertig werden ....
Antia: Gerade deshalb müssen wir erforschen, wie Regierungen und Gesellschaften dort mit dieser Bürde umgehen. Nur so können wir die Schwächen angehen und die Stärken ausbauen. Übrigens erinnert uns das Robert Koch-Institut regelmäßig daran, dass die Zahl der Infektionen mit HIV auch in Deutschland ansteigt. Zugleich wird das Umfeld für die Gesundheitsvorsorge immer multikultureller. Die Aids-Hilfe in Bielefeld untersucht deshalb seit einigen Jahren, wie Zielgruppen aus verschiedenen Ländern auf Anti-Aids-Kampagnen in Deutschland und in ihren Heimatländern reagieren. Nur so finden sie eine wirksame Kommunikationsstrategie. Es wäre nicht klug zu meinen, von einem Land können wir nichts lernen, nur weil es in Afrika liegt.

Kosmos: Herr Professor Kirk, Sie beschreiten die Zweibahnstraße der Zusammenarbeit in die andere Richtung. Gerade kommen Sie von einem längeren Forschungsaufenthalt aus dem südlichen Afrika zurück. Was lernen Sie als Gastforscher in einem Entwicklungsland?
Kirk: Wenn ich in Namibia oder Benin arbeite, bin ich tatsächlich in erster Linie der Lernende: Unsere Partner arbeiten teils seit Jahrzehnten sehr erfolgreich an den Themen, die uns gemeinsam interessieren. Sie haben die praktische Erfahrung in der Feldforschung mit all ihren Unwägbarkeiten, sie kennen Bedürfnisse und auch Empfindlichkeiten, sie wissen Theorien im lokalen Kontext zu überprüfen und verstehen es allein, die jeweilige Wissenschaftsgemeinschaft und die Politik ins Boot zu holen sowie bürokratische Probleme zu meistern. Sie können natürlich im umgekehrten Fall dieses auch von uns in Deutschland erwarten.

Kosmos: Sie forschen nach Wegen für eine effiziente landwirtschaftliche Ressourcennutzung in Entwicklungsländern. Wie kommt Ihr Rat als Europäer bei Ihren Partnern an? Schließlich steht das europäische Modell mit seinen Agrarsubventionen in der Kritik auch der Entwicklungsländer. 
Kirk: In der Tat, spontan fallen wohl nicht nur Wissenschaftlern zunächst die negativen Beispiele bisheriger EU- und USA-Subventionspolitik ein: Durch Exportsubvention der EU geraten die Erzeugerpreise in den Ländern des Südens unter massiven Druck. Armut im ländlichen Raum, forcierte Umweltzerstörung, Abwanderung und damit hohe gesamtgesellschaftliche Kosten sind die Folgen. Die EU hat mit der Agenda 2000 erste Reformschritte eingeleitet, die aus der Perspektive des Südens natürlich völlig unzureichend bleiben. Doch diese warten ja nicht nur auf die Wohltaten des Nordens. Lokale kleine und mittlere Betriebe unternehmen oft enorme Anstrengungen, die hierzulande oft aus dem Blick geraten.

Kosmos: Beispielsweise?
Kirk: Sie kämpfen um ihren Marktzugang und suchen Nischen, etwa Bio-Produkte oder zertifizierte Rohstoffe. Sie versuchen, Bauernverbände aufzubauen und sich gegen mächtige Aufkäufer und Supermarktketten zu behaupten. Sie beweisen Ideenreichtum, um lebenswichtige Informationen über Preise zu beschaffen oder über Qualitätsstandards und Verbraucherwünsche im Norden. Moderne Medien und der Siegeszug des Handys in vielen Dörfern helfen dabei. Alles geschieht unter den Bedingungen hoher natürlicher Risiken durch Dürren und Überschwemmung, unsichere Lieferbedingungen für Dünger, Saatgut und bisweilen schwer kalkulierbare Regierungspolitik. Das verdient höchsten Respekt!

Kosmos: Wie verträgt sich der Kampf um Märkte und Erträge mit dem Erhalt der natürlichen Umwelt?
Kirk: Das muss sich miteinander vertragen! Ohne intakte Ökosysteme gibt es keine nachhaltige Entwicklung: Waldgebiete mit ihren komplizierten, bisher kaum verstandenen Ökosystemen sichern den Wasserhaushalt, verhindern Erosion und begrenzen Waldbrände. Funktionsfähige Weidegebiete in der Sahelzone verhindern die Wüstenbildung, die Zerstörung der Bodenkrume, massenhafte Umweltflucht in die Küstenstädte oder nach Europa und erhalten einzigartige Kulturen mobiler Tierhalter.

Kosmos: Wer die biologische Vielfalt nicht erhält, sägt am Ast, auf dem er sitzt ...
Kirk: Genau. Die Wirkstoffe vieler Pflanzen sind noch gar nicht bekannt. Zerstören wir sie heute, werden wir ihre Vorteile niemals wieder nutzen können. Denken Sie an die heute wirtschaftlich verwerteten Gene des Neembaums, der nicht nur in Indien, sondern auch in Afrika weit verbreitet ist. Bestandteile von Pflanzen, die die San im südlichen Afrika seit Jahrtausenden nutzen, helfen bei Erkältungskrankheiten oder unterdrücken Hungergefühle - ein Riesenmarkt für Medikamente der Zukunft.

Kosmos: Herr Antia, manche Kritiker sehen in der Suche nach biologischen Anwendungen einen neuen Forschungskolonialismus, in dem der biologische und der geistige Reichtum von Entwicklungsländern ausgebeutet werden. Zu Recht?
Antia: Nein, zumindest nicht notwendigerweise. Die Dritte Welt hat schließlich selber ein großes Interesse an dieser Nutzung, dem sogenannten Bioprospecting. So wird der Neembaum auch an meiner Heimatuniversität in Maiduguri intensiv mit Blick auf mögliche Wirkstoffe für Medikamente und Pestizide erforscht. In Pflanzenchemielaboren in ganz Deutschland arbeiten Humboldtianer aus Entwicklungsländern genau an solchen Themen.

Kosmos: Welche Grenzen sehen Sie als Forscher für die Ausbeutung biologischen Reichtums?
Antia: Das Problem hierbei, genau wie bei der Entdeckung von Rohstoffen, ist, wie wir mit den Folgen umgehen, mit Umweltzerstörung, mit dem Wegfall traditioneller Existenzgrundlagen oder mit Zwangsumsiedlungen. Denken Sie an die Gewinnung von Rohöl im Nigerdelta in meiner Heimat oder an die Waldrodungen in Zentralafrika. Beidem ging die Forschung voraus. Genau wie im Falle des brasilianischen Zuckerrohrs oder dem Palmöl in Indonesien und Malaysia, die jetzt als Quellen für Biokraftstoff e populär geworden sind. In solchen Fällen ist im Vorfeld immer von Nachhaltigkeit die Rede, aber viel zu oft werden die Versprechen nicht gehalten. So wird Forschung zum Helfershelfer eines gewissenlosen Ressourcenabbaus, der alles andere ist als nachhaltig.

Kosmos: Wenn Sie faire terms of trade für den Forschungsaustausch zwischen Industrie- und Entwicklungsländern formulieren müssten, wie würden sie lauten?
Antia: Ich würde bei fairen Preisen für Medikamente anfangen. Wie viel sollen Entwicklungsländer für Wirkstoffe bezahlen, die in Industrieländern auf der Grundlange von Substanzen produziert werden, die aus Entwicklungsländern stammen und in einigen Fällen sogar von hiesigen Forschern entdeckt wurden? Die Autorenschaft für wissenschaftliche Publikationen ist ein weiteres umstrittenes Thema. Sollen lokale Wissenschaftler nur als Quellen angegeben werden? Oder sollten sie als Koautoren an Studien beteiligt sein, die in ihrem Heimatland durchgeführt worden sind?
Kirk: Genau, aber da tut sich ja auch schon einiges. Dennoch: Wir bräuchten etwas wie einen Ehrenkodex für ein wissenschaftliches Fair Play zwischen Nord und Süd. Vor allem aber gilt es, weiter die Chancen jüngerer, vernetzter Kolleginnen und Kollegen aus dem Süden zu stärken: durch gleichberechtigte Forschungsbedingungen, etwa was Laboraustattungen und Computer angeht. Durch gleichberechtigte Publikationsbedingungen und Teilnahmemöglichkeiten an Konferenzen. Und schließlich durch den systematischen Aufbau langfristiger, vertrauensvoller Kooperationen mit starken wechselseitigen Anreizen, wie sie das Georg Forster-Programm bietet, und Süd-Süd-Zusammenarbeit. Hier liegen Potentiale, die terms of trade nachhaltig zu beeinflussen.

Interview: Georg Scholl


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Bassey Antia Bassey Antia

Professor Dr. Bassey E. Antia lehrt Sprachwissenschaft an der Maiduguri Universität in Nigeria. Seit 2006 ist er als Georg Forster-Forschungsstipendiat an der Universität Bielefeld. 

Michael Kirk Michael Kirk
Professor Dr. Michael Kirk lehrt Wirtschaftswissenschaften an der Universität Marburg. Er ist Vorsitzender des Georg Forster-Auswahlausschusses.

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