Titelthema: Wissen schafft Entwicklung

Zehn Jahre Wachstum - Welche Früchte trägt das Georg Forster-Programm?

Von Felix Streiter

Seit 1997 fördert die Humboldt-Stiftung Wissenschaftler aus Entwicklungsländern mit dem für sie maßgeschneiderten Georg Forster-Forschungsstipendium. Sechs persönliche Erfolgsgeschichten.

Zunächst ist er etwas überrascht, aber dann wird er stolz. Oscar Aguirre, Forstwissenschaftler aus Mexiko, war - ohne es zu wissen - der erste Georg Forster-Forschungsstipendiat. Das zehnjährige Bestehen des Programms ist der Grund für den unerwarteten Anruf aus Bonn, der ihn nun mit einer Einladung an seine Zeit als Forscher in Deutschland erinnert. Aguirre soll Gast einer großen Konferenz sein, mit der die Humboldt-Stiftung den runden Geburtstag des Forster-Stipendiums begehen will, das bis heute an rund 400 Forscherinnen und Forscher aus Entwicklungsländern vergeben werden konnte. Aguirre begann seinen Forschungsaufenthalt an der Universität Göttingen im März 1998, und der Aufenthalt wirkt bis heute nach: "Ein Georg Forster-Stipendiat zu sein, gab mir die Möglichkeit, Wissenschaftler aus Deutschland und vielen anderen Ländern kennenzulernen. Das Ergebnis waren nicht nur gemeinsame Forschungsprojekte und Publikationen, sondern auch bis heute andauernde Freundschaften mit Kollegen aus anderen Teilen der Welt."

Mit dem Georg Forster-Stipendium begegnete die Stiftung 1997 niedrigen und rückläufigen Bewerberzahlen aus Entwicklungs- und Schwellenländern. Die Ursachenforschung im Humboldt-Netzwerk hatte gezeigt, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus diesen Ländern vor besonderen Schwierigkeiten stehen, denen das weltweit angebotene Humboldt-Forschungsstipendium nicht immer gerecht werden konnte. Die Stiftung reagierte und richtete mit Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung das Georg Forster-Programm ein, das auf die speziellen Bedürfnisse dieser Forscher besser eingeht und auch einen entwicklungspolitischen Zweck verfolgt. So müssen die Forschungsvorhaben den Transfer von Wissen oder Methoden in das jeweilige Heimatland erbringen. Auf diese Weise sollen Forschung und Lehre in den Entwicklungsländern nachhaltig gestärkt werden.

Georg Forster-Forschungsstipendien 1997-2007
Georg Forster-Forschungsstipendien 1997-2007

Dieser Aspekt ist für Bernadetta Kwintiana Ane, Ingenieurin aus Indonesien, besonders wichtig. Sie ist eine der jüngsten Georg Forster-Forschungsstipendiatinnen. Seit August 2007 forscht sie am Institut für Rechnergestützte Ingenieursysteme der Universität Stuttgart. Mit computerunterstützten Verfahren will sie hier die geometrische Berechnung von neuen Produkt-Designs verbessern und die Entwicklung bis zum fertigen Produkt deutlich beschleunigen. "Mich reizt es, eine Idee in die Realität umzusetzen. Es ist eine wertvolle Erfahrung, einen Know-how-Transfer in Entwicklungsländer zu ermöglichen und zum gesellschaftlichen Fortschritt beizutragen", sagt die Ingenieurin.

Zur Stärkung der wissenschaftlichen Situation im Heimatland trägt auch das neu entwickelte Rückkehrstipendium bei, das die Georg Forster-Stipendiaten unmittelbar nach dem Ende ihres Deutschlandaufenthalts bei der Reintegration unterstützt und so einem Braindrain aus den Entwicklungsländern entgegenwirkt. Schließlich bedeutet Wissenschaftleraustausch im Humboldt-Netz keine Einbahnstraße nach Deutschland, sondern die Zusammenarbeit in einer Gemeinschaft hoch qualifizierter und mobiler Wissenschaftler, die in ihren jeweiligen Heimatländern erfolgreich Karriere machen. Der Biologe Hamadi Boga aus Kenia ist hierfür ein Beispiel. Er forschte zwischen 2005 und 2006 als Georg Forster-Stipendiat am Max-Planck-Institut für terrestrische Mikrobiologie in Marburg. Er isolierte und charakterisierte Mikroorganismen im Darm von Termiten, um ihre Abbaufähigkeit von Schadstoff en zu prüfen mit dem Ziel, die Mikroorganismen als neue Quelle für Antibiotika und Enzyme zu nutzen. Der besondere Vorteil, ein Humboldtianer zu sein, ergibt sich für Hamadi Boga aus dem vielfältigen Angebot für Alumni: "Das Besondere bei der Humboldt-Stift ung ist, dass die Förderung nach dem Deutschlandaufenthalt nicht einfach endet, sondern sich der eigentliche Mehrwert erst später ergibt. Der Weg zurück in mein Heimatland wurde mir durch ein einjähriges Rückkehrstipendium wesentlich erleichtert. Auf diese Weise konnte ich die in Deutschland begonnenen Forschungen fortsetzen und eine eigene Arbeitsgruppe an meinem Heimatinstitut aufbauen. Durch zusätzliche Hilfen zur Anschaffung von wissenschaftlichen Geräten und Fachliteratur konnte ich außerdem die Ausstattung unseres molekularbiologischen Labors verbessern." Für Hamadi Boga war das Georg Forster-Forschungsstipendium ein entscheidender Karriereschritt. Er ist jetzt Dekan der Fakultät für Naturwissenschaft en an der Jomo Kenyatta Universität für Agrarwissenschaft und Technologie in Nairobi.

Für die Chemikerin Leena Suntornsuk aus Thailand war vor allem das positive Umfeld in Deutschland beeindruckend. Von 2006 bis 2007 arbeitete sie als Georg Forster-Forschungsstipendiatin am Institut für Instrumentelle Analytik und Bioanalytik der Universität des Saarlandes. Das Gefühl, Teil der weltweiten Humboldt-Familie zu sein, gab ihr von Anfang an Sicherheit und Zuversicht. "Mein Deutschlandaufenthalt war eine tolle Erfahrung, die mir wissenschaftlich und persönlich eine Menge gebracht hat. Trotz neuer Umgebung, neuer Sprache und vielen anderen neuen Dingen habe ich mich als Humboldtianerin und Georg Forster-Stipendiatin nie weit weg von zu Hause gefühlt", sagt sie rückblickend.

Das Wichtigste für viele Stipendiaten und Alumni ist der kostbare Faktor Zeit. Zeit zum Forschen, Zeit zum Denken, Zeit ohne Verwaltungs- und Lehraufgaben, Zeit, um in Ruhe ein größeres Forschungsvorhaben abzuschließen. Tesfaye Tafesse aus Äthiopien gehört zur ersten Generation der Georg Forster-Stipendiaten. Seit seinem ersten Forschungsaufenthalt in den Jahren 1999 bis 2001 war er im Rahmen der Alumni-Förderung bereits drei weitere Male an seinem deutschen Gastinstitut, dem Fachbereich Kultur- und Geowissenschaften der Universität Osnabrück. "Das Georg Forster-Stipendium war für mich eine einmalige Gelegenheit, die mir erlaubte, ein inzwischen umfangreich rezipiertes Buch über den ägyptisch-äthiopischen Konfl ikt um die Wassernutzung des Nils zu schreiben", so Tafesse. Auch aus den weiteren Besuchen in Deutschland sind ein Buch und mehrere wissenschaftliche Artikel entstanden.

Griselda Capaldo, Rechtswissenschaftlerin von der Universität Buenos Aires, kann dem nur zustimmen. Die Expertin für internationales Umweltrecht war von 2001 bis 2002 sowie 2006 Gastwissenschaftlerin an der Universität Köln. Der wesentliche Vorteil der erneuten Forschungsaufenthalte im Ausland sei, dass man endlich Zeit habe, sich zu 100 Prozent einem Forschungsprojekt oder einer Veröffentlichung zu widmen. "Deutschland hat mir Zeit geschenkt, und dafür bin ich sehr dankbar", betont die Juristin, die heute als Vertrauenswissenschaft lerin der Humboldt-Stiftung in Argentinien Nachwuchswissenschaftler über die Stift ung und den Forschungsstandort Deutschland informiert und der Stiftung als Ansprechpartnerin für wissenschaftspolitische Fragen zur Verfügung steht. 

Das Georg Forster-Programm entwickelt sich weiter, etwa durch Fortbildungsangebote zum Wissenschaftsmanagement. "Die Qualität der Führung einer Hochschule wird zunehmend wichtiger. Dies gilt nicht nur für Deutschland, sondern gerade auch für Entwicklungs- und Schwellenländer. Wer exzellente Qualität in Lehre und Forschung anbieten möchte, muss die Klaviatur der Managementinstrumente beherrschen." So beschreibt Peter Mayer, Professor an der Fachhochschule Osnabrück, den Grundgedanken für ein neues Programm zur Ausbildung wissenschaftlicher Führungskräfte aus Entwicklungsländern. Der "International Deans' Course" ist ein Fortbildungsangebot, das die Humboldt-Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst, der Hochschulrektorenkonferenz, dem Centrum für Hochschulentwicklung und der Fachhochschule Osnabrück entwickelt hat. Im Sommer 2007 startete ein Pilotkurs für potentielle und erfahrene Dekane aus neun afrikanischen Ländern. Acht der rund 30 Teilnehmer waren Georg Forster-Forschungsstipendiaten. In den nächsten Jahren soll der Kurs auch für Wissenschaftler aus Südostasien und Lateinamerika angeboten werden. Für die Humboldt-Stiftung ist dieser Kurs nur ein erster Schritt. In den nächsten Jahren soll den Georg Forster-Stipendiaten ein vielseitiges Fortbildungsprogramm angeboten werden, das vom Proposal Writing über Finanz- und Projektmanagement bis zum Fakultätsmanagement reicht. Auf diese Weise sollen die Georg Forster-Stipendiaten noch besser auf Führungsaufgaben in ihren Heimatländern vorbereitet werden.


Beitrag kommentieren

Wenn Sie Humboldtianer sind und sich eingeloggt haben, können Sie diesen Beitrag oder die Kommentare andere Humboldtianer kommentieren. (Bitte lesen Sie zunächst den Kommentarleitfaden)

Kommentarleitfaden

Humboldtianer haben nach dem Login die Möglichkeit, sich mit den Beiträgen des Humboldt Kosmos auseinanderzusetzen und eigene Kommentare von bis zu 1.000 Zeichen Länge in deutscher und englischer Sprache zu veröffentlichen. Im Falle der Veröffentlichung erscheint Ihr Kommentar unter Ihrem Namen.

Jeder Kommentar wird von der Redaktion geprüft und schnellstmöglich veröffentlicht, es sei denn es bestehen hiergegen rechtliche oder inhaltliche Bedenken. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nötigenfalls zu kürzen und zu bearbeiten. Bitte bedenken Sie, dass veröffentlichte Kommentare von jedermann im Internet eingesehen und von Suchmaschinen aufgefunden werden können.

Felix Streiter Felix Streiter

Dr. des. Felix Streiter ist Referatsleiter in der Abteilung Förderung und Netzwerk der Humboldt-Stiftung und verantwortlich für das Georg Forster-Programm.
 
.

Diesen Artikel bookmarken: