Deutschland im Blick

Deutsche Verlockung

Text: Myles W. Jackson, Illustrationen: Miriam Bauer

Als Deutschlandfreund war er lange in ständiger Erklärungsnot. Heute muss der amerikanische Wissenschaftshistoriker Myles W. Jackson seinen Freunden in Amerika erklären, warum er trotz des Angebotes der renommierten Humboldt-Professur nicht dauerhaft in Deutschland forscht. Ein Gastbeitrag aus Anlass des aktuellen Deutschlandjahres in den USA.

Die Entscheidung des deutschen Außenministeriums, aktuell in den USA ein Deutschlandjahr auszurichten, ist bewundernswert. Einen rationalen, intelligenten Dialog und Austausch zu fördern, steht in krassem Gegensatz zu den Beleidigungen, die sich Deutschland von US-Präsident Donald Trump anhören muss. In Zeiten, in denen sich weltweit ein Anti-Intellektualismus ausbreitet, gilt es, sich von der kleingeistigen und verlogenen Politik des Nationalismus abzugrenzen und den internationalen Austausch zu unterstützen.

Merkel und Trump

In den letzten zehn Jahren bemerke ich in der Einstellung meiner Kollegen aus der Wissenschaft gegenüber Deutschland einen grundlegenden Wandel. Meine erste längere Reise nach Deutschland habe ich 1983 unternommen. Ich war gerade 18 Jahre alt und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Biochemie in Martinsried bei München. Seither war ich immer wieder in Deutschland, zuletzt ein ganzes Jahr lang am Wissenschaftskolleg zu Berlin.

Niemand verstand meine Vernarrtheit

In den 1980ern, 90ern und frühen 2000ern haben meine Kollegen nie verstanden, warum ich so – wie sie fanden – vernarrt in Deutschland war. Es kam ihnen suspekt vor, dass jemand ohne deutsche Vorfahren einen Großteil seines Lebens damit zubringt, diese Sprache zu erlernen und sich mit dieser Kultur und Geschichte zu befassen. Ich war ständig in Erklärungsnot, insbesondere gegenüber meinen jüdischen Kollegen, von denen mir einige sagten, sie würden Deutschland niemals besuchen.

Heute muss ich nicht mehr erklären, warum ich Deutschland zu meinem Forschungsobjekt erkoren habe. Auch habe ich mittlerweile mit zahlreichen jüdischen Kollegen gesprochen, die Deutschland heute offen gegenüberstehen und häufig dorthin fahren.

Während Angela Merkels Bereitschaft, Flüchtlinge aufzunehmen, in Deutschland umstritten ist, haben ihr zahlreiche amerikanische Wissenschaftler dafür Beifall gezollt. Viele von uns loben die Kanzlerin für ihre zentrale Rolle bei dem Versuch, in einer äußerst turbulenten Phase unserer Geschichte die Beziehungen zwischen den USA und Deutschland zu stabilisieren: Sie wird hier oft als Anführerin der freien Welt bezeichnet.

Der Ruf Deutschlands unter den Akademikern in den USA hat sich wesentlich verbessert. Immer mehr suchen aktiv nach Möglichkeiten, in Deutschland forschen zu können. Und die wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und den USA könnte tatsächlich ein wirksames Gegengift zu dem rhetorischen Getöse aus Washington dieser Tage sein.

Auch Macron rollt den Teppich aus

Angesichts des derzeitigen politischen Klimas sind viele von uns tief besorgt, was die Zukunft akademischer Einrichtungen in den USA angeht. Wird es hierdurch zu einer Abwanderung von Wissenschaftlern aus den USA kommen? Als Historiker bin ich eher zurückhaltend mit Prognosen, allerdings gibt es erste Anzeichen dafür, dass eine solche Abwanderung möglich ist. Mich würde es jedenfalls nicht überraschen. Ende 2017 hatte der französische Präsident Emmanuel Macron mit ersten Versuchen, Klimawissenschaftler nach Frankreich zu locken, großen Erfolg: Von insgesamt 18 mit Stipendien bedachten Wissenschaftlern (darunter einige französische Staatsbürger) siedelten 13, die bis dahin in den Vereinigten Staaten gearbeitet hatten, nach Frankreich über. Auch Deutschland kann mit seinen Alexander von Humboldt-Professuren Spitzenwissenschaftler anziehen, die in den Vereinigten Staaten arbeiten. Ich selbst fühlte mich sehr geehrt, eine solche angeboten bekommen zu haben, und es fiel mir alles andere als leicht abzulehnen. Nur das gleichzeitige Angebot einer Professur am Institute for Advanced Study in Princeton hat mich davon abgehalten, die Vereinigten Staaten in Richtung Deutschland zu verlassen.

„Wird es zu einer Abwanderung von Wissenschaftlern aus den USA kommen, wenn das derzeitige Klima anhält?“

Im ersten Jahrzehnt des Programms kam beinahe die Hälfte der Wissenschaftler, die mit einer Alexander von Humboldt-Professur an eine Universität in Deutschland gingen, aus den USA. Diese Zahl könnte noch steigen angesichts der Geringschätzung von akademischen Wissenschaftlern seitens der US-Regierung sowie des günstigen Umfelds für Forschung in Deutschland. Ich persönlich glaube, dass sehr wahrscheinlich eher jüngere US-Wissenschaftler die Mittel nutzen werden, die von Deutschland und der Europäischen Union geboten werden. Forschungsaufenthalte junger Wissenschaftler aus den Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Deutschland wären sicherlich gut für einen reichen Ideenaustausch zwischen den beiden Ländern.

Wir könnten viel voneinander lernen

Wir Amerikaner sind gut in der interdisziplinären Forschung und Lehre. Häufig sind wir sehr viel kreativer, wenn es darum geht, die Grenzen von Forschungsgebieten zu überschreiten. In Deutschland dagegen sollte die starre Festlegung der Fachgebiete öfter durchbrochen werden. Zu häufig richten hier Universitäten ihre Zukunftsplanung am Bedarf der Vergangenheit aus, und verpassen dabei eine Chance, ihre Fachgebiete neu zu gestalten.

Die meisten von uns kennen ja den Ruf der Bürokratie an deutschen Universitäten, Kreativität im Keim ersticken zu können. Doch auch an amerikanischen Universitäten gibt es konservative Fakultäten, die sorgsam auf die Wahrung ihrer Interessen bedacht sind. Eine Reihe von Universitäten ist bei Berufungen zu einem Cluster-Konzept übergegangen, bei dem Vertreter unterschiedlicher Disziplinen an einem bestimmten Thema arbeiten. Für das Thema Klassifizierung des Menschen etwa können Wissenschaftler aus den Gebieten Molekularbiologie, Soziologie, Anthropologie und Wissenschaftsgeschichte berufen werden. Im Anschluss werden neue interdisziplinäre Programme eingerichtet, von denen sowohl das jeweilige Fachgebiet als auch die Studierenden profitieren. Häufig werden solche Berufungen durch private Finanzierung ermöglicht, wie etwa durch die Andrew W. Mellon Foundation. Mit den Sonderforschungsbereichen der Deutschen Forschungsgemeinschaft hat Deutschland eine ähnliche Initiative eingeführt. Natürlich ist es schwierig, eine Messmethode zu entwickeln, mit der sich der Erfolg solcher Programme bestimmen lässt. Dennoch leuchtet eine solche Flexibilität in Forschung und Lehre ein, wenn man auf neue Herausforderungen reagieren möchte.

Herausforderung Genforschung

Ein weiteres Feld für einen Ideenaustausch ist der Umgang mit der Genforschung. Sie stellt die Gesellschaften vor existenzielle Fragen, die in den beiden Ländern aber unterschiedlich gestellt werden. So wird in den Vereinigten Staaten diskutiert, inwieweit man die „Rasse“ eines Menschen anhand seiner DNA bestimmen kann und welche Konsequenzen dies hätte, etwa bei der Frage, wie sich verschiedene Krankheiten auf unterschiedliche Bevölkerungsgruppen auswirken.

„Die Zusammenarbeit von Wissenschaftlern bildet ein wirksames Gegengift zu dem rhetorischen Getöse aus Washington.“

Vielen Wissenschaftlern geht es beim Thema „Rasse“ und Genomik darum, frühere Sünden amerikanischer Forschung wieder gutzumachen. Etwa die Tuskegee-Syphilis-Studie bei der zwischen 1932 und 1972 afroamerikanische Männer absichtlich nicht auf Syphilis behandelt wurden, weil man so die langfristigen Auswirkungen dieser Krankheit erforschen wollte. Bei der Untersuchung von „Rassen“ geht es heute anders als in der Vergangenheit in erster Linie um Integration, nicht um Ausgrenzung. Es werden Daten über die Sicherheit und Wirksamkeit von Medikamenten für Frauen und Menschen anderer Hautfarbe benötigt: Der weiße Mann hat als universeller Untersuchungsgegenstand für Gesundheitsfragen ausgedient.

Ein weiteres Feld ist die genetische Privatsphäre. In Deutschland gibt es sehr strenge Datenschutzbestimmungen. Auch das ist ein Produkt seiner Vergangenheit. Behindert dies den Informationsaustausch für die Forschung? Das meint eine Reihe von biomedizinischen Forschern in Deutschland. Die Vereinigten Staaten hingegen sind beim Informationsaustausch viel lockerer. Trotz der Einschränkungen durch den Genetic Information Nondiscrimination Act (GINA) von 2008 geben private Genomikunternehmen die anonymisierten Daten ihrer Kunden an Dritte, einschließlich Big Pharma und Versicherungen, weiter. Dort bewerben Unternehmen wie 23andMe, AncestryDNA und FamilyTree erfolgreich Gentests für private Verbraucher, die etwas über ihre Abstammung herausfinden möchten.

Ihre Gentests machen Deutsche in der Schweiz

In Deutschland hat man aufgrund der Geschichte des Dritten Reiches ein anderes Verhältnis zu „Rasse“ und Genetik. Gentests erfreuen sich bei deutschen Verbrauchern dennoch zunehmender Beliebtheit. Interessanterweise finden die Analysen aber in Labors in Nachbarländern wie der Schweiz statt, von wo aus die Ergebnisse an die Kunden zurückgeschickt werden. Die Deutschen sind in Zusammenhang mit Lifestyle und Ernährung allgemein an Genetik interessiert, Fragen zu „Rasse“ oder ethnischer Herkunft sind jedoch tabu. Ich glaube, es ist nicht übertrieben, wenn man behauptet, dass sich Deutschland mehr Gedanken als alle anderen Länder über seine Vergangenheit macht und auch über die Art und Weise, wie sich diese Vergangenheit auf die Gegenwart auswirkt. Vergangenheitsbewältigung, dieses wunderbare deutsche Wort dafür, spielt stets eine wichtige Rolle, wenn Deutschland versucht, moralische Probleme zu lösen und politische Entscheidungen zu treffen. Deutschland und die Vereinigten Staaten beteiligen sich aktiv an Debatten über CRISPR/Cas9, eine neue Methode, mit der sich Genome mit einer nie dagewesenen Präzision bearbeiten lassen. Der Dialog zwischen den beiden Ländern kann dazu beitragen, dass beide das richtige Gleichgewicht zwischen wissenschaftlicher Innovation und ethischen Grenzen finden.

aus Humboldt Kosmos 109/2018

Professor Dr. Myles W. Jackson ist Fakultätsmitglied der School of Historical Studies am Institute for Advanced Study in Princeton, New Jersey, USA, wo er auch Professor für Wissenschaftsgeschichte ist. Der Humboldt-Forschungsstipendiat erhielt 2014 den Reimar Lüst-Preis, den die Humboldt-Stiftung gemeinsam mit der Fritz Thyssen Stiftung jährlich bis zu zweimal vergibt. Jackson wurde vielfach mit weiteren Preisen und Ehrungen ausgezeichnet und ist Mitglied zahlreicher internationaler Gremien, etwa in den USA, Belgien und Deutschland; hier beispielsweise der Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften in Halle (Saale).

Wunderbar Together

Unter www.wunderbartogether.org finden Sie Informationen zum Deutschlandjahr in den USA