Humboldtianer im Fokus
Du bist, was du isst
Von Stefanie Schramm
Essen und Sex werden von denselben Hirnregionen gesteuert, hat der Neurobiologe und frischgebackene Humboldt-Professor Tamas Horvath herausgefunden. Seine Forschung könnte dazu beitragen, Krankheiten wie Parkinson zu bekämpfen.
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| Foto: Bill Cramer |
Einen grünen Salat mit etwas magerer Entenbrust, dazu ein Wasser. Mehr hat Tamas Horvath nicht bestellt. „Wenn man wenig isst, funktioniert das Hirn besser“, sagt der Professor für Neurobiologie. „Das haben wir getestet, an Mäusen.“ Horvath sieht allerdings nicht so aus, als hielte er sich strikt daran. Doch, doch, versichert er, tagsüber beachte er seine eigenen Empfehlungen. Aber nach Feierabend sei es vorbei mit der Wissenschaft: „Wenn ich nach Hause komme, haue ich richtig rein."
An der Eliteuniversität Yale erforscht Horvath, wie sich das Essverhalten auf die Arbeit des Hirns auswirkt – und umgekehrt. „Wenn man das Denken verstehen will, darf man nicht mit dem Großhirn anfangen, man muss sich die ganz alten Teile des Gehirns anschauen“, sagt er. Und die seien mit genau zwei Dingen beschäftigt: Essen und Sex. Horvath war einer der Ersten, die Anfang der 1990er-Jahre vermuteten, dass die Lust auf Steak und Schokolade von Hormonen gesteuert wird, und zwar in demselben Hirnbereich, der den Eisprung reguliert. Eine gewagte These. Und eine richtige, wie sich herausstellte.
„Seine Idee, dass derselbe Teil des Hirns Fortpflanzung und Nahrungsaufnahme steuert, war revolutionär“, sagt Jens Brüning, Koordinator des Exzellenzclusters für Alternsforschung an der Universität Köln. „Tamas Horvath ist weltweit einer der besten Forscher auf diesem Gebiet.“ Und jetzt wird er nach Deutschland kommen. Der Institutsleiter aus Yale wurde mit einer Alexander von Humboldt-Professur ausgezeichnet.
Neue Therapien für übergewichtige Großstädter
Horvath wird bald in Köln arbeiten. Die Alternsforscher dort hoffen, dass der Neurobiologe die Erforschung von Stoffwechselstörungen wie Diabetes und Übergewicht voranbringt. Die nehmen mit dem Alter zu. Seine Arbeit könnte neue Therapien für eines der größten Gesundheitsprobleme der Industrienationen ermöglichen: überflüssige Pfunde.
Außerdem soll der Preisträger dazu beitragen, Altersleiden wie Parkinson zu bekämpfen. „Er hat ganz neue Mechanismen für die Entstehung solcher neurodegenerativer Erkrankungen entdeckt“, sagt Brüning. Horvath habe zum ersten Mal gezeigt, dass ein bestimmtes Eiweiß, das eigentlich für die Energieumwandlung zuständig ist, auch für das Überleben von Hirnzellen eine wichtige Rolle spielt – Stoffwechsel und ein intaktes Gehirn hängen zusammen. Das könnte ein Ansatzpunkt für neue Medikamente sein.
"Wenn man das Interesse am Essen einfach ausknipst, ist man erst schlank, dann doof und dann tot."
Die Region Köln-Bonn wird gerade zum Zentrum für Alternsforschung aufgerüstet. „Wissenschaftlich ist das Umfeld in Köln für mich viel besser als in Yale“, sagt Horvath. Schon oft hat der gebürtige Ungar darüber nachgedacht, mit seiner italienischen Frau, die auf dem gleichen Gebiet forscht, zurück nach Europa zu gehen. Dann kam die Humboldt-Professur, jetzt kommt Horvath. „Das Angebot ist hervorragend. Schon die Exzellenzinitiative hat gezeigt, dass Deutschland es anders machen will als die meisten europäischen Länder“, meint er. Mit den Exzellenzclustern hätten die Universitäten versucht, eine Umgebung zu schaffen, die für Forscher aus aller Welt attraktiv ist. Horvath kann das beurteilen, er hat den Kölner Cluster schließlich bei der Auswahl der Wissenschaftler beraten.
Vor 19 Jahren kam der heute 42-Jährige nach New Haven und blieb. „Offensichtlich bin ich nicht der Typ, der dauernd umzieht“, sagt Horvath. Als er aus Ungarn in die Vereinigten Staaten ging, trieb ihn vor allem eines: Er wollte seinen Tierarztjob loswerden. Sein Vater und Großvater waren Veterinäre, also hatte auch er zunächst Tiermedizin studiert. „Aber eigentlich interessierten mich Tiere nicht besonders. Außer natürlich zum Essen“, sagt er und lacht lauthals.
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| Foto: Humboldt-Stiftung |
Als ein Freund seines Tiermedizin-Professors an der Yale University einen Mitarbeiter suchte, nutzte Horvath die Chance. Er landete in einer Arbeitsgruppe, die jenen Teil des Hirns erforschte, der den Eisprung reguliert. Ein Zufall also brachte ihn zu den Leuten, mit denen er bald darauf seine gewagte These über den Zusammenhang von Essen und Sex aufstellte. Den habe doch jeder schon mal bemerkt, meint der Forscher: „Wenn man verliebt ist, nimmt man ab. Wenn die Beziehung nicht mehr so aufregend ist, legt man wieder zu."
Der Molekularbiologe Jeffrey Friedman bestätigte schließlich die Annahme. Er entdeckte das Hormon Leptin, das im selben Hirnareal, dem Hypothalamus, andockt und den Appetit bremst. Ein Durchbruch, auch für Horvath. Er wechselte von der Fortpflanzungs- zur Ernährungsforschung.
Eigenversuche im Dienste der Wissenschaft
Der Neurobiologe schaut auf das letzte Salatblatt auf seinem Teller. „Ich versuche dauernd abzunehmen, aber offensichtlich esse ich immer noch zu viel“, sagt er. Wenn er selbst kocht, dann ungarisch-deftig: „Mit viel Fleisch, sehr ungesund.“ Wie viel leichter wäre es, wenn man die Lust auf Burger, Pommes und Pizza drosseln könnte! Der Professor hat es ausprobiert. An Mäusen. Bei denen schaltete er ein Gen ab, das für die Vermehrung der Mitochondrien wichtig ist – jener Bausteine, die Zellen mit Energie beliefern, also auch die für Appetit zuständigen Hirnzellen. Das sollte den Tieren den Spaß am Fressen verderben. Es funktionierte. „Aber sie hatten auch auf nichts anderes mehr Lust, saßen nur noch dumpf rum und starben früher“, erzählt Horvath. An den Appetitreglern im Hirn zu drehen sei riskant: „Wenn man das Interesse am Essen einfach ausknipst, ist man erst schlank, dann doof und dann tot."
Trotzdem reizt es Horvath, den Stoffwechsel zu optimieren, schließlich beeinflusst der nicht nur den Bauchumfang, sondern auch die Lebensdauer. Der Professor experimentiert im Labor an Mäusen, Ratten und Affen – und zu Hause an sich selbst: „Ich habe alle diese Nahrungsergänzungspillen ausprobiert. Ich wollte einfach wissen, wie man den besten Zellmetabolismus erreicht."
"Horvath hat ganz neue Mechanismen für die Entstehung neurodegenerativer Erkrankungen entdeckt."
Horvaths Forschung lässt sich ganz einfach im Supermarkt erklären. Das demonstriert er gern in seinem Stammdiscounter: Zielstrebig läuft er an den Putzmitteln vorbei und bleibt vor einem Regal mit Pillengläsern stehen. Er greift nach der größten Packung. „Fischöl, mit Omega-3-Fettsäuren. Das schützt die Zellen vor den Abfallprodukten des Stoffwechsels. Diesen Effekt haben wir auch wissenschaftlich untersucht.“ Bei der Energieumwandlung in den Mitochondrien entstehen freie Radikale, die den Zellen schaden und so den Körper altern lassen oder Krebs begünstigen. „Die Fettsäuren helfen den Mitochondrien, sich zu vermehren. Sie produzieren dann insgesamt weniger freie Radikale, weil das einzelne Kraft werk nicht mehr auf Hochtouren laufen muss."
Horvath stöbert weiter im Pillenregal, auf der Suche nach der perfekten Mischung für den Stoffwechsel. „Hier, Coenzym Q10, das ergibt eine super Kombination, damit kann man richtig aufdrehen“, sagt er und hält die Dose neben das Glas mit den Fischölkapseln. Würde er jetzt in eine Fernsehkamera gucken – er sähe aus wie in einer amerikanischen Dauerwerbesendung. „Das hilft den Mitochondrien, die Energie aus der Nahrung umzuwandeln, und beseitigt freie Radikale."
Weil neurodegenerative Erkrankungen wie Parkinson erst im Alter auftreten, müssten sie etwas mit der Abnutzung durch Stoffwechselmüll zu tun haben. Wenn man den entsorgen könnte, ohne Schaden anzurichten, wäre das womöglich ein Mittel gegen Altersleiden. Aber so einfach ist das nicht. Freie Radikale sind wichtig für die Energieumwandlung im Körper, ganz ohne sie geht es auch nicht. Dem Professor selbst hat die Pillenkur aus dem Supermarkt jedenfalls nicht geholfen, im Gegenteil: „Ich bekam Nebenwirkungen, mein Herz schlug schneller. Da hab ich es gelassen."
Im Kölner Exzellenzcluster will Horvath weiter daran forschen, was Zellen, besonders die im Hirn, schädigt. Ein Wundermittel gegen das Altern wird er aber genauso wenig finden wie eines gegen Übergewicht, das ist ihm klar, nicht erst seit seinen Selbstversuchen. „Es wird keine Pille dagegen geben. Das Einzige, was vorerst hilft, ist: Maßhalten“, sagt er mit Pastorenstimme und grinst.
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Der Hypothalamus kontrolliert
elementare Lebensfunktionen wie
Nahrungsaufnahme und Schlaf-
bedürfnis.
Foto: Humboldt-Stiftung |
Leicht wird ihm das in Köln nicht fallen, das hat Horvath schon bei seinen ersten Besuchen gemerkt. Er hat mit seiner Frau nicht nur das Forschungsinstitut, mögliche Wohngegenden und die englische Schule für seine Kinder besichtigt, sondern auch die Kneipen. „Da kriegt man dauernd ein neues Kölsch hingestellt, man kann gar nichts dagegen tun“, erzählt er nach seiner Testvisite im Brauhaus. „Ich habe auch dieses riesige Stück Schweinefleisch probiert. Wie heißt das, Hämmchen oder so?"
Sobald er in Köln ist, muss der Professor jedoch noch ein anderes Problem lösen: Er braucht einen Hund. „Ich habe meinem Sohn einen versprochen, wenn wir umziehen“, erzählt er und guckt etwas gequält. Der ehemalige Tierarzt leidet unter einer Hundeallergie, ausgerechnet. Bald wird Horvath mit seiner Familie nach Deutschland kommen. Dann muss der Hund her. Vielleicht kann ihm der ja endlich zu einer schlankeren Linie verhelfen.
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