Humboldtianer im Fokus

Die Konstruktion der Erinnerung

Von Christina Berndt

Die Gedächtnisgeschichte erforscht, wie nicht nur die Vergangenheit selbst, sondern auch die Art, wie wir uns an sie erinnern, unser Selbstbild und unsere Gegenwart prägen. Als Pioniere dieser noch jungen Disziplin erhielten Aleida Assmann und Karl Galinsky in diesem Jahr den Max-Planck-Forschungspreis.

Manche sagen, die Menschheit habe aus allem Schrecken, der ihr widerfahren ist, nichts gelernt. Aber auch wenn politische Entwicklungen mitunter enttäuschen mögen: Manches haben die Menschen doch gelernt. So furchtbar war der Holocaust, so entsetzlich waren militärische Giftgaseinsätze und Menschenversuche, dass solche Barbarei heute über viele nationale und religiöse Grenzen hinweg geächtet wird.

Wider das Vergessen: Aleida Assmann liest Namen von Opfern des Nationalsozialismus auf dem Synagogendenkmal in Konstanz.
Wider das Vergessen: Aleida
Assmann liest Namen von
Opfern des Nationalsozialismus
auf dem Synagogendenkmal in
Konstanz.

Foto: Axel Griesch

Es ist nämlich nicht nur der einzelne Mensch, der ein Gedächtnis hat. Auch ganze Völker sind – wie Religionsgemeinschaften, Ethnien oder Familien – zu gemeinsamen Gedächtnisleistungen fähig. Schon 1925 formte der französische Soziologe Maurice Halbwachs den Begriff vom „kollektiven Gedächtnis“. Aleida Assmanns großes Verdienst ist es, dessen Bedeutung erkannt und – zum Teil in Zusammenarbeit mit ihrem Mann, dem Ägyptologen Jan Assmann – weiterentwickelt zu haben. Aleida Assmann gilt als Pionierin des jungen Fachs der Gedächtnisgeschichte, dem es im Unterschied zur Geschichtswissenschaft nicht um die Vergangenheit als solche geht, sondern um die Formen, in denen die Vergangenheit präsent gehalten wird.

Das Gedächtnis des Einzelnen wird geprägt von seinen persönlichen Erinnerungen. Doch keiner ist mit seinen Erinnerungen allein. Vielmehr wird jeder Mensch auch von längst vergangenen Ereignissen beeinflusst – durch die Erzählungen seiner Großmutter ebenso wie durch Riten innerhalb von Traditionen, den Geschichtsunterricht in der Schule und Filme im Kino. „Jedes Ich ist verknüpft mit einem Wir, von dem es Grundlagen seiner Identität bezieht“, sagt Aleida Assmann. Weil man biografische Anekdoten, Riten und Filme aber nur schwer vergleichen kann, betrachtet Assmann das kollektive Gedächtnis differenzierter. Je nach Dauer, Emotionalität und dem Grad der Institutionalisierung spricht sie vom „sozialen“, „nationalen“ oder „kulturellen“ Gedächtnis.

"Keiner ist mit seinen Erinnerungen allein. Jeder Mensch wird auch von längst vergangenen Ereignissen beeinflusst – durch die Erzählungen seiner Großmutter ebenso wie den Geschichtsunterricht und Filme im Kino."

Was im sozialen Gedächtnis gespeichert ist, gerät am schnellsten in Vergessenheit. Denn es wird vor allem mündlich tradiert. „Solange eine Gruppe sich über eine Erfahrung immer wieder austauscht, so lange besteht ein soziales Gedächtnis“, erläutert Assmann. „Mit dem Tode der lebendigen Träger aber löst es sich auf.“ Auf längere Zeit ist das nationale Gedächtnis angelegt, das in Schulstunden, Straßennamen und Jahrestagen verankert ist. Es ist aber ebenso wie die Erinnerung des Einzelnen perspektivisch verengt und parteiisch. „Erzählungen werden zu Mythen, deren wichtigste Eigenschaft ihre affektive Wirkmacht ist“, sagt Assmann. Sie werden so lange weitergegeben, wie sie das Selbstbild des Kollektivs stützen. Es gibt allerdings auch die „heißen Kerne“ von Schmerz und Schuld, die langfristig zu Veränderungen des nationalen Gedächtnisses führen können.

Durch eine noch längere Dauer zeichnet sich das kulturelle Gedächtnis aus, das auf CDs und Filmrollen ebenso gespeichert ist wie in Büchern und auf Papyrus. Bibliotheken, Museen und Archive konservieren solche materiellen Rückstände der Kultur – allerdings immer höchst selektiv. Davon wird wiederum nur ein winziger Teil tatsächlich in lebendiger Zirkulation erhalten. Jede Generation definiere ihren Zugang zur Geschichte neu, betont Assmann. So seien durch den Perspektivwechsel der 68er Generation manche Verengungen des öffentlichen Geschichtsbildes korrigiert worden, etwa der Ausschluss der jüdischen Opfer aus dem deutschen Gedenken. Seit dem Jahr 2000 seien nun Themen wie Vertreibung und Entwurzelung, die „während der letzten beiden Jahrzehnte vom offiziellen Geschichtsdiskurs marginalisiert wurden“, aufgrund des wachsenden Interesses am Thema Familientrauma wiederentdeckt worden.

Gegenüber „den monumentalen Deklamationen des Staates“ habe das soziale Gedächtnis somit neue Geltung erlangt, so Assmann. Sie schreibt diese Wende gerade auch der Leistung der Literatur zu. Diese habe immer wieder „eine kritische Distanz zur offiziell verordneten Gegenwartsdeutung ermöglicht“.

Aleida Assmanns Leistung besteht nicht nur in der Analyse der Gedächtnisformen. Sie greift auch in öffentliche Debatten ein und beteiligt sich aktiv an der Gestaltung einer verantwortlichen und differenzierteren deutschen Erinnerungskultur.

Augustus‘ Spiel mit der Erinnerung

Der US-Amerikaner Karl Galinsky ist eigentlich klassischer Philologe, doch als einer der innovativsten Köpfe auf dem Gebiet der Kulturforschung vollbringt er aufsehenerregende Transferleistungen vom Altertum in die Moderne. Und aus seiner Kenntnis über den ersten römischen Kaiser Augustus (63 v. Chr. bis 14 n. Chr.) zieht er folgenden Schluss: Neue Staatsoberhäupter dürfen mit vielem brechen, was ihre Vorgänger getan haben. Doch je mehr sie verändern, desto stärker sollten sie sich gleichzeitig auf alte Traditionen besinnen, damit das Volk ihnen das Vertrauen nicht entzieht. Dies ist wohl einer der wichtigsten Ratschläge, die Galinsky den heutigen Politikern und auch seinem eigenen Präsidenten geben kann. Augustus gelang es, sein zerstrittenes Volk zu einen, weil er Tradition und Innovation geschickt miteinander verband.

Karl Galinsky auf den Spuren der römischen Geschichte im Pantheon.
Karl Galinsky auf den Spuren
der römischen Geschichte
im Pantheon.

Foto: Axel Griesch

Wie Augustus herrschte, ist auch deshalb so interessant, weil seine Epoche unter den römischen jene ist, die weitreichenden Einfluss auf nachfolgende Kulturen ausübte: als Modell, als Gegenbeispiel, aber immer mit viel Resonanz. Mit seinen Arbeiten hat Galinsky erstmals ein adäquates Verständnis der Augusteischen Kultur und Herrschaft ermöglicht. Dabei hat er auch so überraschend wirkende Themen aufgegriffen wie Politikverdrossenheit, Multikulturalität oder postmoderne Architektur. Bis Karl Galinsky sich Augustus’ Herrschaftszeit genauer anschaute, waren Altertumsforscher davon überzeugt, dass diese Epoche ausgesprochen traditionell orientiert gewesen sei. Doch Galinsky hat dieses Bild umgeworfen. Die Zeit habe vielmehr einen dynamischen und experimentellen Charakter gehabt, sagt er. So gab Augustus seinem Volk das Gefühl, in eine neue Zeit aufzubrechen. Zugleich aber vermied er einen Bruch mit der Geschichte, indem er das Brauchtum wahrte. Mitunter belebte Augustus sogar Riten wieder, die schon ganz in Vergessenheit geraten waren, um das kulturelle Gedächtnis zu formen und damit die römische Identität zu stärken.

Als Augustus’ Herrschaft begann, war sein Reich von Bürgerkriegen geschüttelt. Augustus aber einte die Menschen, indem er sie etwa an ihre althergebrachte Religiosität erinnerte. Darauf hatten die Römer hundert Jahre zuvor noch selbst gebaut. Sie glaubten, sie hätten die Weltherrschaft ihren guten Beziehungen zu den Göttern zu verdanken.

Auch gegen die herrschende Politikverdrossenheit musste Augustus etwas unternehmen. Dazu betonte Cäsars Nachfolger stets, dass er die Republik wiederherstelle; dennoch agierte er wie ein Alleinherrscher. Immer bezeichnete er sich nur als Princeps, als ersten Bürger, der allein aufgrund der Zustimmung der anderen und seiner moralischen Autorität herrsche. Augustus gelang es, ein positives Bild von sich zu schaffen und das kulturelle Gedächtnis in seiner Zeit und für die Zukunft zu formen.

"Rom war eine multikulturelle Gesellschaft par excellence, von der die heutigen Demokratien manches lernen könnten."

Das kulturelle Gedächtnis stiftete dem Römischen Reich mit seiner ethnischen Vielfalt auch Integrität. Rom war nämlich eine multikulturelle Gesellschaft par excellence, von der die heutigen Demokratien manches lernen könnten. So hatte jeder Bewohner in Sachen Sprache, Kleidung und Religion alle Freiheiten, wenn er nur den Grundprinzipien der römischen Herrschaft folgte – also die Verfassung achtete, den Staatsgöttern opferte, sich der Gerichtsbarkeit unterwarf und seine Steuern zahlte.

Auch die künstlerische Freiheit war groß, wie Galinsky herausgefunden hat. Anders als lange angenommen, waren Kunst und Literatur experimentell, der Fantasie wurde freier Lauf gelassen. So entwickelte sich eine Kunst, die noch lange als vorbildlich angesehen wurde und den Stolz und damit den Zusammenhalt beförderte.

Auf all diesen Ebenen erforscht Galinsky, wie das kulturelle Gedächtnis in Rom funktioniert hat. Dabei hat er erkannt, dass kollektive Erinnerungen manchmal davon abhängen, wer sich warum an was erinnert. Und genau daraus will er für die Moderne lernen – wer Ideen formt, wer sie kontrolliert und was lieber mal vergessen wird.


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Aleida Assmann Aleida Assmann
Foto: Axel Griesch

Professor Dr. Aleida Assmann lehrt Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz. Im Jahr 2009 erhielt sie gemeinsam mit Karl Galinsky den Max-Planck-Forschungspreis, den Internationalen Forschungspreis der Alexander von Humboldt-Stiftung und der Max-Planck-Gesellschaft.

Karl Galinsky Karl Galinsky
Foto: Axel Griesch

Professor Dr. Karl Galinsky lehrt Klassische Philologie an der University of Texas in Austin, USA. 1992 wurde er mit dem Humboldt-Forschungspreis ausgezeichnet und war in den folgenden Jahren als Gastforscher an der Universität Mainz und der Freien Universität Berlin.

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