Humboldtianer im Fokus
Die Angst des Feuerwehrmanns
Von Georg Scholl
Wie stark beeinflussen Gefühle das Handeln in unterschiedlichen Kulturen? Der Psychologe Dominik Güss suchte auf vier Kontinenten nach den emotionalen Blaupausen des Verhaltens.
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Dominik Güss erklärt einem
Probanden, wie er die Buschfeuer
auf dem Bildschirm in den Griff
bekommen kann.
Foto: privat |
Bis eben hatte Feuerwehrmann Willy Damaso die Lage noch im Griff. Doch nun schlagen überall neue Flammen hoch, und selbst aus der sicheren Distanz der Einsatzleitzentrale wird das um sich greifende Buschfeuer immer bedrohlicher. Damaso prüft die Informationen auf dem Bildschirm vor sich und stöhnt: „Jetzt kommt auch noch Wind auf. Was mach’ ich mit dem Brandherd da hinten? Am besten, ich schicke den Helikopter hin. Oh nein, jetzt brennt es auch noch dort drüben. Was mach’ ich bloß?“ Mit einem Stoßseufzer lässt er sich auf seinem Stuhl nach hinten sinken: „Ich werde nie ein guter Feuerwehrmann!“
Der Psychologe Dominik Güss, der die wachsende Verzweiflung des überforderten Brandmeisters genau beobachtet hat, lächelt zufrieden. Als Feuerwehrmann mag er versagt haben, doch als Proband einer Studie darüber, mit welchen unterschiedlichen Strategien Menschen Probleme lösen, hat Willy Damaso, der in Wirklichkeit anders heißt, hervorragend mitgespielt. Er ist einer von rund hundert philippinischen Studenten, die sich in einer Computersimulation namens Winfire als Brandbekämpfer bewähren müssen und dabei laut vor sich hin reden sollen, was ihnen gerade durch den Kopf geht. Die Methode ist in der Psychologie beliebt. Neben Winfire gibt es weitere Simulationen, sogenannte Mikrowelten, in denen die Probanden beispielsweise in die Rolle eines Schokoladenfabrikanten schlüpfen oder in die eines Supermarktmanagers, der die richtige Temperatur in seinem Kühlhaus ausbalancieren muss. Aus der Art und Weise, wie die Teilnehmer auf bestimmte Probleme reagieren und was sie dabei denken, lassen sich Vorhersagen ableiten, was Menschen in realen Situationen fühlen und wie sie sich verhalten.
Dominik Güss ist der Erste, der die sogenannte Laut-Denken- Methode bei der Arbeit mit Mikrowelten in einem internationalen Vergleich einsetzt. Neben Damaso und seinen Landsleuten mussten noch jeweils hundert Inder, Amerikaner, Deutsche und Brasilianer gegen den virtuellen Buschbrand kämpfen und die richtigen Kühlhaustemperaturen einstellen. Güss, der schon an Universitäten in Deutschland, auf den Philippinen und in den USA arbeitete, verfügt über das nötige internationale Netzwerk, um die Tests jeweils vor Ort mit lokalen Studententeams durchzuführen. Wenn er mit sanfter und freundlicher Stimme spricht, kann man sich gut vorstellen, wie positiv der hochgewachsene und jugendlich wirkende Deutsche bei den Tests auf aufgeregte oder zurückhaltende Kandidaten wirkt. Schließlich gehört einige Offenheit dazu, sich auf das laute Denken einzulassen und dem Wissenschaftler so unmittelbaren Einblick in das eigene Empfinden und Erleben zu geben.
Manches Klischee bleibt auf der Strecke
Güss sucht Antworten auf Fragen, die bislang in der Literatur über interkulturelle Kommunikation „meist eher aus dem Bauch heraus beantwortet wurden“, so Güss. Wie stark beeinflussen Emotionen das Handeln in unterschiedlichen Kulturen? Gibt es einen typisch deutschen oder amerikanischen Weg, ein Problem zu lösen? Gehen Inder mit Frustrationserlebnissen anders um als Winfire-Spieler aus Brasilien oder von den Philippinen?
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Die Computersimulation zeigt brennende
Wälder, Feuerwehrlöscheinheiten, Häuser
einer Stadt und Seen zum Wassertanken.
Foto: privat |
So manches Klischee blieb bei dem wissenschaftlichen Test auf der Strecke, wie Güss feststellte: „Die Ergebnisse sprechen etwa gegen das Stereotyp des ‚fatalistischen Inders‘und des ‚immer lächelnden und keine negativen Emotionen zeigenden Filipinos‘. In den Laut-Denken-Protokollen haben sich Inder nicht fatalistisch ihrem Schicksal ergeben, sondern haben genauso aktiv geplant und Entscheidungen getroffen wie die Amerikaner, Brasilianer und Filipinos. Nur die Deutschen planten mehr und trafen relativ mehr Entscheidungen als alle anderen.“ Die Filipinos zeigten, so Güss, nicht mehr oder weniger positive Emotionen und positive Selbstbeurteilungen in den Laut-Denken-Protokollen als die Deutschen, Brasilianer und Inder. Jedoch äußerten sie mehr negative Emotionen und Selbstbeurteilungen als die Inder und sogar die oft als besonders kritisch bis miesepetrig verschrienen Deutschen. Die Amerikaner erwiesen sich als die großen Pragmatiker unter den Löschstrategen: „Sie probierten oft einfach mal etwas aus und schauten, ob es klappt. Wenn nicht, war es auch nicht schlimm, dann gab es einfach den nächsten Versuch“, sagt Güss, der solche Erkenntnisse wertvoll findet, etwa bei der Besetzung von internationalen Teams, in denen unterschiedliche Stärken gefördert werden beziehungsweise sich ergänzen können.
Inder oder Filipinos sind Vertreter sogenannter high context cultures, in denen der Einzelne sich stärker an seiner Umwelt und an seinen Mitmenschen orientiert. In der Arbeit mit Güss zeigte sich das beispielsweise an den vielen Rückfragen, die sie dem Versuchsleiter vor dem und während des Spiels stellten, oder an ihrem Bedürfnis, für ihre erfolgreichen Taten gelobt oder nach Rückschlägen aufgemuntert zu werden.
„Ein Computerprogramm, das ähnlichen Stress fühlt wie der verzweifelte Feuerwehrmann, könnte schon bald helfen, die Reaktionen von Menschen in Krisensituationen vorherzusagen.“
Amerikaner und Deutsche dagegen, die als Angehörige von low context cultures gelten, gehen weniger auf ihre Umwelt ein, sind individualistischer und orientieren sich mehr an eigenen Zielen. In Winfire schnitten sie mit dieser Einstellung meist etwas besser ab. In einem Spiel, das mehr Interaktion und Teamarbeit erfordert, könnte dies anders sein, meint Güss und zieht Parallelen zum Verhalten in realen Extremsituationen, beispielsweise bei Naturkatastrophen. So sei die gegenseitige Hilfe der Bevölkerung beim Ausbruch des Vulkans Pinatubo auf den Philippinen 1991 ein ganz typisches Verhalten für eine kollektivistische Gesellschaft gewesen. Dass sich die Opfer der Katastrophe wie selbstverständlich umeinander kümmerten, mag Schlimmeres verhindert haben.
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Die Buschfeuer verwandeln grüne Wälder
in abgebrannte, graue Flächen.
Foto: privat |
Die zahlreichen Einwohner im durch den Hurrikan Katrina überschwemmten New Orleans dagegen, die lieber in den Ruinen ihrer Häuser blieben, als Zuflucht im zum Notlager umfunktionierten Football-Stadion zu suchen, sind typisch für eine individualistische Gesellschaft, in der sich jeder selbst der Nächste und die gegenseitige Hilfsbereitschaft geringer ist, meint Güss.
Auf dem Weg zur Computerseele
Zurzeit ist der Psychologe in Deutschland, um die Forschung mit seinen Humboldt-Gastgebern in Jena und Bamberg auszuweiten. So will er mit seinem Kooperationspartner an der Universität Jena, dem Psychologen und Professor für interkulturelle Kommunikation Stefan Strohschneider das Zusammenspiel interkultureller Teams in Simulationen testen und hierbei seine Thesen prüfen. An der Universität Bamberg, an der Güss ausgebildet wurde, will er gemeinsam mit dem deutschen Doyen der Verhaltenssimulation Dietrich Dörner seine Ergebnisse in dessen PSI-Theorie integrieren, ein Modell der Motivation, Emotion, Kognition und des Verhaltens von Menschen. Dörner entwickelt Computerprogramme, die − anspruchsvoll formuliert − die menschliche Seele simulieren sollen. Die Arbeiten von Dominik Güss sollen dazu beitragen, dass solche Simulationen an verschiedene kulturelle Kontexte angepasst werden können. Ein Computerprogramm, das ähnlichen Stress fühlt wie der verzweifelte Feuerwehrmann Willy Damaso, könnte schon bald helfen, die Reaktionen von Menschen in Krisensituationen vorherzusagen.
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