Humboldtianer im Fokus

Forscher für Demokratie und bessere Bildung im Nahen Osten

Von Abdel-Raouf Sinno

Wissenschaftler sind Pioniere in ihren Gesellschaften. Was besonders Alumni der Humboldt-Stiftung tun können, um zu einem Umdenken und gesellschaftlichen Wandel im Nahen Osten beizutragen.

Es war ein langer Weg für Europa bis hin zu den säkularisierten und demokratischen Gesellschaften von heute, denen es nach dem Zweiten Weltkrieg gelang, historische Konflikte zu überwinden, politische Stabilität herzustellen und einen gemeinsamen Wirtschaftsmarkt zu gründen. Demgegenüber errangen die meisten Länder des Nahen Ostens und Nordafrikas nach dem Zweiten Weltkrieg zwar ihre politische Unabhängigkeit, doch viel weiter sind sie auf ihrem Weg oftmals nicht gekommen.

Nachholbedarf für den Nahen Osten

Stammesdenken sowie ethnische und religiöse Spannungen sind in der Region immer noch weit verbreitet. Machtmonopole, mangelhafte Ernsthaftigkeit von Entwicklungsprogrammen sowie politische und militärische Konflikte sind weiterhin die Ursache von Unwissenheit, Analphabetismus undArmut. Die technologische Kluft zwischen der Region und dem Westen wird immer größer. Zwar hat es in den letzten Jahren einige Verbesserungen in den Bereichen Bildung und Gesundheit gegeben, doch verpuffen solche Entwicklungsimpulse angesichts der überbordenden Probleme. Da sind beispielsweise das schwache Wirtschaftswachstum, der dramatische Bevölkerungszuwachs und die Ausplünderung durchkorrupte Regime bei gleichzeitig bescheidenen Budgets für Bildung und Gesundheit und steigenden Ausgaben für Waffen.

Es gibt einen Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Einkommenshöhe auf der einen Seite und Armut, Arbeitslosigkeit, Unwissenheit, Krankheit und Unterernährung auf der anderen. Mit einem guten Einkommen kann man in bessere Bildung investieren und mehr für Lebensmittel und Gesundheit ausgeben. Bildung bedeutet wiederum mehr Beschäftigung, hilft bei der Anhebung des Einkommens und fördert das Wirtschaftswachstum. Wissen bleibt der wichtigste Maßstab für eine nachhaltige Entwicklung. Die Region muss gut qualifizierte und kreative Menschen ausbilden und nicht bloße Inhaber von Zertifikaten.

„Wissen bleibt der wichtigste Maßstab für eine nachhaltige Entwicklung. Die Region muss gut qualifizierte und kreative Menschen ausbilden und nicht bloße Inhaber von Zertifikaten.“

Die Forschung muss in den Dienst der sozioökonomischen Entwicklung gestellt werden. Doch geben arabische Staaten weniger als ein Prozent ihres Bruttosozialprodukts für Forschung aus, Israel dagegen mehr als drei Prozent. Die militärischen Konflikte in der Nahostregion haben zwischen 1991 und 2009 zwölf Billionen Dollar verschlungen, die man für Wirtschaftswachstum und Entwicklung hätte verwenden können. In den meisten Ländern fehlen entwickelte technologische Industrien. Die Landwirtschaft ist zu wenig produktiv, inländische Produkte können oft nicht mit Importwaren konkurrieren. Die Vereinten Nationen bescheinigen den arabischen Staaten einen gewaltigen Nachholbedarf, sowohl in Forschung und Entwicklung als auch bei der Demokratisierung und der Gleichberechtigung der Frauen. Wir müssen unsere Wirtschaft und Gesellschaft modernisieren und die Zusammenarbeit stärken. Neben einer besseren Ausbildung auf allen Ebenen ist vor allem die Lösung von Konflikten im Einklang mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit und der Menschenrechte nötig. Eine gerechte Lösung der Palästina-Frage ist eine strategische Maßnahme zur politischen Stabilität und Öffnung der Märkte.

Was können die Alumni der Humboldt-Stiftung zu einer gesellschaftlichen Modernisierung beitragen? Die meisten sind in ihren Heimatländern als Wissenschaftler oder Professoren an Universitäten und Forschungseinrichtungen oder in Verwaltungen tätig. Sie fungieren als Brücke zwischen ihren nationalen Universitäten und Forschungsinstituten sowie denen in Deutschland. Wie andere Wissenschaftler und Intellektuelle sind sie Pioniere in ihren Gesellschaften. Als solche sollten sie versuchen, einen friedlichen Wandel in ihren Ländern zu verwirklichen, etwa indem sie sich mit anderen Humboldt-Alumni national oder regional zusammenschließen und gemeinsam jene Elemente einer entwickelten und demokratischen Gesellschaft einbringen, die sie in Deutschland kennen- und schätzen gelernt haben.

Sie können auf eine bessere Bildungspolitik hinwirken, sich für bessere Ausbildung und die Verwendung von neuester Technologie einsetzen ebenso wie für eine unabhängige Justiz und eine funktionierende Zivilgesellschaft. Sie können Reformen in den Institutionen, in denen sie tätig sind, durchsetzen und für die Freiheit des wissenschaftlichen Denkens kämpfen. Sie müssen sich gegen Fanatismus, Intoleranz und Extremismus stellen sowie die Erziehung zu Demokratie und Gleichheit fördern.

All dies erfordert Einsatz und Kraft. Doch was bliebe sonst? Eine radikale Opposition? Mit dem Strom schwimmen und sich unterordnen oder gar vom System profitieren? Auswandern und Teil des Braindrains werden, der unsere Gesellschaften weiter schwächt? All dies sind für Humboldtianer keine Alternativen.


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Abdel-Raouf Sinno Abdel-Raouf Sinno
Foto: privat

Professor Dr. Abdel-Raouf Sinno lehrt Moderne Geschichte an der Université Libanaise in Beirut, Libanon. Als Humboldt- Forschungsstipendiat war er zu Beginn der 1990er-Jahre sowie seit dem Jahr 2000 zu regelmäßigen Forschungsaufenthalten in Berlin an der Freien Universität sowie am Zentrum Moderner Orient.

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