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Das Mittelalter im Film: zwischen Klischee und Wirklichkeit

Von Bettina Bildhauer

Blutrünstige Monster und Folterkammern gehören imKino ebenso zum Mittelalter wie edle Ritter und schöne Burgfräulein. Die Mediävistin Bettina Bildhauer zeigt, wie stark dieses Bild von der Wahrnehmung der eigenen Gegenwart beeinflusst wird.

Das Mittelalter zwischen Romantik und Brutalität: Filmszene aus „Robin Hood – König der Diebe“ (1991) ...
Das Mittelalter zwischen Roman-
tik und Brutalität: Filmszene aus
„Robin Hood – König der Diebe“
(1991) ...

Foto: Cinetext Bildarchiv

Ist das Mittelalter heute überhaupt noch relevant? In den Medien ist es zumindest allgegenwärtig. Neben zahlreichen Berichten über Mittelaltermärkte und Mittelalterausstellungen gibt es Kommentare wie diesen in der deutschen Tageszeitung „Die Welt“ zur letzten Staffel der Fernsehshow „Big Brother“: „Back to Mittelalter! Frauen putzen, Männer liegen rum.“ Die deutsche Krimireihe „Tatort“ zeigte besonders brutale Morde mit dem Morgenstern, einem laut Wochenmagazin „Stern“ „mittelalterlichen Folterwerkzeug“.

Verwendet man das Wort „mittelalterlich“, bezieht man sich normalerweise auf die Zeitspanne zwischen Antike und Neuzeit, ganz grob zwischen den Jahren 500 und 1500, aber in Aussagen wie oben bedeutet es soviel wie altmodisch, primitiv, brutal oder ignorant. Es ist inzwischen glücklicherweise in der Öffentlichkeit nicht mehr akzeptabel, „homosexuell“, „weiblich“ oder „ausländisch“ in abwertendem Sinne zu benutzen, aber Mittelalterfeindlichkeit ist immer noch weit verbreitet.

Das Mittelalter als Kontrast zur Moderne

Ein Aspekt meiner Arbeit als Altgermanistin ist, solche Stereotype über das Mittelalter als eine primitive Kontrastfolie zur Moderne zu analysieren und die wichtige Rolle zu verstehen, die das Mittelalter in unserem Selbst- und Weltbild bis heute spielt. Meine aktuelle Forschung zur Darstellung des Mittelalters im deutschen und internationalen Kino – von „Die Päpstin“ und „Vision – Aus dem Leben der Hildegard von Bingen“ bis hin zu „Das siebte Siegel“ und „Die Nibelungen“ – hat gezeigt, dass das Mittelalter regelmäßig als Kontrast zur modernen Kultur dargestellt wird, als Epoche einer alternativen Vorstellung von Zeit, Mensch und Kommunikation. Das sagt aber weniger über das Mittelalter aus als über uns.

„Das Klischee des brutalen und verklemmten Mittelalters ist nicht deshalb so beliebt, weil es der damaligen Zeit besonders gerecht würde, sondern weil es unseren Fortschrittsglauben bestätigt.“

Das Klischee des brutalen und verklemmten Mittelalters, wie es in „Braveheart“ oder „Der Name der Rose“ dargestellt wird, ist nicht deshalb so beliebt, weil es der damaligen Zeit besonders gerecht würde, sondern weil es unseren Fortschrittsglauben bestätigt. Es gibt aber auch das umgekehrte Bild des Mittelalters als verlorenes Paradies, einer romantischen Zeit mit Rittern, Burgfräulein, wahrer Liebe und Drachenkämpfen, wie zum Beispiel in „Ritter aus Leidenschaft“ oder „Der erste Ritter“. Dieses Bild drückt vor allem das Unbehagen gegenüber bestimmten Aspekten der Moderne – den Geschlechterrollen und der Entzauberung der Welt – aus. Das Mittelalter wird dabei von einer historischen Epoche immer mehr zu einer mythischen Vorzeit.

Mittelalterfilme sind nicht dumm: Hinter positiven wie negativen Mittelalterstereotypen stecken oft ausgeklügelte Herausforderungen an die Moderne. Viele dieser Filme bringen zum Beispiel unsere fest verankerte Vorstellung ins Wanken, die Zeit laufe in immer gleichem Tempo, unaufhaltsam und unwiederbringlich von einer Sekunde zur nächsten ab. Relativitätstheorie hin oder her, diese Denkweise ist uns allen tief eingeprägt. Filmemacher greifen gerne auf das Mittelalter zurück, um sich Alternativen vorstellen zu können, weil Menschen zu jener Zeit angeblich noch nicht ganz so linear dachten. So wimmelt es in Mittelalterfilmen von echten oder imaginären Zeitreisen und von bewussten Anachronismen wie in „Ritter aus Leidenschaft“ und „1 ½ Ritter“, in dem Turniere wie jüngste Sportveranstaltungen von Stadiengesang und Cheerleadern begleitet werden. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft können nicht mehr klar auseinandergehalten werden, mit dramatischen oder lustigen Konsequenzen. Die Toten bleiben dann natürlich auch nicht tot: In „Beowulf“ zum Beispiel kehrt das tot geglaubte Monster immer wieder zurück.

Filmszene aus „Der Name der Rose“ (1986)
... und aus „Der Name der Rose“
(1986).

Foto: Cinetext / Constantin Film

Beim Spiel mit der Zeit werden oft auch gleichzeitig Geschlechterkonventionen ausgehebelt. In Bully Herbigs unvergessenem „(T)Raumschiff Surprise“ etwa sieht der sonst so machohafte und betont heterosexuelle Til Schweiger plötzlich ganz schön unmännlich aus, als er ins Mittelalter zurückversetzt wird, und muss sich kurzerhand als der Rosarote Ritter von Hinten durchschlagen. Allerdings kann die Aushebelung von Geschlechterkonventionen auch recht konservativ wirken. In „Die Päpstin“ darf Johanna sich zwar als Mann ausgeben, um im ach so finsteren Mittelalter überhaupt eine Chance auf Bildung zu bekommen, aber letzten Endes macht ihr der ewig unzuverlässige weibliche Körper doch einen Strich durch die Rechnung, indem er sie erst zur geschlechtlichen Liebe und dann zu einer öffentlichen Niederkunft treibt.

Ebenso gründlich wie die Zeitvorstellung wird auch das Menschenbild der Moderne im Mittelalterfilm hinterfragt. Das Mittelalter wird benutzt, um sich Alternativen zum aufgeklärten Individuum vorzustellen; es gilt als eine Zeit, in der Menschen noch stärker in Gemeinschaften eingebunden waren.

„Mittelalterfilme sind nicht dumm: Hinter positiven wie negativen Mittelalterstereotypen stecken oft ausgeklügelte Herausforderungen an die Moderne.“

Ganz wichtig ist dem Mittelalterfilm die Medienreflexion. Das geschriebene Wort ist in Mittelalterfilmen Feindbild Nummer eins: Todesurteile, Ausweisungsbescheide, gefälschte Unterschriften, unterschlagene Briefe – sie alle werden zuhauf von korrupten Eliten geschrieben und missbraucht. Nur wenn es sich um Schriften als Schaustücke handelt, als schöne Manuskripte und Ornamente, hat die Schrift im Mittelalterfilm eine Chance, Wahrheit und Ästhetik zu transportieren. Viele Medienhistoriker haben das komplette Medium Film als eine Rückkehr in die angeblich stärker visuelle und weniger schriftdominierte Zeit vor dem Buchdruck verstanden. Auch wenn es sich hier wieder um ein Klischee handelt: So viel Selbstreflexion täte dem wissenschaftlichen Umgang mit Geschichte auch ganz gut.


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Bettina Bildhauer Bettina Bildhauer
Foto: Sabrina Wendling und Bernd Wannenmacher

Dr. Bettina Bildhauer ist Altgermanistin an der University of St Andrews in Großbritannien. Zurzeit arbeitet sie als Humboldt-Forschungsstipendiatin an der Freien Universität Berlin an der Fertigstellung einer Monografie über die Darstellung des Mittelalters in verschiedenen Filmen.

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