Humboldtianer im Fokus

Warten auf ein neues Herz

Von Andreas Unger

Die Psychologin Gerdi Weidner untersucht, wie Herztransplantationen überflüssig werden.

Die Fotografen Urban Zintel und Stephanie Fuessenich haben im Jahr 2008 einen Patienten über Wochen  hinweg bei seiner Herztransplantation begleitet. Das Bild auf dieser Seite zeigt das Spenderherz; es wartet steril verpackt auf die Transplantation
Die Fotografen Urban Zintel und
Stephanie Fuessenich haben im
Jahr 2008 einen Patienten über
Wochen hinweg bei seiner Herz-
transplantation begleitet. Das
Bild auf dieser Seite zeigt das
Spenderherz; es wartet steril ver-
packt auf die Transplantation.

Foto: Urban Zintel und Stephanie
Fuessenich

Es gab da diese Zahl, die Gerdi Weidner sonderbar fand: Fast jeder zehnte Patient, der auf der Warteliste für ein neues Herz steht, wird nach einer Weile wieder aus ihr gestrichen – wegen „spontaner Verbesserung“ des Zustandes. In einer Kaffeepause während einer Konferenz fragte sie einen Herzchirurgen, was er über diese Menschen wisse. Der Arzt schien die Frage sonderbar zu finden. „Um die kümmere ich mich nicht. Sie landen einfach nicht auf meinem OP-Tisch.“

Ein geheilter Patient ist eben kein Patient mehr, und der Arzt sagt: Der Nächste, bitte. Logisch, fand der Chirurg. Komisch, fand Gerdi Weidner. Diese Menschen mussten doch etwas zu erzählen haben. Weshalb ging es ihnen wieder besser? Wie lebten sie? Wie hatte sich ihr Leben in den vergangenen Monaten verändert? Was können wir aus ihren Erfahrungen lernen? Und warum, bitteschön, fragt sie niemand danach.

Noch ohne es zu wissen, ist sie an diesem Tag vor zehn Jahren auf ein interessantes Forschungsthema gestoßen. Gerdi Weidner ist Professorin an der San Francisco State University und seit über zehn Jahren Gastprofessorin an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Ihr Büro liegt im vierten Stock in einem unscheinbaren modernen Bau gleich hinter dem Mainzer Hauptbahnhof. Dort beschäftigt sie sich mit psychosozialen Faktoren und Verhaltensweisen, die chronische Krankheiten beeinflussen. Zusammen mit Heike Spaderna hat sie die Studie „Warten auf ein neues Herz“ initiiert, an der 17 Forschungseinrichtungen und Kliniken teilnehmen. Weidner ist Psychologin, keine Chirurgin. Ihre Forschungsfrage lautet nicht: Wie optimieren wir Operationen? Sondern: Wie verbessern wir den Zustand der Patienten auf der Warteliste? Welche Lebensgewohnheiten dienen dem Wohl von Herzkranken? Einige Antworten haben sie und ihre Kollegen schon gefunden: Das Pflegen sozialer Kontakte und eine Portion Optimismus verbessern den Gesundheitszustand so sehr, dass ein Spenderherz manchmal sogar überflüssig wird und der Patient von der Warteliste genommen werden kann.

Die Operation: Die Fotografen haben den Moment festgehalten, in dem die Ärzte das kranke Herz schon entnommen haben, gleich setzen sie das Spenderherz ein. Nach dem geglückten Eingriff geht der Patient für mehrere Wochen in die Rehabilitation – und feiert seinen zweiten Geburtstag.
Die Operation: Die Fotografen ha-
ben den Moment festgehalten, in
dem die Ärzte das kranke Herz
schon entnommen haben, gleich
setzen sie das Spenderherz ein.
Nach dem geglückten Eingriff
geht der Patient für mehrere
Wochen in die Rehabilitation
– und feiert seinen zweiten Ge-
burtstag.

Foto: Urban Zintel und Stephanie
Fuessenich

„Als ich studiert habe, drehte sich beim Thema Psychosomatik und chronische Krankheiten in Deutschland noch sehr viel um Psychoanalyse“, sagt Gerdi Weidner. Sehr elaboriert, aber nicht gut zu beweisen. Erst ein Auslandssemester 1976 in Amerika brachte Gerdi Weidner, eine gebürtige Deutsche, auf die richtige Spur: Sie entdeckte die Erkenntnismöglichkeiten empirisch-quantitativer Methoden in der Psychosomatik. Besonders gern erzählt sie die Geschichte, wie zwei Kardiologen in Kalifornien einst auf die Idee gekommen sind, die Psyche ihrer Herzpatienten genauer zu untersuchen: Eines Tages wollten sie die alten Sitzpolster in ihrem Wartezimmer erneuern lassen. Dabei fiel ihnen auf, dass sie vor allem vorn abgewetzt waren – ein Zeichen dafür, dass die Patienten nach vorn gebeugt und angespannt sitzen. Ihre Arbeitshypothese: Herzpatienten seien gestresster, nervöser, unruhiger, vielleicht auch erregbarer und aggressiver als der Durchschnittsbürger. So begannen die Kardiologen sich nicht mehr nur für die Herzen, sondern auch für die Lebensumstände ihrer Patienten zu interessieren. Abgewetzte Sitzpolster als Beispiel für quantitative Forschung – „solchen Phänomenen nachgehen, das wollte ich auch“, sagt Weidner.

Von 1984 bis 2001 arbeitet sie als Professorin für Psychologie und Präventivmedizin an der State University of New York at Stony Brook, anschließend wird sie im kalifornischen Sausalito zur Vizepräsidentin und Forschungsdirektorin am Forschungszentrum für Präventivmedizin und dann Professorin an der San Francisco State University. Verheiratet ist sie mit einem amerikanischen Ozeanologen, kehrt aber immer wieder nach Deutschland zurück – auch weil ihre Mutter, ihr Bruder, zwei Nichten und jede Menge Cousinen und Cousins hier wohnen. Ihr Deutsch hat inzwischen eine leichte amerikanische Färbung – und inzwischen kommt ihr „outcome“ leichter über die Lippen als „Ergebnis“. Deutschland als Forschungsschwerpunkt bietet ihr aber nicht nur familiäre Vorteile: Für ihre Untersuchungen ist das egalitäre Gesundheitssystem wichtig. In den USA müsste sie mit erheblichen Verzerrungen rechnen, denn auf den Wartelisten für eine Organtransplantation stehen überdurchschnittlich viele Angehörige der weißen Mittel- und Oberschicht. Im deutschen System hingegen bekommt sie einen repräsentativen Bevölkerungsquerschnitt.

Als Türöffner für ihre Arbeit dient ihr der Humboldt-Forschungspreis, mit dem Weidner 2001 ausgezeichnet wurde. Ihr war aufgefallen, dass nach dem Niedergang der Sowjetunion Herzkrankheiten in den Ländern Ost- und Zentraleuropas sprunghaft angestiegen waren – vor allem bei Männern. Dabei waren die Geschlechter doch eigentlich gleich stark von den Lebensumbrüchen betroffen, überlegte Weidner. Zusammen mit Kollegen ging sie den Lebensumständen in den postsozialistischen Ländern nach und fand heraus: Das Selbstbild der Männer vom starken, unabhängigen Versorger ist immens unter Druck geraten, was bei ihnen zu exzessivem Alkoholkonsum und anderem ungesunden Verhalten führen kann. Frauen hingegen können besser mit Stress umgehen – es fällt ihnen leichter, über ihre Sorgen zu sprechen, sie fühlen sich deshalb weniger allein. Und im Allgemeinen ernähren sie sich gesünder.

Das Forschungsteam: Gerdi Weidner und Heike Spaderna, eingerahmt von den Humboldt-Gastgebern Thomas Kubiak (links) und Heinz Walter Krohne (rechts)
Das Forschungsteam: Gerdi
Weidner und Heike Spaderna,
eingerahmt von den Humboldt-
Gastgebern Thomas Kubiak
(links) und Heinz Walter Krohne
(rechts).

Foto: Andreas Reeg

Unter denjenigen allerdings, die auf eine Transplantation warten, sind es die Frauen, die schlechtere Überlebenschancen haben. Dabei sind die Frauen auf der Warteliste nicht kränker als die Männer; es gibt allerdings Anzeichen dafür, dass ein stärkerer seelischer und sozialer Druck auf ihnen lastet. „Wenn wir berücksichtigen, dass sich Frauen typischerweise um die Familie kümmern, kann es sein, dass sie sich stärker belastet fühlen durch eine Krankheit, die sie außer Gefecht setzt“, schreibt Gerdi Weidner mit ihrer Kollegin Heike Spaderna in einer Untersuchung. Ein Beleg: Gefragt nach den schwersten Beeinträchtigungen durch ihre Herzkrankheit nannten Männer Schwierigkeiten in ihrem Sexleben und Einschränkungen in ihrer Freizeitgestaltung, also eher selbstbezogene Faktoren. „Frauen dagegen nannten Sorgen um ihre Familie und ihren Partner.“

So einleuchtend solche Deutungsmuster auch klingen – Weidner lässt immer auch zurückhaltende Formulierungen einfließen, vermeidet Stereotypisierungen und scheut sich nicht, Unklarheiten und Widersprüche zu benennen.

Warum also haben herzkranke Frauen eine geringere Überlebenschance als Männer, sobald sie auf die Warteliste für ein Spenderherz kommen – obwohl sie noch vor der konkreten Aussicht auf eine Operation viel bessere Chancen hatten?

„Wir wissen es noch nicht. Zur Zeit können wir nur Vermutungen anstellen“, sagt Weidner. Vielleicht hänge es mit Vorstellungen von der Bedeutung des Herzens als Sitz der Persönlichkeit, der Seele, der Gefühle zusammen, derer sich Frauen besonders bewusst seien – eine bevorstehende Transplantation macht ihnen deshalb möglicherweise besonders starke Angst. „Für Männer ist ein Organ eher etwas, das funktionieren soll und bei Bedarf repariert oder ausgewechselt gehört.“

Anders bei Frauen: Manche Transplantierte berichten etwa von neuen Vorlieben, die sie vor der Operation nicht hatten – ihre Essgewohnheiten ändern sich, oder sie entwickeln sogar einen Schuhtick, den sie vorher nicht hatten. Viele vermuten, dass das mit dem Charakter ihres Herzspenders zusammenhängt.

„Wir sollten diesen Berichten einmal nachgehen“, sagt Weidner. Um solche Rätsel zu lösen, bedarf es guter Fragebögen und einer Portion Beharrlichkeit, aber keiner aufwendigen Gerätemedizin. Gern gesehen wird Weidners Arbeit deshalb von denen, die darauf achten, dass das Gesundheitssystem bezahlbar bleibt, etwa von Krankenkassen. „Was wir machen, ist unendlich viel günstiger als chirurgische Eingriffe. Unsere Ergebnisse sind schlecht für die Geräteindustrie, aber gut, wenn man sparen will. Es ist viel günstiger, Menschen zu helfen, die in psychosozialen Schwierigkeiten stecken, als ihnen ein neues Herz zu geben.“ Das Ziel immerhin ist das gleiche: Schließlich gehe es beiden Seiten darum, die Menschen auf der Warteliste für ein neues Herz zu stabilisieren und ihre Überlebenschancen zu erhöhen – vor und nach einer eventuellen Operation. Gerdi Weidners Arbeit aber wird weniger von Hightech-Medizinern und der Pharmaindustrie unterstützt, die ihr Geld mit Transplantationen und den teuren Medikamenten für die Patienten verdienen. Umso wichtiger sind öffentliche Forschungsgelder für ihre Arbeit. „Private Drittmittel kriege ich für diese Art der Arbeit nicht. Nein, halt! – einmal wollte ein kalifornischer Granatapfel-Farmer eine Studie finanzieren, um zu erfahren, ob sein Getränk gut fürs Herz ist“, sagt sie und lacht.


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Gerdi Weidner
Gerdi Weidner 
Foto: Andreas Reeg

Wie verbessern wir den Zustand von Patienten auf der Warteliste? Das ist das große Thema von Gerdi Weidner.

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