Humboldtianer im Fokus

Die großen Fragen

Was Forscher umtreibt und woran sie derzeit arbeiten.

Wie viel Mensch steckt im Raben?

Von Martina Preiner

Simone Pika
Simone Pika
Foto: Jens Küsters 

In Sachen Sozialverhalten, davon ist Simone Pika überzeugt, stehen Raben uns Menschen in vielen Situationen in nichts nach. Kooperation beispielsweise ist im Rabenalltag alles. Und um kooperieren zu können, bedarf es der Kommunikation.

Wenn ein Rabe einen Kadaver erspäht, stürzt er sich nicht blindlings auf seinen Fund, sondern holt erst einmal andere Artgenossen durch Futterrufe herbei – gemeinsam können sie die Beute besser verteidigen. Doch Raben können auch ganz still und leise miteinander Kontakt aufnehmen: „Sie beherrschen eine Art der nonvokalen Kommunikation, die man bisher nur von Kleinkindern und Menschenaffen kannte.“

Drei Sommer lang beobachtete Simone Pika für diese Erkenntnis zusammen mit einem Kollegen Raben im österreichischen Cumberland Wildpark. Dabei konnten sie beobachten, wie die Vögel Moos, Steinchen und kleine Zweige in den Schnabel nahmen und diese ihren Artgenossen anboten oder zeigten. Die Gegenstände selbst sind nur Mittel zum Zweck – wie Spielzeuge, die Kleinkinder ihren Eltern entgegenstrecken. Hat man dadurch erst die volle Aufmerksamkeit gewonnen, wird das, was im Schnabel oder in der Hand gehalten wird, zweitrangig. „Diese hinweisenden Gesten sind Teil höchst anspruchsvoller Kommunikation“, sagt Pika. Solche Erkenntnisse können auch helfen, die Evolution von Kommunikationssystemen besser zu verstehen. „Unsere Studie stützt die Hypothese, dass sich komplexe Kommunikationsstrategien vor allem bei jenen Arten entwickelt haben, die auch ein gewisses Maß an Kooperation zeigen.“

  • Dr. Simone Pika ist Biologin und kombiniert Methoden der Ethologie und der vergleichenden Psychologie. Als Modellsysteme dienen ihr nicht nur Rabenvögel, sondern auch menschliche und nicht menschliche Primaten. Heute leitet Pika als Sofja Kovalevskaja-Preisträgerin die Humboldt-Forschungsgruppe „Vergleichende Gestische Kommunikation“ am Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen.

Ist personalisierte Medizin das Rezept für die Zukunft?

Von Regine Laroche

Aaron Ciechanover
Aaron Ciechanover
Foto: Israel Sun 

Dass wir nur noch wenige Schritte von individuellen Heilmethoden für jeden Einzelnen entfernt sind, davon ist der Nobelpreisträger Aaron Ciechanover überzeugt.

Grundlage für eine maßgeschneiderte Behandlung ist die systematische Erkundung der Veränderungen, die bei einer Erkrankung im menschlichen Körper stattfinden. Denn jeder Mensch hat unterschiedliche Veranlagungen. „Man denke daran, wie unterschiedlich ein und dieselbe Krebserkrankung bei verschiedenen Menschen verlaufen kann. Trotzdem erhalten alle dieselbe Behandlung – mit meist ungewissem Ausgang“, so Ciechanover. Der Cancer Genome Atlas, der zurzeit entwickelt wird, soll beispielsweise helfen, verschiedene Gen-Mutationen, die Krebserkrankungen verursachen oder beeinflussen, zu systematisieren. Auch andere Krankheiten sollen auf diese Art erfasst werden. Basis hierfür ist die Entschlüsselung der DNA. Und die Risiken? „Die DNA ist die intimste Information, die über uns preisgegeben werden kann – dies wird viele Begehrlichkeiten wecken“, sagt Ciechanover. „Mit den neuen Möglichkeiten auch verantwortungsvoll umzugehen ist deshalb keine rein wissenschaftliche Aufgabe, sondern eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft.“

  • Professor Dr. Aaron Ciechanover forscht als Mediziner und Biologe am Technion in Haifa, Israel. 2004 wurde er für seine Entdeckung der „Müllabfuhr der Zelle“, dem Ubiquitin-gesteuerten Proteinabbau, mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet. 2011 erhielt er den Humboldt-Forschungspreis, der ihm einen Forschungsaufenthalt am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin ermöglicht.

Haben Sie ein Heilmittel gegen die Politikverdrossenheit?

Von Amory Burchard

Thamy Pogrebinschi
Thamy Pogrebinschi
Foto: David Ausserhofer 

Angefangen hat alles an der Law School in Rio de Janeiro. Thamy Pogrebinschi ist Mitbegründerin einer Nachhilfeschule für Studienbewerber. Kostenloser Unterricht, wo sonst Privatunternehmen Profit machen. Die 20-Jährige unterrichtete Bürgerrechte.

„Nur mit gesellschaftlicher Teilhabe können wir soziale Ungleichheit und Armut überwinden“, sagt Pogrebinschi heute. Die Politikwissenschaftlerin untersucht, wie sich Bürgerbeteiligung positiv auf traditionelle Institutionen der Repräsentation auswirken kann. Dabei entwickelt sie das Konzept der „pragmatischen Demokratie“. Ein Beispiel sind die national conferences on public policy in Brasilien, in denen Vertreter der Zivilgesellschaft und der Regierung gemeinsam Empfehlungen zu Themen wie Minderheitenrechte erarbeiten. „Solche Experimente ersetzen nicht die traditionelle Repräsentation, sondern ergänzen sie und stärken die Demokratie“, betont Pogrebinschi. Ein Heilmittel gegen Politikverdrossenheit? Auch in Deutschland, wo es Bürgerbeteiligung bislang nur auf lokaler Ebene gibt, „wäre es sicher attraktiv für die Menschen, sich auch auf nationaler Ebene direkt zu beteiligen“. Ein Zeichen für den deutschen Hunger nach Beteiligung sei die große Resonanz, auf die die Occupy-Bewegung und die Proteste gegen die geplante internationale Durchsetzung des Urheberrechts im Internet ACTA gestoßen sind.

  • Professorin Dr. Thamy Pogrebinschi lehrt am Institut für Sozial- und Politikwissenschaft der Universidade do Estado do Rio de Janeiro, Brasilien. Mit einem Georg Forster-Forschungsstipendium ist sie zunächst am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und dann am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin zu Gast.

Warum brauchen wir ein europäisches Familienrecht?

Von Daniela Weingärtner

Katharina Boele-Woelki
Katharina Boele-Woelki 
Foto: Michael Jordan 

Wenn Vater und Mutter aus zwei unterschiedlichen Ländern stammen und dann vielleicht auch noch in einem dritten Land wohnen, kann es bei einer Scheidung für die ganze Familie kompliziert werden.

Die in der Europäischen Union für derartige Fälle geltenden Regeln hält Katharina Boele-Woelki für Verlegenheitslösungen. Die Probleme, die sich aus den unterschiedlichen nationalen Rechten ergeben, würden damit nämlich nicht gelöst. Boele-Woelki vergleicht das in Europa geltende Scheidungs-, Sorge- und Unterhaltsrecht und sucht nach dem besten gemeinsamen Nenner. „In Irland beispielsweise müssen Sie vier Jahre Trennungszeit nachweisen, um geschieden zu werden, in Schweden ist die Scheidung sofort oder, wenn es gemeinsame Kinder gibt, nach sechs Monaten möglich – das ist ein großer Unterschied. Wir streben weniger große Unterschiede an, im Idealfall sollten überall die gleichen Bedingungen gelten.“ Den Einwand, dass Familienrecht auch die Substanz nationaler Identität berührt, lässt Boele-Woelki nicht gelten. „Wir wollen zeigen, dass ein vernünftiger Konsens möglich ist, und versuchen, schon in den Universitäten die Bereitschaft zu fördern, über die Grenzen des eigenen Rechtssystems zu schauen.“

  • Professorin Dr. Katharina Boele-Woelki leitet das Utrecht Centre for European Research into Family Law. Die Juristin und Spezialistin im Fachgebiet Privatrecht ist Anneliese Maier-Forschungspreisträgerin 2011. Mithilfe des Preisgeldes wird sie ihre Kooperation mit dem Institut für Deutsches, Europäisches und Internationales Familienrecht der Universität Bonn verstärken.

Wie hilft Ihr Zement gegen den Klimawandel?

Von Georg Scholl

José Martirena Hernández
José Martirena Hernández
Foto: Oliver Rüther 

Wenn von Zement die Rede ist, denkt José Martirena Hernández nicht zuerst an Baustellen, Mischmaschinen oder verschwitzte Arbeiter, sondern an den Klimawandel.

„Stellen Sie sich einen Betonklotz von eineinhalb Kubikmetern in Ihrem Vorgarten vor“, sagt der kubanische Ingenieurwissenschaftler. „So viel Zement, wie darin enthalten ist, wird in etwa jedes Jahr pro Erdbewohner produziert, insgesamt weit über drei Milliarden Tonnen, die wiederum für rund sechs Prozent des globalen CO2-Ausstoßes sorgen.“ Das ist zu viel, findet Martirena. Das Problem ist der hohe Energieverbrauch bei der klassischen Zementherstellung. Kalkstein, Ton, Sand und Eisenerz werden bei Temperaturen über 1 500 Grad zu Klinker gebrannt, aus dem anschließend, mit Gips vermischt und fein gemahlen, Zement entsteht. Martirena sucht nach einer Formel für einen Zement, der klimafreundlich hergestellt werden kann und der zudem dauerhaft, belastbar und bezahlbar ist. Gemeinsam mit Schweizer und deutschen Kollegen ist ihm nun ein Durchbruch gelungen. Indem er Klinker durch ein künstliches Gestein namens Metakaolin ersetzt, entstehen bei der Herstellung seines Zements fünfzig Prozent weniger CO2. Die Rohstoffe dafür finden sich überall reichlich, auch in Entwicklungsländern wie Kuba, wo bereits die Pilotproduktion läuft und einen Zement liefert, der vielseitig verwendet werden kann. Auf der Baustelle würde man den Unterschied nicht merken. In der globalen CO2-Bilanz schon.

  • Professor Dr. José Martirena Hernández lehrt und forscht an der Universidad Central de Las Villas in Santa Clara, Kuba. Als Humboldtianer arbeitet er mit Kollegen in Kassel und Karlsruhe zusammen.

Beitrag kommentieren

Wenn Sie Humboldtianer sind und sich eingeloggt haben, können Sie diesen Beitrag oder die Kommentare andere Humboldtianer kommentieren. (Bitte lesen Sie zunächst den Kommentarleitfaden)

Kommentarleitfaden

Humboldtianer haben nach dem Login die Möglichkeit, sich mit den Beiträgen des Humboldt Kosmos auseinanderzusetzen und eigene Kommentare von bis zu 1.000 Zeichen Länge in deutscher und englischer Sprache zu veröffentlichen. Im Falle der Veröffentlichung erscheint Ihr Kommentar unter Ihrem Namen.

Jeder Kommentar wird von der Redaktion geprüft und schnellstmöglich veröffentlicht, es sei denn es bestehen hiergegen rechtliche oder inhaltliche Bedenken. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nötigenfalls zu kürzen und zu bearbeiten. Bitte bedenken Sie, dass veröffentlichte Kommentare von jedermann im Internet eingesehen und von Suchmaschinen aufgefunden werden können.