Newsletter 1/2008

Interview: Grüner Treibstoff für warme Zeiten

Biosprit aus Brasilien und Umweltschutz passen schlecht zusammen. Der Klimaforscher Holm Tiessen über die Jagd nach alternativen Treibstoffen und Europas Verpflichtung gegenüber Brasilien.

Kosmos: Die Länder Lateinamerikas sind als Produzenten klimaverträglicher Biokraftstoffe groß im Kommen. Sie forschen in Brasilien zu diesem Thema und warnen vor negativen Folgen. Welche sind das?

Tiessen: Brasilien gilt als Vorreiter des grünen Treibstoffs und ist mittlerweile Vorbild für die Europäer und die Amerikaner, weil es seit den 1970er-Jahren Erfahrung hat mit der Produktion von Ethanol. Dabei war das brasilianische Ethanolprogramm anfangs ein absolutes Desaster. Die Flüsse, ja selbst das Meer vor der Küste stanken nach vergorenem Zuckerrohr. In der Region um São Paulo, eines der Hauptanbaugebiete für Zuckerrohr, konnte man vor Gestank nicht näher als auf hundert Meter an die Flüsse heran. Fische oder anderes Leben gab es darin längst nicht mehr. Es hat Jahre gedauert, bis man die Umweltfolgen in den Griff bekam, beispielsweise indem man die Abwässer auf den Feldern verrieselte und nicht mehr in die Flüsse leitete. Die weltweit wachsende Nachfrage nach Ethanol führt Länder wie Brasilien in Versuchung, jetzt Mengen zu produzieren, die die Umwelt wieder nicht verkraft en kann.

Kosmos: Wäre eine Art OPEC der Biokraftstoff produzierenden Länder denkbar, die nur so viel produziert, wie die Umwelt verträgt und gleichzeitig die Preise so kontrolliert, dass sie sich diese Zurückhaltung leisten kann?

Tiessen: Die tropischen Länder sind für die Produktion von Biokraftstoffen klimatisch prädestiniert. Doch ihre politischen Systeme können eine umweltverträgliche Kontrolle des Marktes nicht garantieren. Wenn sie mit Billionen von Dollar für grüne Energien locken, dann werden diese Staaten schwach werden.

Kosmos: Das heißt, die Verantwortung liegt bei den Abnehmerländern. Was können diese tun?

Tiessen: Wir brauchen Zertifikate für umweltgerecht gewonnene grüne Energie. Für Tropenholz oder für Fairen Handel gibt es das längst. Die EU hat umfängliche Richtlinien zur Qualität von Nahrungsmittelimporten, die Kontrollen und Nachweise bis hin zurück zum einzelnen Bauern vorsehen. Da kann mir niemand erzählen, dass so etwas nicht auch für Biokraftstoffe möglich sein soll. Vor allem, weil man die grünen Treibstoffe ja auch mit einem moralischen Argument fordert, nämlich, eine lebenswerte Umwelt für die nachkommenden Generationen zu erhalten. Dieses moralische Argument sollte weltweit gelten und damit auch für die kommenden Generationen in Ländern wie Brasilien.

Kosmos: Von der wissenschaftlichen These hat sich der Klimawandel zur politisch anerkannten Tatsache gemausert. Was hat die Skeptiker überzeugt? 

Tiessen: Nun, zunächst einmal sind die physikalischen Grundlagen unstrittig. Wenn Sie Kohlendioxid in die Atmosphäre pumpen und die Sonne darauf scheinen lassen, dann wird es wärmer. Blasen Sie auch noch Methan rein, wird es noch wärmer. Zu diesen Grundlagen häuften sich weitere Indizien, etwa heiße Sommer in Europa, die zunehmenden und stärker werdenden Wirbelstürme an verschiedenen Orten oder steigende Wassertemperaturen in den Weltmeeren.

Kosmos: Bis vor kurzem wurden diese Indizien in Frage gestellt. Zu Jahrhundertsommern und -fluten, über die Europa stöhnte, hieß das Urteil der Klimaexperten: statistisch nicht signifikant! Auf welcher Grundlage gilt der Klimawandel nun als bewiesen?

Tiessen: Es war einfach schwierig, den Klimawandel verlässlich aus Millionen von Einzeldaten abzulesen. Eine Ende 2006 veröffentlichte Studie der NASA, die selbst die amerikanische Regierung von der Existenz des Klimawandels überzeugt hat, beruht auf einer detaillierten Analyse von Satellitendaten. Diese zu erheben, hat lange gedauert, allein schon aus technischen Gründen. So waren unterschiedliche Generationen von Satelliten beteiligt, deren Daten miteinander abgeglichen werden mussten. Nun liegen die Daten vor, sind ausgewertet und belegen einen Temperaturwandel, der signifikant ist.

Kosmos: Wissenschaftler und Öffentlichkeit waren in vielen Ländern schon länger beunruhigt. Warum folgte die Politik eher zögerlich?

Tiessen: Richtig, die Politik wurde von der öffentlichen Diskussion vorangetrieben. Der Eindruck, die Politik hätte sich erst jetzt mit dem Problem befasst, ist aber falsch. In einer zwischenstaatlichen Einrichtung wie dem Weltklimarat, dem Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), gibt es darüber schon seit rund 15 Jahren einen Dialog zwischen Wissenschaft und Politik. Nur dass manche Regierungen, wie die der Vereinigten Staaten, ihn nicht ernst genommen haben. Die Abwehrhaltung ist verständlich: Unser Stil zu leben und zu wirtschaften, unsere Mobilität und unser persönlicher Komfort - all dies ist in Frage gestellt, wenn wir unseren Kohlendioxid-Ausstoß radikal zurückschrauben wollen.

Holm Tiessen Holm Tiessen

Professor Dr. Holm Tiessen, ist Direktor des Inter-American Institute for Global Change Research in São Paulo, Brasilien. Der kanadische Agronom wurde 1998 mit dem Humboldt-Forschungspreis ausgezeichnet.

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