Newsletter 3/2009
Aufbruch mit Hindernissen
Forscher aus Nahost und Kollegen aus Deutschland diskutierten beim Humboldt-Kolloquium in Amman über regionale Forschungsperspektiven und die Zusammenarbeit mit Deutschland.
"Im Ausland habe ich geforscht. Hier lese ich die ganze Zeit Studenten aus einem Lehrbuch vor!", klagt die junge Physikerin auf dem Podium. Im Saal hört man beifälliges Murmeln, hier und da klatscht jemand. Es sind vor allem die Nachwuchswissenschaftler aus verschiedenen arabischen Ländern, die sich in ihrer jordanischen Kollegin wiedererkennen, die ihrem Heimatland gerade eloquent und in bestem Englisch die Leviten liest. Während ihres Gastaufenthalts in England habe man sie als Forscherin gefördert und wertgeschätzt, nach ihrer Rückkehr in die Heimat sei man ihrer Arbeit eher skeptisch begegnet. "Die nationale Forschungsagenda hatte sich schon wieder geändert. Niemand wartete auf mich und mein Projekt." Allgemeine Zustimmung im Saal. Nur ein Professor aus Deutschland raunt: "Warum wartet sie, dass sie jemand an die Hand nimmt? Wäre sie an meinem Lehrstuhl, müsste sie selber Initiative zeigen. Das erwarte ich von einer jungen Kollegin!"
| In Vertretung des Königs eröffnet Prinzessin Sumaya die Internationale Wissenschafts-Konferenz Foto: Humboldt-Stiftung |
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Das Beispiel für die Unterschiedlichkeit deutsch-arabischer Perspektiven stammt von einer Deutsch-Nahost Konferenz, zu der sich rund 200 Forscher aus der Region und aus Deutschland im Mai in Amman trafen. Eingeladen hatten die Humboldt-Stiftung und die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften in Kooperation mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst. Es soll vor allem um künftige Kooperationen und Zukunftsperspektiven gehen. Doch die teils ernüchternde Gegenwart dominiert zunächst die Diskussion.
Das Beispiel der jungen Physikerin ist typisch. Viele Universitäten in der Region sind reine Lehrbetriebe, in denen kaum geforscht wird. Doktoranden werden ins Ausland geschickt, um dort zu promovieren. Nicht alle kommen zurück und die, die es tun, erleben in ihrer Heimat oftmals einen Produktivitätseinbruch. "Wir müssen an unseren Universitäten ein Klima schaffen, in dem unsere Talente aufblühen und nicht verkümmern", fordert ein Forscher aus dem Libanon.
Die Probleme sind bekannt. Der Arab Human Development Report des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) aus dem Jahr 2003 zeigt eine desolate Forschungssituation, mit der die arabischen Länder im internationalen Vergleich den letzten Platz belegen, sei es gemessen an Publikationen, Patenten, der Aufwendungen für Forschung und Entwicklung (im Schnitt 0,2 Prozent vom Bruttosozialprodukt im Vergleich zum weltweiten Durchschnitt von 1,4 Prozent) oder der vergleichsweise geringen Anzahl von Wissenschaftlern, die im Bereich Forschung und Entwicklung arbeiten.
Ein roter Faden dieses Schwerpunktberichts zur Lage der Forschung wie auch der Folgeberichte zur Demokratie und zur Teilhabe der Frauen ist die Forderung nach einer offenen und kritischen Analyse der eigenen Stärken und Schwächen innerhalb der arabischen Welt. Das Treffen in Amman zeigt die Fortschritte gerade in diesem Punkt: An Offenheit herrscht kein Mangel. Forscher aus Jordanien, Ägypten oder dem Libanon nennen Struktur- und Mentalitätsdefizite beim Namen. Teilweise würden die Weichen schon in der Kindheit falsch gestellt. Angefangen bei der nach wie vor zu geringen Alphabetisierungsrate bis zur fehlenden Anleitung zu eigenständigem Lernen. Die Mängelliste setzt sich in der akademischen Karriere fort. Junge Forscher arbeiten zu wenig eigenständig, die Forschungs- und Publikationsleistungen vieler Professoren sind im internationalen Vergleich schwach. Die mangelhafte Zusammenarbeit zwischen Forschung und Industrie und schlechtes Management an den Hochschulen sind weitere Kritikpunkte.
Auch der jordanische Wissenschaftsminister und Prinzessin Sumaya als Vertreterin der jordanischen Herrscherfamilie und Präsidentin der Royal Scientific Society, die die Forschung in Jordanien fördert, üben sich in einer nüchternen Analyse: Zwar sei in den letzten Jahren gerade in Jordanien bereits vieles erreicht worden, aber die Bemühungen um die Stärkung der akademischen und wissenschaftlichen Kapazitäten müssten weiter intensiviert werden, wenn die arabische Welt im globalen Wettlauf um Innovation und Kreativität bestehen will. Länder wie Jordanien sollten mehr in die Ausbildung des akademischen Nachwuchses investieren und diesem Humankapital mehr Stellenwert einzuräumen. Die Regierung setzt dabei insbesondere auf Partnerschaften mit dem Ausland. Bestehende Kooperationen sollen intensiviert werden, sei es durch persönliche Netzwerke wie die der Humboldt-Alumni im Land und in der Region, sei es durch institutionelle Partnerschaften, wie die 2005 gegründete Deutsch-Jordanische Hochschule. Sie bietet eine praxisbezogene Ausbildung nach dem Vorbild deutscher Fachhochschulen und reagiert damit auf Anforderungen aus der Wirtschaft.
Die Nachfrage nach anwendungsbezogener Forschung ist nicht nur in Jordanien groß. Medizin, erneuerbare Energien, aber vor allem die möglichst effiziente Nutzung der raren Ressource Wasser sind wichtige Schwerpunkte der angewandten Forschung in der Region. Doch auch die Grundlagenforschung wird gefördert, etwa mit dem internationalen Großprojekt SESAME in Jordanien, einem Elektronenspeicherring der Synchrotronstrahlung erzeugt, die zur Materialforschung in unterschiedlichsten Disziplinen genutzt werden soll. Unter der Führung der UNESCO sind an diesem Projekt neben Deutschland und Jordanien auch die Palästinensische Autonomiebehörde sowie Länder wie Israel, Pakistan, die Türkei und Bahrain beteiligt. Ein Beispiel für regionale Kooperation, das Schule machen sollte, so meinen einige Teilnehmer. Zu sehr arbeiteten die Länder der Region voneinander isoliert anstatt miteinander. Mit einem verstärkten länderübergreifenden Austausch zu Themen wie Qualitätsmanagement und Beispielen guter Praxis wollen die Humboldt-Alumni in der Region künftig die Zusammenarbeit intensivieren und Kräfte bündeln.
Wie schwierig das sein kann, auch dies zeigt die Konferenz: Die Stühle für die ebenfalls eingeladenen Forscher aus Israel und dem Iran bleiben leer. Während die israelischen Teilnehmer wegen einer Sicherheitswarnung von einer Reise nach Jordanien absahen, hatten die iranischen Wissenschaftler kein Visum von den jordanischen Behörden bekommen.

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