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Der Mensch ist in vielen Kulturen zu Hause

Übersetzungen sind immer möglich. Warum? Weil es Reaktionsmuster gibt, die bei allen Menschen gleich sind

Tore Nordenstam Goethe übersetzen? Das ist klassisch. Aber was haben Tanz, die "universale Grammatik" oder gar internationale Industriestandards mit dem Thema Übersetzen zu tun? Tore Nordenstam ist Professor emeritus für Philosophie an der Universität Bergen, Norwegen. In zahlreichen Publikationen äußerte sich der Humboldtianer über "Die Möglichkeiten des Übersetzens" und über "Kulturübergreifendes Verstehen". Für den Humboldt Kosmos ordnet der gebürtige Schwede das Titelthema dieser Ausgabe ein. Außerdem spricht er die Aspekte Sprachcomputer, arabische Tugend und warum Wikinger und Chinesen ein unterschiedliches Verhältnis zum Anblick einer Rose haben, an.

kosmos: Als Philosoph haben Sie sich intensiv mit dem Thema "Übersetzen" auseinandergesetzt. Kennen Sie auch die praktische Seite?

Tore Nordenstam: Ein bisschen. Als Student habe ich im Studententheater von Göteborg mitgespielt und dafür ein Stück von Hans Sachs aus dem Deutschen übersetzt: "Der farendt Schüler im Paradeiss". Das war gar nicht so leicht aufgrund der besonderen Versform. In Schweden war das Stück völlig unbekannt.

In Deutschland war es aber schon auf der Bühne zu sehen.

Bei uns ist es meines Wissens nie wieder gespielt worden. Ich habe dann noch ein paar Sachen übersetzt, aber nie veröffentlicht. Soweit es den Sachs betrifft, ist das schade. Der war gut.

War es eine schwierige Arbeit?

Auf der literarischen Ebene schon: Wir mussten uns an die Versform halten, verständlich bleiben und trotzdem alles ein wenig archaisieren, um zu zeigen, dass es ein altes Stück ist. Das ist ähnlich wie mit Shakespeare-Übersetzungen. Der muss auch immer wieder neu übersetzt werden, weil sich die Sprache verändert.

Nun stammen Hans Sachs und William Shakespeare aus einem ähnlichen Kulturkreis wie die Schweden. Sie haben sich auch einmal mit der Übersetzung arabischer Tugendbegriffe beschäftigt. Ist da eine gleichwertige Übersetzung überhaupt möglich?

In der Sprache sind alle Aussagen in Situationen eingebettet. Wenn die Situation für den Leser bekannt ist und die Sprachen grammatikalisch gleich sind, dann kann man Wort für Wort übersetzen. Was macht man aber, wenn es sich um Situationen handelt, die in der Zielkultur unbekannt sind? Dann kann man nur ein einigermaßen passendes Wort finden und die beschriebene Institution erklären.

Nennen Sie doch ein Beispiel.

Ich beschäftige mich mit Ethik, und als ich im Sudan forschte, entdeckte ich, dass niemand die aktuelle arabische Ethik beschrieben hat. Um das machen zu können, brauchte ich arabische Worte für ethische Sachverhalte. Ich entdeckte, dass Begriffe wie "Würde", "Ehre" und "Stolz" eine besondere Rolle spielen.

Und für solche zentralen Begriffe gibt es keine Übersetzung?

Doch, aber wenn man ein Lexikon verwendet, sieht man, dass für die drei arabischen Schlüsselworte jedes Mal die gleichen englischen Worte als Äquivalente angegeben waren. Aber ein Wort wie "Würde" setzt eine lange Reihe gemeinsamer Erfahrungen voraus, die bei der Kommunikation im Hintergrund lauern. Ich musste also das ganze Umfeld klären, indem ich mit meinen Informanten Beispielsituationen suchte. Etwa, indem ich fragte: "Ist das nicht unwürdig, einen Menschen so oder so zu behandeln", und dann hieß es, "nein, das ist nicht unwürdig, aber es gibt einen ähnlichen Fall..." und so weiter.

Daraus ist zu schließen, dass ein übersetztes Stück Belletristik entweder oberflächlich bleiben muss. Oder es wird durch ständige Ausschweifungen so langweilig, dass man es gar nicht lesen möchte.

Wörtliche Übersetzungen haben Sie nur bei Gebrauchsanweisungen und dergleichen. Übersetzungen von literarischen Werken sind immer Umschreibungen.
Natürlich gibt es Schwierigkeiten im Detail: Wie übersetzt man "im wunderschönen Monat Mai" ins Japanische? In Japan kommt der Frühling früher. Sagt man April? Oder bleibt man bei Mai und erklärt den Unterschied? Das Beispiel stammt übrigens nicht von mir, sondern von einem japanischen Kollegen. Trotzdem glaube ich, dass Übersetzungen immer möglich sind. Warum? Weil es Reaktionsmuster gibt, die bei allen Menschen gleich sind, nur sind sie kulturell überprägt.

Das erinnert an den Aufsatz von "Lingua mentalis", den Anna Wierzbicka für diese Ausgabe schrieb. (Erscheint demnächst in Kosmos Online)

Den finde ich sehr interessant. Da sucht jemand nach Universalien und schlägt Begriffe vor, die in jeder Sprache gedeckt werden müssen. Es erstaunt mich nur, "ja" und "nein" nicht auf der Liste zu finden. Ich dachte, das braucht man in jeder Sprache. Inzwischen arbeitet Anna Wierzbicka auch an einer universellen Grammatik. Ist so etwas eine Hilfe für die Verständigung? Aristoteles hat etwas Ähnliches in der Nikomachischen Ethik getan: Er versuchte, ethische Universalien zu finden, und stellte eine Liste von Phänomenen auf, die es in jedem Menschenleben gibt. Da gibt es Anfang und Ende. Oder Ängste und Courage. Aristoteles postulierte, dass Tugenden immer zwischen Extrempolen liegen: Mut liegt zwischen Feigheit und Übermut, Mäßigkeit zwischen Geiz und Verschwendung und so fort. Doch seine Tugend-und-Laster-Liste ist eigentlich eine Liste der menschlichen Gemeinsamkeiten. Und diese Methode könnte man verwenden, wenn es um kulturelle Gemeinsamkeiten geht: Was gibt es, das arabische, lutherische und deutsche Alltagsethik gemeinsam haben? Eigentlich eine ganze Menge. Man muss aber in die Tiefe, um das herauszufinden, und darf nicht an der Oberfläche bleiben.

Für den Schwerpunkt dieser Ausgabe haben wir den Übersetzungsbegriff sehr weit gefasst. So hat zum Beispiel Karen Mozingo das Schriftwerk "Dancing Between Two Languages" beigesteuert (erscheint demnächst in Kosmos Online). Dabei beschreibt die Schülerin des amerikanischen "Modern Dance" ihre Bemühung, Zugang zu dem Werk einer deutschen Ausdruckstänzerin zu finden - letztlich mit dem Ziel, dieses Kulturgut in ihren Kulturraum zu übersetzen.

Das finde ich sehr interessant, dass Sie Tanz mit einbezogen haben - in der Philosophie gehört er zu den meistvernachlässigten Gebieten. Sie haben Recht, der Übersetzungsbegriff muss ausgedehnt werden. Manchmal spricht man von kultureller Übersetzung, die nicht nur Sprache, sondern auch Situation und Umfeld einbezieht. Auf dem Feld des Allgemeinmenschen findet man einige Gemeinsamkeiten. Zum Beispiel Furchtreaktionen: Die Haare sträuben sich von alleine bei allen Menschen. Auch bei Affen. Oder Katzen. Die gemeinsamen Ausdrucksgebärden benutzt man auch im Tanz.

Karen Mozingo beschreibt, wie sie etwas zwischen den Sprachen ausdrückt, für das sie keine Worte findet. Ist Tanz eine Lingua franca?

Auch auf dem Gebiet der körperlichen Ausdrücke gibt es vieles, was kulturell geformt ist. Etwa bei sehr traditionsgeprägten Tänzen aus Indien oder Indonesien. Oder bei dem klassischen russischen Ballett: Da gibt es viele Bewegungen, die nicht selbstverständlich sind. Ebenso wie auf der Ebene der Bilder. Es scheint, als ob das Vermögen, Bilder zu sehen, nicht angeboren ist, man muss es lernen. Wir leben in einer Bilderwelt. Im Sudan dagegen gab es noch vor vierzig Jahren Menschen, die nichts mit den komplexen Schwarz-Weiß-Strukturen eines Passbildes anfangen konnten. Auch die Zentralperspektive ist eine europäische Erfindung. Man braucht sie eigentlich nicht.

Europa hat sie im vergangenen Jahrhundert auch prompt wieder überwunden.

Picasso war der Erste, der afrikanische Skulpturen als Kunst erkannte. Es gibt mit Bildern aber die gleichen kulturellen Schwierigkeiten, wie mit der Sprache. Wie illustriert man etwa eine japanische Shakespeare-Ausgabe? Ich habe einige Bilder gesehen, die 100 Jahre alt waren. Für uns sehen die aus wie Samurai. Für die Japaner von heute übrigens auch, da ist der zeitliche Abstand schon wieder so groß, dass man eine neue Bildübersetzung bräuchte.

Wir haben auch einen Beitrag einer Amerikanerin, Krista Johnsen: "Standards - A Universal Language for Industry?" (erscheint demnächst in Kosmos Online). Darin beschäftigt sie sich mit den verschiedenen Normen verschiedener Länder.

Es stimmt, Normen sind wie ein gemeinsames Vokabular. So kann man sich in verschiedenen Sprachen verschieden ausdrücken und doch exakt das Gleiche meinen. Aber ist das ein Übersetzungsprozess? Immerhin wird eine Norm als Kulturgut eines Kulturraums in einen anderen transferiert.
Ich denke an das Beispiel Carl von Linnés, der Tiere und Pflanzen systematisierte. Für Tiere und Pflanzen gab es - und gibt es - verschiedene Namen in verschiedenen Ländern. Linné hat eine gemeinsame lateinische Nomenklatur vorgeschlagen. Aber Linnés Klassifizierungen oder die Nomenklatur in der Chemie - das sind für mich eher Erfindungen, als Übersetzungen. Aber ich kann mich auch irren.
Vielleicht brauchten Sprachen eine ähnliche Erfindung, die eine allgemeine Verständigung möglich macht. Etwa so, wie es sich Ludwig Zamenhof mit seiner Kunstsprache Esperanto vorstellte. Esperanto war ein Irrweg, weil es auf europäischen Sprachen aufbaut. Man kann einiges sofort verstehen, wenn man ein paar europäische Sprachen spricht. Aber was nützt das einem Neuguineaner oder Thailänder?

Und wenn man den gleichen Ansatz in einem globalen Kontext verwendet?

Dafür sind die Sprachen zu unterschiedlich, und zwar auf allen Ebenen: Aussprache, Worte, Grammatik. Denken Sie etwa an Deutsch, Chinesisch und Arabisch. Ich glaube nicht, dass das möglich wäre. Da glaube ich eher an Computer-Übersetzungen. Computer können heute schon vieles übersetzen, machen aber viele Fehler, weil sie wörtlich übertragen. Ein umfangreiches Programm könnte aber auch Situationen mit einbeziehen. Theoretisch halte ich es sogar für möglich, Gedichte per Computer zu übersetzen. Nur würde das Programm dadurch so umfangreich, dass es sich nicht lohnt. In unserer Bibliographia Humboldtiana listen wir jährlich über 3.000 Publikationen von Humboldtianern auf, von denen uns unsere ehemaligen Gastwissenschaftler unterrichten. Jedes Jahr sind auch zig Übersetzungen dabei. Was treibt einen Menschen zum Übersetzen? Bei mir war die Motivation sehr praktisch. Es gab keine Übersetzung von Hans Sachs und ich dachte, das wäre ein gutes Stück für das Studenten-Theater. Ein anderes Stück von Brecht habe ich übersetzt, weil ich die Übersetzung von einer bekannten schwedischen Schauspielerin so schlecht fand. Das tat ich aber nur für die Schublade und als Übung während des Deutsch-Studiums.

Und warum denken Sie, dass gerade die Humboldtianer so aktive Übersetzer sind?

Es sind alles Menschen, die in einer anderen Kultur gelebt haben. Und da passiert es immer wieder, dass man etwas sehr Schönes oder sehr Wertvolles findet, das es in der eigenen Kultur nicht gibt. Außerdem macht Übersetzen Spaß, gerade Gedichte. Denn wenn man zwei Kulturen kennt und weiß, dass man etwas zur eigenen Kultur beitragen kann, dann machen viele Leute das gerne.

Dazu muss man beide gut kennen, wie Sie erklärt haben. Kann man denn auch komplett in zwei Kulturen zu Hause sein?

Oh ja. Nicht nur in zweien. Ich denke, jeder normale Mensch kann zwei bis drei Sprachen und Kulturen beherrschen.

Die Fragen stellte Florian Klebs.

31.10.2001
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