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Ursachen, Arten und Auswirkungen von Gewalt

Der Mensch wird aggressiv geboren - gewalttätig wird er erst gemacht

Von José Sanmartín Esplugues

José Sanmartín Esplugues (Foto: privat).

Eine oft gestellte Frage ist, ob die Gewalt dem Menschen angeboren ist. Ich glaube, dass es sich um eine schlecht gestellte Frage handelt, die Aggressivität mit Gewalt verwechselt.

Aggressivität ist ein Instinkt, Gewalt nicht. Es sind in erster Linie kulturelle Faktoren, die Aggressivität in Gewalt verwandeln (ich verstehe unter Kultur alles, was nicht Natur ist). Deshalb wird der Mensch aggressiv geboren, aber gewalttätig wird er erst gemacht. Im Folgenden werde ich versuchen, das zu erklären. Dafür werde ich mich auf die defensive Aggressivität innerhalb menschlicher Gruppen konzentrieren.

Die Haltung, die wir in einer Bedrohungssituation einnehmen, ist gewöhnlich absolute Unbeweglichkeit. Dabei handelt es sich um die so genannte somatische Reaktion. Sie ist von der grauen Substanz abhängig, die um das Aquädukt herum liegt, das sich im Stammhirn befindet.

Außer, dass wir eine bestimmte Haltung einnehmen, fangen wir an zu schwitzen, der Herzschlag beschleunigt sich, unsere Atmung wird schneller und so weiter. Dies ist die autonome Reaktion, an der verschiedene Hirnstrukturen teilnehmen, die sich ebenfalls im Stammhirn befinden wie die Kerngruppen im Nucleus tractus solitarius. Einige dieser Strukturen werden vom Hypothalamus gesteuert.

Der Hypothalamus ist gleichzeitig dafür verantwortlich, dass Hormone ins Blut ausgeschüttet werden. Das ist die endokrine Reaktion, die es zum Beispiel erlaubt, dass das Stresshormon Kortisol unseren Organismus in einen Zustand der Spannung versetzt, um sich verteidigen zu können.

Angesichts dieses Drohreizes fühlen wir schließlich, wie sich unsere Sinne schärfen und unsere Erregung wächst, bis sich nach einigen Augenblicken der Beklemmung Ruhe ausbreiten kann. Dabei handelt es sich um die so genannte neuronale Reaktion. Die Erregung wird durch Noradrenalin ausgelöst, das durch wenige tausend Neuronen produziert wird, die den locus coeruleus bilden, der im Stammhirn liegt. Die Ruhe, die Hemmung, wird durch Serotonin hervorgerufen, das von den Neuronen der Raphe-Kerne, ebenfalls im Stammhirn beheimatet, produziert wird. Je mehr Noradrenalin, desto größer die Wachsamkeit, je weniger Serotonin, desto größer die Aggressivität.

All diese Reaktionen sind nicht unabhängig voneinander. Einige kleine Strukturen, die sich im Inneren des Gehirns befinden und Mandelkern (Amygdala) genannt werden, sind dafür zuständig, die somatische, autonome, hormonellendokrine und neuronale Reaktion in ein einziges Verhalten zu integrieren: das aggressive.

Außerdem scheint der Mandelkern auch dafür zuständig zu sein, Reaktionen in Gang zu setzen, die, wie der ängstliche Gesichtsausdruck, das aggressive Verhalten verhindern. In diesem Zusammenhang ist es sinnvoll, darauf hinzuweisen, dass innerhalb der Gruppen (die menschliche eingeschlossen) die Natur die Aggressivität nicht einzeln ausselektiert hat, sondern zusammen mit anderen Faktoren, die diese ritualisieren, umorientieren oder hemmen. Daher ist es in der freien Natur nicht üblich, dass ein Kampf auf Leben und Tod unter Mitgliedern derselben Gruppe stattfindet. Es gibt also, so kann man zusammenfassend sagen, ein Gleichgewicht zwischen dem Aufkommen und dem Rückgang von Aggressivität, das, in letzter Konsequenz, das Überleben der Gruppe garantiert. Der Mandelkern ist verantwortlich für dieses Gleichgewicht: Von ihm gehen auf einer völlig unbewussten Ebene die für angemessene Reaktionen erforderlichen Befehle aus.

Der Mandelkern (im Bild Amígdala) ist im Gehirn sowohl für die Koordination des aggressiven Verhaltens zuständig als auch für Reaktionen, die Angreifer hemmen (Foto: privat). Für größeres Foto hier klicken.

Die Erkenntnis des Warum (das Bewusstsein) dieser Reaktionen kommt aus einer Region des Gehirns, die mit dem Mandelkern sehr gut verbunden ist: dem Stirnlappen der Großhirnrinde. Wenn der Mandelkern geeignete Befehle von den Stirnlappen der Großhirnrinde erhält, werden aus unbewussten Reaktionen bewusste Handlungen. Daher sind die Stirnlappen der Großhirnrinde die großen Metaregulatoren für Verhaltensweisen, wie das aggressive Verhalten.

Diese Aufgabe der Regulierung hängt von der Art der Ansichten und Gefühle ab, die im Laufe des Lebens erworben wurden, vor allem im Laufe der Sozialisierung während der Kindheit und Jugend. Diese Ansichten und Gefühle bestimmen, ob Individuen die Aggressivität eher zulassen, sie eindämmen oder unterdrücken. Wenn die Aggressivität zugelassen und bewusst benutzt wird, um andere Menschen zu schädigen, wird sie zu Gewalt.

Gewalt ist also krankhaft ausgelebte Aggressivität. Das harmonische Wechselspiel von Aufkommen und Nachlassen von Aggressivität wird durch das Eingreifen der Kultur durcheinander gebracht. Es ist zwar richtig, dass mentale Störungen schon von Geburt an bestehen und schwere Veränderungen der Persönlichkeit organische Wurzeln haben, die die gleiche Wirkung hervorrufen können. Aber in der Gesamtheit übersteigen die Fälle von Gewalt, die diesen Ursprung haben, nicht einmal 20 Prozent. Die restlichen 80 Prozent werden durch Störungen unserer Aggressivität durch kulturelle Faktoren hervorgerufen, wie zum Beispiel, ich wiederhole, durch die Sozialisation. So ist die Sozialisierung in dem Vorurteil, dass die Frau weniger wert ist als der Mann, dass sie ihm gehört oder ihm zumindest gehorchen muss, ohne jeden Zweifel die Grundlage für Gewalt gegen Frauen.

Unter den restlichen kulturellen Faktoren kann man Kindesmisshandlung und ungesunde Lebensgewohnheiten, wie den Konsum von giftigen Substanzen, hervorheben.

Auf der einen Seite kann Kindesmisshandlung physische Folgen verschiedener Art haben. Zum Beispiel kann die Verbindung zwischen dem Mandelkern und dem Stirnlappen der Großhirnrinde unterbrochen werden, so dass die Triebe außer Kontrolle der Vernunft geraten. Aber, abgesehen von der Schwere dieser physischen Folgen, ist die Wirkung, die die Misshandlung auf die Seele des Kindes hat, vielleicht schwerwiegender: Ihm werden Traumata unterschiedlicher Schwere zugefügt, die sogar dazu führen können, dass sich das Kind isoliert und in abartige Phantasien flüchtet, die seine Existenz womöglich sein ganzes Leben lang beeinflussen.

Auf der anderen Seite wird von den meisten giftigen Substanzen das Gleichgewicht der Neurotransmitter grundsätzlich durcheinander gebracht. Ich beziehe mich nicht nur auf Drogen mit schlechtem Ruf wie Kokain und Amphetamine. Es gibt Drogen, die scheinbar weniger schädlich sind und trotzdem eine schwere Hirnschädigung hervorrufen. Zum Beispiel das MDMA, bekannt unter dem Namen "Extasy", schädigt die Neuronen, die das Serotonin produzieren (der Neurotransmitter, der uns beruhigt). Im Gehirn eines regelmäßigen Extasy-Konsumenten kann es 70 Prozent weniger Serotonin geben als in einem normalen Gehirn. Diese Situation ähnelt einer Rennwagenfahrt ohne geeignete Bremsen. Der Beitrag dieser Drogen zur Gewalt am Wochenende ist groß, ähnlich wie der von Alkohol. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass Alkohol fast mit allen Formen der Gewalt maßgeblich in Verbindung gebracht werden kann, insbesondere mit der innerfamiliären.

Zu all diesen Faktoren muss man den Stress hinzufügen, der durch Schulversagen, Konkurrenzdruck, den Arbeitsmarkt und so weiter entsteht. In einer kürzlich veröffentlichten Studie über Kindesmisshandlung, die ich in Spanien geleitet habe, zeigte sich, dass acht von zehn Tätern arbeitslos waren und nur den niedrigsten Schulabschluss hatten und sechs in beengten Wohnverhältnissen ohne Rückzugsmöglichkeit lebten.

Ich glaube, dass die Hauptschlussfolgerung aus dem Gesagten ist, dass Gewalt typisch menschlich ist und dass sie in praktisch allen Aspekten menschlicher Beziehungen auftritt: in der Familie, auf der Straße, in der Schule, am Arbeitsplatz und so weiter - mit sehr unterschiedlichen Wirkungen. Insgesamt würde ich die Behauptung wagen, dass all diese Wirkungen sich so zusammenfassen lassen: Gewalt zerstört durch die von ihr hervorgerufene Angst, die Unsicherheit und das Misstrauen das soziale Netz, indem die grundlegendsten Menschenrechte, wie das der körperlichen Unversehrtheit, direkt verletzt werden oder indem sie zur Entstehung eines Nährbodens beiträgt, auf dem diese Rechte in Frage gestellt oder eingeschränkt werden.

In einer solchen Situation ist es wahrscheinlich, dass der Mensch sich unwohl fühlt, sich selbst intolerant verhält und daher auf gewalttätige Weise reagiert (indem er zum Beispiel die Notwendigkeit eines Krieges unterstellt) oder indem er den Gebrauch von Gewalt in bestimmten Fällen für legitim hält (etwa die Todesstrafe für Psychopathen). Das ist negativ. Aber es ist auch möglich, dass der Mensch überhaupt nicht reagiert, da er durch die Kultur unserer Zeit betäubt ist. Eine Kultur, die vor allem von den allgegenwärtigen audiovisuellen Medien getragen wird, deren Hauptdogma ist, dass sich nur das Negative - wie die Gewalt selbst - gut verkauft. Und wenn etwas immer klarer wird, dann dass man Gewalt vom Zusehen lernt, sei es tatsächliche Gewalt oder Gewalt im Film.

15.09.2004
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Professor Dr. José Sanmartín Esplugues
Fachgebiet: Logik und Wissenschaftstheorie
Förderprogramm: Humboldt-Forschungsstipendium
Gastinstitution: Forschungsstelle für Humanethologie in der MPG, Andechs
Heimatinstitution: Centro Reina Sofia para el Estudio de la Violencia, Valencia/Spanien

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