Gelassenheit im Trumpland

Beim Humboldt-Kolloquium in Washington diskutierten rund 300 Forscherinnen und Forscher über internationale Zusammenarbeit und den Dialog mit einer wissenschaftsskeptischen Öffentlichkeit.

Henry ist ein ganz schöner Brocken. Als größter jemals erlegter Elefant der Welt begrüßt der ausgestopfte Dickhäuter die Besucher in der Eingangshalle des Smithsonian Naturkundemuseums in Washington. Doch so stattlich Henry auch ist, seine Konkurrenz in anderen Museen ist mittlerweile spektakulärer. Wer staunt noch über einen Elefanten, wenn anderswo ein Tyrannosaurus Rex zu bewundern ist, fragt sich Hans-Dieter Sues, der am Smithsonian die Paläobiologische Abteilung leitet. „Eigentlich will ich unser Direktorium überzeugen, dass wir anstelle von Henry einen Dino brauchen. Aber jetzt, da die Republikaner an der Macht sind, wird das wohl nichts“, scherzt Sues. Der Paläontologe hat seine Erfahrungen gemacht mit Kreationisten auch aus der Partei Donald Trumps, die die Evolution leugnen und denen es ein Dorn im Auge sein muss, wie das Smithsonian die Entstehung der Arten und die Entwicklung der Dinosaurier wie die der Menschen erklärt.

Alumni der Humboldt-Stiftung, amerikanische Nachwuchswissenschaftler und Forscher aus Deutschland trafen sich Anfang März beim Humboldt-Kolloquium.
Alumni der Humboldt-Stiftung, amerikanische Nachwuchswissenschaftler und Forscher aus Deutschland trafen sich Anfang März beim Humboldt-Kolloquium.
Foto: Humboldt-Stiftung/GAP-J Frishman
Alumni der Humboldt-Stiftung, amerikanische Nachwuchswissenschaftler und Forscher aus Deutschland trafen sich Anfang März beim Humboldt-Kolloquium.
Foto: Humboldt-Stiftung/GAP-J Frishman
Alumni der Humboldt-Stiftung, amerikanische Nachwuchswissenschaftler und Forscher aus Deutschland trafen sich Anfang März beim Humboldt-Kolloquium.
Foto: Humboldt-Stiftung/GAP-J Frishman
Alumni der Humboldt-Stiftung, amerikanische Nachwuchswissenschaftler und Forscher aus Deutschland trafen sich Anfang März beim Humboldt-Kolloquium.
Foto: Humboldt-Stiftung/GAP-J Frishman
Alumni der Humboldt-Stiftung, amerikanische Nachwuchswissenschaftler und Forscher aus Deutschland trafen sich Anfang März beim Humboldt-Kolloquium.
Foto: Humboldt-Stiftung/GAP-J Frishman
Alumni der Humboldt-Stiftung, amerikanische Nachwuchswissenschaftler und Forscher aus Deutschland trafen sich Anfang März beim Humboldt-Kolloquium.
Foto: Humboldt-Stiftung/GAP-J Frishman
Alumni der Humboldt-Stiftung, amerikanische Nachwuchswissenschaftler und Forscher aus Deutschland trafen sich Anfang März beim Humboldt-Kolloquium.
Foto: Humboldt-Stiftung/GAP-J Frishman
Alumni der Humboldt-Stiftung, amerikanische Nachwuchswissenschaftler und Forscher aus Deutschland trafen sich Anfang März beim Humboldt-Kolloquium.
Foto: Humboldt-Stiftung/GAP-J Frishman
„Alumni der Humboldt-Stiftung, amerikanische Nachwuchswissenschaftler und Forscher aus Deutschland trafen sich Anfang März beim Humboldt-Kolloquium.
Foto: Humboldt-Stiftung/GAP-J Frishman
Alumni der Humboldt-Stiftung, amerikanische Nachwuchswissenschaftler und Forscher aus Deutschland trafen sich Anfang März beim Humboldt-Kolloquium.
Foto: Humboldt-Stiftung/GAP-J Frishman
Austausch am Rande der Vorträge. Ein Thema: Wie kann man die Öffentlichkeit davon überzeugen, dass Wissenschaft für alle wichtig ist?
Foto: Humboldt-Stiftung/GAP-J Frishman
Austausch am Rande der Vorträge. Ein Thema: Wie kann man die Öffentlichkeit davon überzeugen, dass Wissenschaft für alle wichtig ist?
Foto: Humboldt-Stiftung/GAP-J Frishman
Austausch am Rande der Vorträge. Ein Thema: Wie kann man die Öffentlichkeit davon überzeugen, dass Wissenschaft für alle wichtig ist?
Foto: Humboldt-Stiftung/GAP-J Frishman
Austausch am Rande der Vorträge. Ein Thema: Wie kann man die Öffentlichkeit davon überzeugen, dass Wissenschaft für alle wichtig ist?
Foto: Humboldt-Stiftung/GAP-J Frishman

Steht die wissenschaftliche Freiheit auf dem Spiel?

Kommen nun also harte Zeiten auf Sues und seine Kollegen zu? Müssen Evolutionsforscher künftig vorsichtig sein, wenn sie den Kreationismus für Unfug erklären, weil sie dann möglicherweise in der Öffentlichkeit oder sogar von höchster Stelle als Fake Scientist beschimpft werden? Droht unter der neuen Regierung ein wissenschaftspolitischer Kurswechsel? Wird Washington den Fluss der Fördergelder umlenken, weg beispielsweise von den Klimaforschern und hin zu Experten für Fracking und fossile Energien? Steht am Ende sogar die Unabhängigkeit der freien und evidenzbasierten Wissenschaft auf dem Spiel?

Weltweite Märsche für die Wissenschaft

Fragen wie diese treiben zurzeit viele Wissenschaftler nicht allein in den USA um. Sie sind der Grund, weshalb im April nicht nur in Washington, sondern weltweit Forscher auf die Straße gehen wollen, um mit einem March for Science für die Freiheit der Wissenschaft zu demonstrieren. Und natürlich standen diese Fragen auch im Raum, als sich Anfang März rund 300 Alumni der Alexander von Humboldt-Stiftung, amerikanische Nachwuchswissenschaftler und Forscher aus Deutschland zum Humboldt-Kolloquium in Washington trafen, um über die internationale Zusammenarbeit zu diskutieren.

Pragmatismus in schwierigen Zeiten

Wolfgang Ketterle
Was wird die Zukunft bringen?
Physiknobelpreisträger Ketterle sorgt sich um
Finanzierungen für Grundlagenforschung.
Foto: Humboldt-Stiftung/GAP-J Frishman

Wer sich hier auf eine Protestmarschstimmung eingestellt hatte, wurde enttäuscht. Gelassenheit und Pragmatismus dominieren bei diesem Kolloquium. Ja, die Auswirkungen des Regierungswechsels sind bereits unmittelbar zu spüren. So führte der Travel Ban, die Einreisebeschränkungen für bestimmte muslimisch geprägte Länder, dazu, dass Forscher aus den vom Bann betroffenen, aber auch aus anderen Ländern, nicht zu Konferenzen in die USA einreisen oder ihre Stellen antreten konnten. Einschränkungen der akademischen Mobilität sind für die weltweit vernetzte Zusammenarbeit aber Gift, wie der Astrophysiker Steven Beckwith von der Universität von Kalifornien betont: „Viele unserer Studenten stammen aus dem Iran, und ich möchte sie nicht missen, denn sie haben die beste mathematische Ausbildung von allen.“ Der aus Deutschland stammende und am Massachusetts Institute of Technology forschende Physiknobelpreisträger Wolfgang Ketterle macht sich zudem Sorgen, dass die Grundlagenforschung finanziell künftig noch kürzer kommen könnte als ohnehin schon in den letzten Jahren. Auch Geistes- und Sozialwissenschaftler äußern sich skeptisch und befürchten, dass sie künftig weniger Geld für ihre Projekte bekommen.

Finanzierungsmix hat Tradition

In Panik gerät deshalb niemand, denn diese Sorgen sind in den USA nicht neu. Schließlich lag der Fokus auch schon unter den Vorgängerregierungen auf möglichst anwendungsnaher Forschung. Universitäten und Forschungseinrichtungen setzen traditionell auf einen Finanzierungsmix, der das Risiko streut und die Abhängigkeit von einzelnen Ministerien oder anderen Stellen kleiner macht – was sehr hilfreich ist, wenn eine forschungsfinanzierende Behörde geschlossen werden soll, wie aktuell beispielsweise die in den Augen der neuen Regierung unnötige Umweltbehörde EPA. Und wer auch keine Mittel aus der Industrie oder vom Militär akquirieren kann oder über kein eigenes Stiftungsvermögen wie die großen Privatuniversitäten verfügt, der kann vielleicht aus einer philanthropischen Quelle schöpfen, die in den USA viel stärker sprudeln als in Deutschland und anderen Ländern Europas.

Sorgen vor einem staatlichen Dirigismus versucht Rebecca Keiser von der National Science Foundation zu zerstreuen. Ihr Haus, der wichtigste Verteiler von staatlichen Forschungsgeldern in den USA, wolle keine bestimmten Forschungsthemen gegen andere durchsetzen, sondern vertraue auf die Wissenschaftscommunity: „Die Forscher, die bei uns Anträge stellen, wissen besser als wir oder der Kongress, welche Schwerpunkte wichtig sind“.

„Die Wissenschaft ist fester Bestandteil unserer DNA"

Auch der Wissenschaftsberater im Außenministerium Vaughan Turekian gibt Entwarnung vor der Befürchtung, die neue Regierung könnte wissenschaftsfeindlich sein. „Die Wissenschaft ist fester Bestandteil unserer DNA im State Department“, sagt Turekian und verspricht eine weitere Unterstützung der transatlantischen Forschungszusammenarbeit. „Gemeinsame Herausforderungen wie die alternde Gesellschaft erfordern Kooperation und den Austausch von Forschungsdaten, etwa in der Hirnforschung. So können wir Krankheiten wie Alzheimer bekämpfen.“ Auch der deutsche Botschafter Peter Wittig und die Bundestagsabgeordnete Michelle Müntefering unterstreichen als Teilnehmer des Kolloquiums den Wert der Kooperation zwischen Forschern auf beiden Seiten des Atlantiks und die Rolle der Außenbildungspolitik hierbei. „Als Wissenschaftler müssen wir Brücken bauen und keine Mauern errichten“, fasst der Präsident der Humboldt-Stiftung Helmut Schwarz zusammen. „Unser Netzwerk kann eine wichtige Rolle spielen in unseren transatlantischen Beziehungen.“

Austausch am Rande der Vorträge. Ein Thema: Wie kann man die Öffentlichkeit davon überzeugen, dass Wissenschaft für alle wichtig ist?
Austausch am Rande der Vorträge. Ein Thema: Wie kann man die Öffentlichkeit davon überzeugen, dass Wissenschaft für alle wichtig ist?
Foto: Humboldt-Stiftung/GAP-J Frishman

„Wir leben in einer elitären Blase – Das ist nicht gut“

Von der Robotik als Bedrohung für menschliche Arbeitskräfte, über Klimawandel bis hin zu ethischen Fragen der Gentechnik – die Liste der diskutierten Themen, zu denen der internationale wissenschaftliche Austausch nötig ist und nicht durch nationale Regierungen behindert werden sollte, ist lang und einvernehmlich. So einvernehmlich, wie Diskussionen unter gleichgesinnten Wissenschaftlern schnell werden. Dem Konsens unter Forschern müsse aber eine intensivere Auseinandersetzung mit der Öffentlichkeit und ein Werben für wissenschaftliche Fakten folgen, so Rebecca Keiser: „Wir brauchen mehr Kommunikation, um Vorwürfen einer angeblichen falschen Wissenschaft zu begegnen“. „Wir leben in einer elitären Blase. Das ist nicht gut“, unterstützt sie Steven Beckwith. Die von der neuen Regierung aufgebrachten Vorwürfe gegen False Media und fake news könnten ein Vorgeschmack auf kommende Auseinandersetzungen um wissenschaftliche Themen sein, so ist auch abseits der Podien immer wieder zu hören.

Mehr Dialog mit Skeptikern

Dass es auch republikanische Politiker gibt, die den Klimawandel anerkennen und eine unabhängige Wissenschaft schätzen, dürfe über die teilweise wissenschaftsskeptischen Äußerungen aus Regierungskreisen aber nicht vergessen werden. Ob sie Verbündete beim Kampf um die öffentliche Meinung zu wissenschaftlichen Reizthemen sein werden? Hans-Dieter Sues aus dem Smithsonian erzählt: „Einmal führte ich einen konservativen Politiker mit seinen Kindern durch unser Museum. Es gefiel ihm sehr gut. Ich fragte ihn, ob es ihn nicht störte, dass ich seinen Kindern so viel über die Evolution und gar nichts über den Kreationismus erzählt hatte. Er meinte: Ach, das ist gar nicht schlimm. Gegen die Evolutionslehre bin ich eigentlich nur, weil meine Wähler das so hören wollen.“ Ob mit Impfgegnern, Klimaskeptikern oder Evolutionszweiflern - die Wissenschaft wird stärker als bislang selbst den Dialog mit einer skeptischen oder gar forschungsfeindlichen Öffentlichkeit suchen müssen.

Das Kolloquium fand statt in Zusammenarbeit mit: The National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine, American Friends of the Alexander von Humboldt-Foundation, Deutscher Akademischer Austauschdienst, Deutsche Forschungsgemeinschaft

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