Bengaluru lebt

Beim Humboldt-Kolloquium im indischen Bengaluru diskutierten Wissenschaftler aus Indien und Deutschland über den Wissenschaftsaustausch zwischen den beiden Ländern.

Bengaluru gilt als das Silicon Valley Indiens. Früher war die Metropole vor allem als die Gartenstadt bekannt. Wegen ihrer vielen Parks und der überall sprießenden Bäume. Dann siedelten sich IT-Firmen sowie die Luft- und Raumfahrtforschung an. Heute ist die Acht-Millionen-Einwohner-Metropole und drittgrößte Stadt Indiens von Umweltproblemen geplagt, trotz ihrer vielen Parks. Wie jeder weiß, der sich vor der Reise von Deutschland aus nach Bengaluru im Internet über den Zielort kundig macht. Dort berichtet das bekannte deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel von „Bangalores apokalyptischer Sehenswürdigkeit“, dem Bellandursee. Das größte Gewässer der Stadt, schreibt das Magazin, sei so verdreckt und verseucht mit Chemikalien, dass es nicht nur zum Himmel stinke, sondern auch giftige Schaumkronen bilde und sich immer wieder von selbst entzünde. Forscher warnen, so das Magazin, „in wenigen Jahren könnte Indiens Silicon Valley unbewohnbar sein“.

Humboldt Kolloquium 2017 in Indien
Mehr als 200 Alumni der Humboldt-Stiftung aus Indien kamen im November mit Forscherinnen und Forschern aus Deutschland und indischen Nachwuchswissenschaftlern zusammen.
Foto: Humboldt-Stiftung/@Factory Events & Promotion
Humboldt Kolloquium 2017 in Indien
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Humboldt Kolloquium 2017 in Indien
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Humboldt Kolloquium 2017 in Indien
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Humboldt Kolloquium 2017 in Indien
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Wissensaustausch zu Energie- und Umwelttechnik

Beim Kolloquium der Humboldt-Stiftung in Bengaluru kamen im November mehr als 200 Alumni der Stiftung aus Indien mit Forschern aus Deutschland und indischen Nachwuchswissenschaftlern zusammen, um über den Wissenschaftsaustausch zwischen Indien und Deutschland sowie über verschiedenste Wissenschaftsthemen zu diskutieren. Auch Energie- und Umwelttechnik waren ein Thema. Indien steht vor der immensen Herausforderung, die Entwicklung zur modernen Industrienation im großen Maßstab fortzusetzen. Zugleich warten Teile des ländlichen Raums noch immer darauf, verlässlich mit Strom versorgt zu werden. Knapp 80 Prozent des indischen Energiebedarfs werden derzeit mit Kohle gedeckt. Um den steigenden Energiehunger zu befriedigen, müssen laut Schätzungen künftig jedes Jahr 15 Gigawatt an Strom zusätzlich zur Verfügung gestellt werden. Wie dies gelingen soll, ohne die Pariser Klimaschutzziele zu verfehlen? Srikumar Banerjee vom Bhabha Atomic Research Center in Mumbai reagiert gelassen auf die Frage. Man setze auf einen Mix aus Atomenergie, Kohle und erneuerbaren Energien wie Solar und Windkraft, bis die Technik weitere Fortschritte macht und neue Lösungen erlaube. 

Viel Potenzial für gemeinsame Forschungen

Tatsächlich sehen Prognosen wie die des Climate Action Trackers, der gemeinsame Klimaberechnungen eines Verbunds von Beratungsfirmen und NGOs veröffentlicht, Indien zusammen mit China auf einem guten Weg ihre Klimaziele bis 2030 sogar zu übertreffen und beispielsweise die Europäer hinter sich zu lassen. Indien könnte zu einem führenden Markt und Entwickler für Solarenergie werden. Von der Beratungsgesellschaft Ernst & Young wird es bereits als eines der Topländer für Investitionen in erneuerbare Energien gehandelt. Viel Potenzial also auch für gemeinsame Forschung mit deutschen Partnern, die für ihr Know-how im Energiebereich geschätzt werden. Übrigens weiterhin auch auf dem Gebiet der Kernenergieforschung, trotz des deutschen Atomausstiegs. Ob dies nach der Energiewende – einem deutschen Wort, dem eine ähnliche Karriere wie dem international geläufigen „Waldsterben" bevorstehen könnte – auch auf Dauer so sein wird, blieb in der Diskussion beim Kolloquium offen. Aktuell jedenfalls ist Deutschland aus Sicht indischer Wissenschaftler quer über alle Disziplinen hinweg attraktiv, wie auch die große Nachfrage bei der Humboldt-Stiftung zeigt.

Die meisten Bewerber kommen aus Indien

Indien gehört nach den USA und China zu den Top Drei bei den jährlich vergebenen Forschungsstipendien. Nach Anzahl der Bewerbungen liegt das Land sogar an erster Stelle vor China. Dass die chinesischen Bewerber allerdings im Schnitt erfolgreicher sind als ihre indischen Kollegen, wundert bei der Tagung niemanden. Die Postdocs aus China würden im Vergleich zu ihren Kollegen aus Indien viel mehr darauf trainiert, sich im besten Licht zu präsentieren und ihre Bewerbungen entsprechend zu polieren. Hier gebe es Nachholbedarf, so die einhellige Meinung.

Schritte zu mehr Spitzenforschung

Ein weiterer Grund ist auch die indische Forschungslandschaft: Die Bandbreite zwischen exzellenter und international konkurrenzfähiger Forschung und Ausbildung auf der einen und der wissenschaftlich eher durchschnittlichen und auf die akademische Massenausbildung ausgerichteten Einrichtungen andererseits ist groß. Von den rund 25 Millionen Studierenden in Indien sind nur 500.000 in einem Masterprogramm eingeschrieben. Auch an den international renommierten staatlichen Indian Institutes of Technology (IIT) heißt es, dass die ganz überwiegende Mehrheit der Absolventen bereits nach dem Bachelor abgehe und sich damit gegen eine Karriere als Wissenschaftler entscheide. Eine bessere Ausbildung und mehr Spitzenforschung gelten daher als Ziel. Neu eingerichtete Innovationszentren und die auf Exzellenz zielenden Indian Institutes of Science Education and Research (IISER) sind Schritte in diese Richtung. Daneben sei aber gerade die Kreativität unter wirtschaftlich und wissenschaftlich nicht idealen Bedingungen eine Stärke indischer Forschung, die mit wenig Einsatz viel Ertrag, sogenannte Frugal Innovations, hervorbringe, so das Thema einer der Vorträge im Plenum.

In Deutschland bekannter werden

Während das Interesse an einem Studium oder einem Forschungsaufenthalt in Deutschland in Indien groß ist, kommen umgekehrt zu wenig Deutsche nach Indien, finden die Teilnehmer beim Kolloquium. Mehr Marketing zur Steigerung der Bekanntheit in Deutschland wäre nötig, um auch aus dieser Richtung die deutsch-indische Zusammenarbeit und gegenseitige Befruchtung zu fördern. Bengaluru bietet sich als ein Ziel für deutsche Wissenschaftler nicht nur wegen seiner starken Forschungsinfrastruktur an, die auch Firmen wie Bosch, Daimler oder Microsoft anzieht. Die aus Mumbai oder Delhi angereisten indischen Teilnehmer freuten sich auch über das viele Grün und die smogfreie Luft.

Und der brennende See, von dem tatsächlich beinahe jeder in der deutschen Delegation vor der Anreise gelesen hatte? Ja, das sei ein Problem. Aber es werde schon besser und man bekomme das bestimmt in den Griff, meinte ein darauf angesprochener Forscher aus Bengaluru. Ob das deutsche Nachrichtenmagazin vielleicht falsch liege und das indische Silicon Valley in Zukunft doch bewohnbar bleibe? Ja, davon sei nun wirklich auszugehen, sagt er und lacht über die immer so besorgten Deutschen.

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