29. März 2018

Von wegen Splendid Isolation

Nach dem Ja zum Brexit fragen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, wie es mit den britisch-deutschen Forschungsbeziehungen weitergeht. Beim Humboldt-Kolloquium vom 15. bis 17. März in Oxford suchten sie nach Lösungen für die Zukunft.

Die Stimmung könnte besser sein unter den Wissenschaftlern in Oxford, der traditionsreichen Universitätsstadt und dem Gehirn Englands, wie das Tourismusbüro stolz im Internet verkündet. Draußen vor dem Mathematischen Institut der Universität stehen Streikposten und trotzen dem unfreundlichen Märzwetter. Sie protestieren gegen die geplanten Kürzungen der Regierung bei den Pensionen des wissenschaftlichen Personals. Drinnen im großen Hörsaal geht es zur gleichen Zeit um ein anderes Streitthema, den Brexit. An diesem Akt der völlig unnötigen Selbstisolierung sei wirklich nun gar nichts „splendid“, Großbritannien schwäche sich selbst durch eigene Dummheit, wettert Rüdiger Görner von der University of London. Der aus Deutschland stammende Literaturwissenschaftler arbeitet seit mehr als 30 Jahren in England und hält die Eröffnungsrede beim Alumnitreffen der Humboldt-Stiftung in Oxford, an der neben 150 Geförderten der Stiftung 50 Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler teilnehmen.

Enno Aufderheide, Generalsekretär der Humboldt-Stiftung, eröffnete das interdisziplinäre Kolloquium „Moving forward – The UK-German research network in a changing world“ (Foto: Humboldt-Stiftung/Keith Barnes)

Der Literaturwissenschaftler Rüdiger Görner von der University of London bei seinem Festvortrag „Brexism or: How to Emerge from Political Psychosis” (Foto: Humboldt-Stiftung/Keith Barnes)

Podiumsdiskussion zum Thema „UK-German Cooperation in Globalising Research: Sharing Experiences on What Makes the Difference" (Foto: Humboldt-Stiftung/Keith Barnes)

Humboldt-Professorin Sharon Macdonald, HU Berlin und Barbara Sheldon, Leiterin Strategische Planung der Humboldt-Stiftung (Foto: Humboldt-Stiftung/Keith Barnes)

Martyn Poliakoff, Universität Nottingham und Dirk Rohmann, Bergische Universität Wuppertal (Foto: Humboldt-Stiftung/Keith Barnes)

Humboldt-Professorin Stefanie Engel von der Universität Osnabrück bei ihrem Festvortrag zum Thema „Acting Climate-friendly: Hurdles and Solution Approaches” (Foto: Humboldt-Stiftung/Keith Barnes)

(Foto: Humboldt-Stiftung/Keith Barnes)

Aditi Lahiri, Präsidentin der Humboldt-Alumnivereinigung im Vereinigten Königreich (Foto: Humboldt-Stiftung/Keith Barnes)

(Foto: Humboldt-Stiftung/Keith Barnes)

Poster-Sessions boten Gelegenheiten zum Netzwerken und für individuelle Gespräche. (Foto: Humboldt-Stiftung/Keith Barnes)

Poster-Sessions boten Gelegenheiten zum Netzwerken und für individuelle Gespräche. (Foto: Humboldt-Stiftung/Keith Barnes)

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nutzten Pausen zum weiteren Austausch. (Foto: Humboldt-Stiftung/Keith Barnes)

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nutzten Pausen zum weiteren Austausch. (Foto: Humboldt-Stiftung/Keith Barnes)

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nutzten Pausen zum weiteren Austausch. (Foto: Humboldt-Stiftung/Keith Barnes)

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nutzten Pausen zum weiteren Austausch. (Foto: Humboldt-Stiftung/Keith Barnes)

Stipendienanträge sprunghaft gestiegen

Die jungen Forscher interessieren sich für einen Karriereschritt im Ausland. Wie so viele Wissenschaftler zurzeit im Vereinigten Königreich. Dies zeigt auch die Nachfrage nach Stipendien der Stiftung im letzten Jahr, die seit dem Ja zum Brexit sprunghaft gestiegen ist: von sonst üblicherweise 70 bis 80 Stipendienanträgen auf 119. Was auffällt, ist der hohe Anteil von Bewerbern mit europäischer, aber nicht britischer Staatsangehörigkeit, der sich fast verdoppelt hat. Wer keinen britischen Pass hat, ist verunsichert, wie es nach dem Brexit für Ausländer an britischen Universitäten weitergeht und orientiert sich ins Ausland. So ist es von vielen Teilnehmern des Treffens zu hören, darunter auch viele Deutsche, die zurzeit auf der Insel leben und arbeiten.

Ein Gefühl, nicht mehr willkommen zu sein

Neben der persönlichen, beruflichen oder aufenthaltsrechtlichen Unsicherheit geht es auch um das allgemeine Klima, das durch die hitzigen Diskussionen um den Brexit entstanden ist. Dabei erzählen die Forscher nicht etwa von direkten Feindseligkeiten gegen Ausländer. Doch von einem Gefühl, nicht mehr wie früher willkommen zu sein und davon, dass die Gesellschaft weniger offen erlebt wird und dafür mehr nationale Interessen betont werden, berichten viele beim Kolloquium.

Das Ende einer engen Verknüpfung?

Von einem ungesunden Cocktail von post-imperialen Illusionen, überholten Vorstellungen von nationaler Souveränität, dogmatischer Selbstgerechtigkeit und offener Verachtung für bewährte politische und kulturelle Partnerschaften, ja sogar Hass auf diejenigen, die kritisch zum Brexit stehen, spricht Rüdiger Görner und verweist auf die enge Verknüpfung der britischen Wissenschaft mit der EU, die nun auf dem Spiel steht. Zurzeit gebe es 200.000 Studierende aus anderen EU-Staaten an britischen Universitäten, sowie 16 Prozent des akademischen Personals. Jede vierte britische Publikation entstehe in Zusammenarbeit mit einem europäischen Partner und 20 Prozent der durch das EU-Programm Horizon 2020 geförderten Projekte in England würden durch europäische Partner koordiniert, so Görner.

Binational statt europäisch?

Wie es nun weitergeht? Viele hoffen auf einen Ausgleich durch eine Stärkung binationaler Kooperationen – nicht nur mit den Partnern aus der EU, sondern auch mit anderen Ländern wie China. Auch die bei der Tagung vorgestellten Kooperationsprogramme der DFG, die eine Förderung von gemeinsamen deutsch-britischen Projekten ermöglichen, stoßen auf großes Interesse. 

Mehr Kontakt, weniger Snobismus

So weicht das Entsetzen über die Brexit-Entscheidung der Suche nach Lösungen für die Zukunft. Dazu gehört auch der gute Vorsatz, sich künftig als Wissenschaft mehr Gehör zu verschaffen und nicht nur auf die Straße zu gehen, wie jetzt, da die persönliche Altersversorgung in Gefahr ist. „Wir Akademiker haben den Kontakt zum britischen Wähler verloren“, meint Martyn Poliakoff von der University of Nottingham. Und Ulrike Hahn von der University of London mahnt, dass die Wissenschaft nicht snobistisch über berechtigte Anliegen der Brexit-Befürworter hinwegsehen dürfe.

Schubser zu besseren Lösungen

Vielleicht liegt die Lösung ja in den Strategien, die Umweltökonomin Stefanie Engel von der Universität Osnabrück zum Umgang mit dem Klimawandel vorstellt. Wie man Skeptiker überzeugt, warum der Mensch lieber kurzfristige Ziele erreichen will, statt langfristig orientiert zu denken, weshalb Defizite stärker wahrgenommen werden als Vorteile und vor allem, wie man es schafft, sein eigenes Handel durch kleine Stubser, sogenanntes Nudging, zu verändern. All dies, so einer der Kommentare aus dem Plenum, erkläre doch vieles, was in der Brexit-Diskussion schief gelaufen sei. Und was man künftig besser machen müsse.

Das Kolloquium in Oxford fand in Kooperation mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst sowie der Deutschen Forschungsgemeinschaft statt. Pro Jahr veranstaltet die Alexander von Humboldt-Stiftung zwei große Kolloquien im Ausland, zu denen Alumni eines betreffenden Landes oder einer Region eingeladen werden.

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