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Fluchtpunkt Universität

Von Barbara Sheldon

Nach der Flucht brauchen gefährdete Forscher Unterstützung, um wieder an Hochschulen Fuß zu fassen. Viele Institutionen helfen mit speziellen Programmen. Doch damit die wirken, braucht es mehr als guten Willen.

Fluchtpunkt Universität Grafik

Wie funktioniert ein Asylverfahren? Welche Hilfe braucht ein Mensch, der Flucht und Verfolgung hinter sich hat? Das waren lange keine Alltagsfragen an deutschen Universitäten und Forschungseinrichtungen. Der Zerfall des syrischen Bildungs- und Wissenschaftssystems hat das verändert. Studierende und Forscher müssen aus Syrien fliehen und suchen einen sicheren Platz, an dem sie lernen und arbeiten können – auch in Deutschland. Diese Menschen bringen wertvolle Kompetenzen und Wissen mit. Aber Forschungseinrichtungen und Universitäten müssen auch mit ihren besonderen Erfahrungen und Problemen umgehen.

Internationale Hilfsorganisationen, Stiftungen und Förderorganisationen haben in den vergangenen Jahren eine große Zahl an Initiativen gegründet, um bedrohten Wissenschaftlern aus Syrien und anderen Ländern zu helfen. Auf Konferenzen und in Strategiesitzungen trifft man die Vertreter dieser Hilfsinitiativen. Allen gemein ist der unbedingte Wille, einen Beitrag zu leisten, auch wenn es nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Viele zeigen ein ungeheures Engagement, einen zeitlichen Einsatz bis an die Grenzen der eigenen Belastbarkeit. Sie haben aber auch viele offene Fragen: Hilft das eigene Angebot wirklich? Wie erreicht man überhaupt die Menschen, die davon profitieren sollen? Mit wem kann man kooperieren, wer kann einen beraten, wem kann man trauen? Wie vermeidet man Fehler auf diesem potenziell hochpolitischen Gebiet?

Die Universitäten handelten

Auch in Deutschland sind viele Aktivitäten für Flüchtlinge im Bereich von Bildung und Forschung entstanden. Von denen, die 2015 in Deutschland einen Asylantrag stellten, waren rund 55 Prozent unter 25 Jahren und rund 80 Prozent unter 35 Jahren – so die Statistik des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Eins war damit sehr schnell deutlich: Hier war insbesondere der Bildungssektor bei der Entwicklung von Lösungen gefragt. Plötzlich standen die Flüchtlinge vor der Tür, zum Teil waren sie auf dem Campus von Universitäten oder in der Nähe untergebracht. Und die Universitäten handelten: Da wurden auf die Schnelle Gasthörerschaften ermöglicht, Zugänge zu Bibliotheken geschaffen, Patensysteme entwickelt – und eine Universität beendete sogar eine jahrzehntelange Diskussion, ob die Vorlesungen im Fach Volkswirtschaft auf Deutsch oder Englisch stattfinden sollten. Sie wechselte kurzerhand auf Englisch, damit die Flüchtlinge daran teilnehmen konnten.

Die Wissenschaftsorganisationen mussten besonders die Situation von bereits ausgebildeten Forschern berücksichtigen, um passende Unterstützungsangebote zu entwickeln. Während Studierende beruflich in der Regel noch nicht festgelegt sind, haben geflüchtete Forscher schon eine Entscheidung für das Berufsfeld Wissenschaft getroffen und sich lange Zeit darauf vorbereitet. Für sie kommt also besonders der wissenschaftliche oder wissenschaftsnahe Arbeitsmarkt infrage. Das hat Vorteile: Das internationale Arbeiten ist Bestandteil jedes Wissenschaftlerlebens, viele wissenschaftliche Disziplinen sind ortsunabhängig und die Sprache der Wissenschaft ist häufig ohnehin Englisch. Theoretisch können Forscher also leichter als andere Berufsgruppen in der Fremde Fuß fassen. Der wissenschaftliche Arbeitsmarkt in den meisten Ländern ist aber begrenzt.

Bestehende Positionen für gefährdete Forscher zu öffnen, scheint jedenfalls – zumindest zum aktuellen Zeitpunkt – nicht der Königsweg zu sein. Diese Erfahrung machte die Europäische Kommission: In ihrem Jobportal für Forscher mit Stellenangeboten aus ganz Europa wurden Fähnchen mit dem Begriff science4refugees an Hunderte von Jobangeboten gehängt. Doch in den ersten neun Monaten meldete sich kein einziger Flüchtling auf diese Anzeigen des Portals. Auch aus den großen deutschen Wissenschaftsorganisationen, die ihre Programme und Stellenangebote geöffnet haben, hört man zumindest nicht von einer massenhaften Nachfrage seitens der Flüchtlinge. Hingegen erlebt die Philipp Schwartz-Initiative der Alexander von Humboldt-Stiftung mit ihren eigens für gefährdete Forscher geschaffenen Stipendien viel Nachfrage.

Von der Flucht in den Arbeitsmarkt

Die Vermutung liegt nahe, dass gefährdete Forscher für einen Übergang aus der Situation der Flucht in den regulären Arbeitsmarkt eine aktivere Unterstützung und ein stärkeres Heranführen brauchen. Vielleicht muss man zudem anerkennen, dass die Rahmenbedingungen für Forschung je nach Herkunftsland so unterschiedlich sind, dass beispielsweise auch hochbegabte syrische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler manchmal weniger Möglichkeiten hatten, ihre Publikationsleistung auf ein Niveau zu bringen, mit dem sie international konkurrenzfähig sind.

Die im Rahmen der Philipp Schwartz-Initiative geförderten Wissenschaftler konkurrieren nicht mit ihren deutschen Kolleginnen und Kollegen; ihre besondere Situation wird berücksichtigt. Das Stipendium gibt ihnen zwei Jahre Zeit, in Deutschland zu arbeiten und sich zu orientieren. Vielleicht können sie danach mit viel Glück eine Position im deutschen Wissenschaftssystem finden. Auch wissenschaftsnahe Bereiche wie die forschende Industrie bieten ihnen Chancen. Vielleicht führt der nächste Schritt sie aber auch über das Scholars at Risk Network an eine Universität in einem anderen Land, vielleicht kehren sie später einmal zurück in ihre Herkunftsregion.

Eins ist aber klar: Während ihrer Zeit in Deutschland werden diese Forscher mit ihren Kenntnissen und Erfahrungen in jedem Fall einen wichtigen Beitrag an ihren Gasteinrichtungen leisten. Die Begegnung mit ihnen in Seminaren und Vorlesungen wird für viele deutsche Studierende die augenöffnende Erkenntnis bringen, dass akademische Freiheit und Meinungsfreiheit nicht selbstverständlich sind.

aus Humboldt Kosmos 106/2016

Dr. Barbara Sheldon leitet das Referat Strategische Planung der Alexander von Humboldt-Stiftung, das die Philipp Schwartz-Initiative gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt entwickelt hat.

Beispiele deutscher und europäischer Initiativen

Studierende und Forscher aus Krisenregionen schnell aufnehmen und sie gut betreuen: Das ist das Ziel verschiedener Hochschulprogramme, die bessere Strukturen wie mehr Sprach- und Integrationskurse schaffen sollen.
  • Der Deutsche Akademische Austauschdienst bereitet mit dem Integra-Programm studierfähige Geflüchtete an deutschen Universitäten und Studienkollegs auf ein Studium vor. Mit dem Welcome-Programm fördert er Projekte von Studierenden, die sich für Flüchtlinge engagieren. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert diese Programme.
  • Die Alexander von Humboldt-Stiftung hat mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes die Philipp Schwartz-Initiative für gefährdete Forscher geschaffen.
  • Das HOPES-Programm der Europäischen Union unterstützt syrische Flüchtlinge, die in der Türkei oder im Nahen Osten einen Studienplatz suchen, mit Beratungsangeboten und Stipendien.

Beispiele weltweiter Initiativen

Global agierende Organisationen engagieren sich seit Jahrzehnten für gefährdete Forscher aus allen Teilen der Welt – egal, ob diese vor Krieg geflohen sind oder in ihrer Heimat politisch verfolgt werden.
  • Der Scholar Rescue Fund vergibt Stipendien an etablierte Forschende, deren Leben und Arbeit in ihren Heimatländern in Gefahr sind, und unterstützt Universitäten dabei, sie aufzunehmen.
  • Der Council for At-Risk Academics (Cara) hat eine lange Tradition und kooperierte in den 1930er- und 1940er- Jahren mit der von Philipp Schwartz gegründeten Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland. Cara vermittelt gefährdete Forscher hauptsächlich nach Großbritannien, arbeitet aber zunehmend auch mit Universitäten in anderen Ländern zusammen.
  • Scholars at Risk ist ein weltweites Netzwerk von Universitäten, die bereit sind, gefährdete Wissenschaftler aufzunehmen. Außerdem will die Organisation Aufmerksamkeit für Bedrohungen der wissenschaftlichen Freiheit schaffen.

Beispiele für Onlinehilfsangebote

Wer als junger Mensch auf der Flucht nicht das Glück hat, vor Ort Zugang zu Bildung zu finden, kann auf eine Reihe virtueller Studienangebote zurückgreifen. Außerdem gibt es Onlinejobbörsen, die geflüchteten Wissenschaftlern helfen sollen, Arbeit an Hochschulen und Forschungseinrichtungen zu finden.
  • jamiya.org bietet geflohenen Wissenschaftlern aus Syrien Onlinelehrangebote in arabischer Sprache und vernetzt sie mit europäischen Universitäten und Nichtregierungsorganisationen.
  • kiron.ngo bietet in Kooperation mit Partnerhochschulen die Möglichkeit, auf einer digitalen Plattform zu lernen. Das Angebot soll auf ein Studium an einer Hochschule vorbereiten und einen gleitenden Übergang ermöglichen.
  • chance-for-science.de ist eine Plattform der Universität Leipzig, über die geflüchtete Wissenschaftler und Studierende mit deutschen Hochschulen und Forschungseinrichtungen in Kontakt kommen.
  • Die Onlineinitiative science4refugees der Europäischen Union vermittelt europaweit Jobangebote für gefährdete Forscher.

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