Nachgefragt

Was hilft gegen Cybermobbing, Herr Chaux?

Von Lilo Berg

Als die Grausamkeiten nicht aufhörten, wechselte das Mädchen in Bayern die Schule. Ihre ehemaligen Mitschüler hatten sie auf Facebook mit Sprüchen wie „Du nervst, geh sterben“ gemobbt. Wehren konnte sich die 14-Jährige nicht, die Schmähungen waren anonym.

Enrique Chaux (Foto: Humboldt-Stiftung / Barbara Dombrowski)
Enrique Chaux (Foto: Humboldt-Stiftung / Barbara Dombrowski)

„In Kolumbien haben wir das gleiche Problem“, sagt Enrique Chaux. Der Psychologe schätzt, dass jeder zehnte Schüler in seinem Land schon einmal Opfer von Cybermobbing geworden ist. Es ist eine besonders demütigende Form von Gewalt, denn alle bekommen sie mit – Gleichaltrige, Lehrer, Eltern, rund um die Uhr und über Jahre hinweg. „Bei körperlichen Auseinandersetzungen ist das anders, die gehen vorbei“, sagt Chaux. Mit Aggression kennt der 46-Jährige sich aus. Sein Land befindet sich seit 50 Jahren in einer Art Bürgerkrieg, der von den Drogenkartellen angeheizt wird. In manchen Gegenden gibt es oft Schießereien.

Eigentlich wollte Enrique Chaux Astrophysiker werden. Dann aber entschied er sich für Psychologie und Pädagogik: „Wenigstens die nächste Generation soll aus der Gewaltspirale herausfinden.“

Inzwischen haben bereits Tausende Schüler an dem Programm „Aulas en Paz“ (Friedvolle Klassenräume) teilgenommen, das Chaux mit Kollegen von der Universidad de los Andes in Bogotá entwickelt hat. Dabei trainieren die Jugendlichen einen konstruktiven Umgang mit Aggressionen. Körperliche Gewalt, so zeigen Untersuchungen, kann das Programm deutlich reduzieren. Gegen Cybermobbing aber hilft es wenig.

Deshalb ist Chaux derzeit an der Freien Universität Berlin. Dort, im Arbeitsbereich Entwicklungswissenschaft und Angewandte Entwicklungspsychologie, wurde das Programm „Medienhelden“ entwickelt, ein nachweislich besonders wirksames Training für Jugendliche. Sie lernen zum Beispiel, sich in die Opfer von Internet-Attacken einzufühlen, und erfahren, wie sehr es bei Konflikten auf die scheinbar unbeteiligten Beobachter ankommt: Deren Wegschauen verstärkt nämlich die Gewalt.

Schon 2015 will Enrique Chaux eine spanische Version der „Medienhelden“ in Kolumbien einführen, später auch in Mexiko. Die Zeit drängt, denn Cybermobbing fordert täglich neue Opfer.

aus Humboldt Kosmos 102/2014

Professor Dr. Enrique Chaux forscht und lehrt an der Universidad de los Andes in Bogotá, Kolumbien. Seit November 2013 ist er als Georg Forster-Forschungsstipendiat an der Freien Universität Berlin zu Gast.