Deutschland im Blick

Wie Außerirdische in Deutschland

Interview: Lilo Berg

Der nigerianische Psychologe Erhabor Sunday Idemudia forscht seit Jahren zur Situation afrikanischer Migranten in Deutschland. Ein Gespräch über Träume und Illusionen, Stolz und Einsamkeit.

Wie auf einem fremden Planeten: Sich in Deutschland einzuleben, fällt vielen afrikanischen Einwanderern schwer.
Wie auf einem fremden Planeten: Sich in Deutschland einzuleben, fällt vielen afrikanischen Einwanderern schwer. (Foto: Humboldt-Stiftung / Nikolaus Brade)

Kosmos: Herr Idemudia, wie geht es afrikanischen Migranten in Deutschland?
Idemudia: Nicht besonders gut, um es kurz zu sagen. Die meisten klagen über Benachteiligungen wegen ihrer Hautfarbe, unsichere Jobs und endlose Scherereien im Alltag. Ihre Träume haben sich nicht erfüllt.

Kosmos: Was hatten sie erwartet?
Idemudia: Dass sie ins Gelobte Land kommen, wo Milch und Honig fließen und das Geld auf der Straße liegt. Das klingt weltfremd, aber so in etwa stellen sich viele junge Afrikaner das Leben in Deutschland und anderen westlichen Ländern vor.

Kosmos: Bekommen sie denn nichts mit von den Flüchtlingsdramen im Mittelmeer, von der zunehmenden Fremdenfeindlichkeit in Europa?
Idemudia: Doch, das geht nicht an ihnen vorbei. Die Massenmedien und das Internet sind ja voll davon. Aber die jungen Leute wollen es einfach nicht glauben. Sie sind misstrauisch und denken, man wolle ihnen nur den Traum von einem besseren Leben kaputt machen. Dann machen sie sich auf die Reise, auch wenn sie kein Geld haben und nicht wissen, von was sie in der neuen Heimat leben sollen.

Kosmos: Eine erste Studie zur Situation afrikanischer Migranten in Deutschland haben Sie vor rund zehn Jahren begonnen. Was hat sich seitdem geändert?
Idemudia: Der Trend ist der gleiche, er ist in den letzten Jahren allerdings noch stärker geworden, wie unsere Befunde zeigen.

Kosmos: „I’m an Alien in Deutschland“ – so heißt das Buch, in dem Sie die Ergebnisse Ihres Forschungsprojekts zusammenfassen. Warum dieser Titel?
Idemudia: Der Satz stammt von einem Teilnehmer der Studie und er bringt das Lebensgefühl vieler afrikanischer Migranten in Deutschland auf den Punkt: Sie fühlen sich wie Fremde, manchmal sogar wie Außerirdische.

Kosmos: Geht das nicht Migranten in aller Welt gelegentlich so?
Idemudia: Ein gewisses Maß an sogenanntem akkulturativem Stress, an innerer Spannung beim Hineinfinden in eine neue Kultur, ist tatsächlich normal. Üblicherweise lässt das Gefühl nach dem ersten Schock allmählich nach. Anders bei vielen Afrikanern in Deutschland, und das ist das erstaunlichste Ergebnis unserer bisherigen Studien: Ihr Stressniveau steigt, je länger sie im Land sind. Das gilt für alle Migranten in unserer Untersuchung, ob es sich nun um Arbeitsmigranten oder um Flüchtlinge handelt, um legale oder illegale Migranten.

„Unsere Jugend ist besessen von Europa.“

Kosmos: Haben Sie dafür eine Erklärung?
Idemudia: Die Belastungen lassen nicht nach, sie bleiben auf Dauer bestehen. Was vielen Afrikanern großen Kummer bereitet, ist, dass sie keinen anständigen Job in Deutschland finden. Auch über ein insgesamt sehr anstrengendes Leben, rassistische Diskriminierungen und Vorurteile aufseiten der Deutschen wurde in unseren Untersuchungen oft geklagt.

Kosmos: Wer ist besonders von diesem chronischen akkulturativen Stress betroffen?
Idemudia: Das größte Risiko weisen sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge auf, Menschen also, die nicht aus politischen, sondern aus ökonomischen Gründen ihre Heimat verlassen haben. Ihnen schlägt am meisten rassistisch getränkte Ablehnung entgegen. Keinen Unterschied in der Intensität des akkulturativen Stresses haben wir zwischen legalen und illegalen Migranten gefunden. Studierende empfinden die geringste und Arbeitslose mit guter Ausbildung die größte Belastung. Anfällig für Stress macht vor allem jedoch die Trennung von der Familie, der Ehefrau oder dem Ehemann.

Kosmos: Kann es sein, dass ein Leben ohne Familie und Lebenspartner afrikanische Migranten psychisch besonders stark belastet?
Idemudia: Das ist gut möglich, denn zu einem glücklichen Leben gehören für uns Familie und Kinder. Für Deutsche scheint das ganz anders zu sein, ein erfülltes Leben können sich viele auch ohne Kinder und nahe Verwandte vorstellen. Die Definition von Glück ist kulturell geprägt. Um herauszufinden, was Afrikaner darunter verstehen, entwickeln wir derzeit ein Testverfahren an meiner Heimatuniversität in Südafrika.

Wie auf einem fremden Planeten: Sich in Deutschland einzuleben, fällt vielen afrikanischen Einwanderern schwer.
Foto: Humboldt-Stiftung / Nikolaus Brade

Kosmos: In Deutschland finden afrikanische Migranten offenbar selten ihr Glück – und doch bleiben viele von ihnen lange im Land. Warum?
Idemudia: Die Teilnehmer unserer Untersuchungen lebten im Mittel 7,5 Jahre in Deutschland, manche sogar schon bis zu 20 Jahre. Sie bleiben, weil die Lebensbedingungen besser sind als zu Hause. Aber kaum jemand will für immer in Deutschland sein. Spätestens mit 60 wollen die meisten weg. Grauhaarigen Afrikanern werden Sie in Deutschland kaum begegnen, ganz anders als etwa in Großbritannien.

Kosmos: Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit der Situation afrikanischer Migranten in Deutschland und Europa. Was treibt Sie an?
Idemudia: So viele junge Menschen aus meiner Heimat laufen ins Verderben – dagegen will ich etwas tun. Für Europäer ist es sicher schwer vorstellbar, wie besessen die afrikanische Jugend von Europa ist. Es ist eine grassierende Seuche. Und sie wird angeheizt durch Tausende gewissenloser Schlepper, die den jungen Leuten das Blaue vom Himmel versprechen. Und wenn sie dann zu Hause keine Arbeit finden und keine Zukunft sehen, machen sie sich auf und ziehen nach Norden.

Kosmos: Kommt denn von denen, die in Deutschland unglücklich sind, keine Warnung?
Idemudia: Die meisten sind zu stolz, um die Wahrheit zu sagen. Und so erfährt zu Hause keiner, dass sie arbeitslos sind und mit Drogen dealen oder sich prostituieren. Wer einer schlecht bezahlten, niederen Tätigkeit nachgeht, als Spülkraft in einem Restaurant zum Beispiel oder als Leichenwäscher, schweigt ebenfalls.

„Das Stressniveau von Afrikanern steigt, je länger sie in Deutschland leben..“

Kosmos: Was wollen Sie gegen den Exodus junger Menschen tun?
Idemudia: Bisher fehlt eine objektive und umfassende Untersuchung der Situation afrikanischer Migranten in Europa. Diese Lücke wollen wir mit einer neuen Studie schließen, die in diesem Jahr beginnt. Sobald überzeugende wissenschaftliche Daten vorliegen, will ich mich an die Regierungen von Nigeria, Ghana und anderen betroffenen Ländern wenden, um gemeinsam an die Öffentlichkeit zu gehen. Gegen Aids gab es sehr erfolgreiche Kampagnen im Fernsehen und in anderen Massenmedien. Warum sollte sich das nicht bei einer weiteren Epidemie, der Massenmigration, wiederholen lassen.

Kosmos: Welche Alternativen haben die jungen Leute denn?
Idemudia: Für Ausbildung, Arbeit und Zukunftschancen muss die Politik sorgen, da gibt es unendlich viel zu tun. Angesichts des starken Ansturms aus dem Süden sind europäische Regierungen bereit, hier zu helfen. Ein kleiner, aber sehr wichtiger Baustein sind Stipendien, die künftig viel mehr jungen Talenten aus Afrika einen Aufenthalt in Europa ermöglichen sollen – dann aber ohne finanzielle Not und auf Zeit.

Kosmos: Seit zwölf Jahren kommen Sie immer wieder nach Deutschland. Wie begegnen Ihnen die Deutschen?
Idemudia: Ich habe sehr nette Kollegen und Freunde hier und genieße es, in ihrer Gesellschaft zu sein. Außerdem lerne ich gern neue Menschen kennen und gehe offen auf sie zu. Junge Leute reagieren oft aufgeschlossener als ältere Personen – da gibt es durchaus Unterschiede.

Kosmos: Sie erleben keinen Rassismus auf der Straße oder im Supermarkt?
Idemudia: Ich glaube, ich würde das gar nicht registrieren. Meine Antennen sind auf andere Dinge gerichtet. Wenn jemand solche Vorurteile hätte, würde das wahrscheinlich Stress auslösen – bei der anderen Person, nicht bei mir.

Kosmos: Als Sie im Jahr 2003 das erste Mal nach Deutschland kamen, gab es noch keine Flüchtlingsboote im Mittelmeer und keine Pegida-Bewegung. Wie sehen Sie diese Entwicklung?
Idemudia: Das ist ein sehr großes Problem. Rechtsgerichtete politische Bewegungen, wie es sie mittlerweile nicht nur in Deutschland, sondern in vielen Ländern gibt, verschärfen das Problem nur. Wir brauchen nachhaltige Lösungen, und die können nur die EU-Staaten zusammen mit afrikanischen Regierungen finden. Mit unserer neuen Studie wollen wir dazu beitragen.

aus Humboldt Kosmos 104/2015
Erhabor Sunday Idemudia
Erhabor Sunday Idemudia 
Foto: privat

Professor Dr. Erhabor Sunday Idemudia stammt aus Nigeria. Der Psychologe beschäftigt sich mit den Problemen vulnerabler Personengruppen wie Flüchtlingen, Gefängnisinsassen, HIV-Infizierten oder psychisch Kranken und leistet wichtige Beiträge zur Traumatherapie und Aids-Prävention. Seit 2013 leitet er den Fachbereich Psychologie an der North-West University in Mahikeng, Südafrika. Dort hat er gegenwärtig eine Forschungsprofessur an der School of Research and Postgraduate Studies inne. Nach Bremen, wo Idemudia bereits von 2002 bis 2003 Humboldt-Forschungsstipendiat war, kehrte er 2015 als Georg Forster-Forschungspreisträger zurück. An der Jacobs University und der Bremen International Graduate School of Social Sciences wird er unter anderem mit dem TransCoop-Partner Klaus Boehnke und der Anneliese Maier-Forschungspreisträgerin Michele J. Gelfand zusammenarbeiten. Von seinem Vater hat Erhabor S. Idemudia die Würde eines High Chief in seiner nigerianischen Heimatregion übernommen; er trägt den Titel „The Obarode of Ekpoma“ (King-in-waiting).