Deutschland im Blick

Der Stoff, aus dem der Fortschritt war

Von Eli Rubin

In Ostdeutschland waren Plastikprodukte mehr als nur billige Wegwerfware. Die schöne neue Kunststoffwelt wurde zum Symbol für Modernität und den Erfolg des Sozialismus.

Mono-Kofferplattenspieler Ziphona decent 306, VEB Funkwerk Zittau, 1970
Mono-Kofferplattenspieler Zipho-
na decent 306, VEB Funkwerk
Zittau, 1970.
Foto: www.industrieform-ddr.de

Die schöne neue Plastikwelt begann für die DDR 1958 mit zwei Großveranstaltungen der Sozialistischen Einheitspartei. Die erste war der 5. Parteitag, auf dem Regierungschef Walter Ulbricht einen grundlegenden Wandel ankündigte, von einer produktionsorientierten sozialistischen hin zu einer technologisch fortschrittlichen, konsumorientierten Wirtschaft und Gesellschaft. Die zweite war die Chemiekonferenz in Leuna, dem Zentrum der ostdeutschen Chemie industrie, mit der Ankündigung des Chemieprogramms. Es sollte zur Leitlinie der technologischen Modernisierung der Wirtschaft und letztlich des Alltagslebens im ostdeutschen Sozialismus werden.

Zu den höchsten Prioritäten der neuen Konsumorientierung zählte die Massenproduktion moderner Konsumartikel, wie sie im Westen zu Symbolen des Wohlstands geworden waren, etwa moderne Wohnungen, Möbel, Haushaltsgeräte, Spielzeug, Kleidung, elektronische Geräte oder abgepackte Lebensmittel. Die Verfügbarkeit dieser Waren sollte der ostdeutschen Bevölkerung beweisen, dass der Sozialismus ihnen eine verheißungsvolle, attraktive Zukunft bieten und mit dem westdeutschen Wirtschaftswunder konkurrieren konnte.

„Fernsehshows, Zeitschriften und Ausstellungen propagierten die Überlegenheit von Kunststoffen.“

Plastik herstellen zu können, wurde zu einer entscheidenden Frage für das Überleben des Sozialismus insgesamt – nicht nur, weil andere Zukunftsbranchen wie Elektroindustrie und Bauwesen auf moderne Erdölprodukte angewiesen waren, sondern insbesondere, weil die DDR wie andere sozialistische Länder außerstande war, die Rohmaterialien zu importieren, die für die Massenproduktion moderner Konsumartikel benötigt wurden. Baumwolle, Wolle, Holz, Glas, Aluminium, Gummi – all diese Stoffe waren in Ostdeutschland Mangelware. Um seinen Bürgern eine moderne, konsumorientierte Lebensweise zu ermöglichen und im geteilten Deutschland konkurrenzfähig zu sein, musste Ostdeutschland Chemikalien und vor allem Kunststoffe einsetzen, um die nicht verfügbaren Materalien synthetisch herzustellen.

Manikür- und Pedikürgerät Yvette YMP-5, VEB Elektrogerätewerk Suhl, 1974
Manikür- und Pedikürgerät
Yvette YMP-5, VEB
Elektrogerätewerk Suhl, 1974.
Foto: www.industrieform-ddr.de

Den für diesen Wirtschaftswandel Verantwortlichen stellte sich in erster Linie die Frage, ob die ostdeutsche Bevölkerung Ersatzartikel aus Kunststoff als minderwertig und gleichsam als Symbol dafür ansehen würde, dass das Leben in Ostdeutschland nur ein billiger Abklatsch des wahren Lebens in Westdeutschland sei, oder ob Kunststoffe, vor allem moderne Thermoplaste, als Attribut einer technologisch fortschrittlichen, modernen Gesellschaft vermittelt werden könnten. Bald nach der Konferenz von 1958 wurden die Ostdeutschen mit Vorboten der Kunststoffwelt überflutet. Fachgeschäfte wurden eröffnet, die ausschließlich Kunststoffartikel und synthetische Produkte verkauften; Fernsehshows, Zeitschriften, Ausstellungen und andere Veranstaltungen propagierten die Überlegenheit von Kunststoffen gegenüber den Materialien, die sie ersetzen sollten. Tischplatten aus Kunststoff waren besser, weil sie leichter zu reinigen waren, Kleidungsstücke aus Polyester, weil sie pflegeleichter waren. Dies sorgte bei ostdeutschen Durchschnittsbürgern für große Faszination: Sie zogen in Plattenbauten aus vorgefertigten Einzelteilen, kauften Schichtstoffmöbel aus der Massenproduktion und trugen Polyesterkleidung nach der Mode der 1960er-Jahre. Anscheinend konnte sich der Sozialismus die Magie der Wissenschaft – Atomphysik, Luft- und Raumfahrt und Petrochemie – nutzbar machen, um eine kommunistische Utopie zwischen Jules Verne und Karl Marx zu verwirklichen.

Blumengießkanne aus Polystyrol, VEB Glasbijouterie Zittau, 1960
Blumengießkanne aus Poly-
styrol, VEB Glasbijouterie
Zittau, 1960.
Foto: www.industrieform-ddr.de

Design in der Tradition von Bauhaus

Plastikartikel erlangten in der DDR hohes Ansehen, nicht nur wegen ihrer Knappheit, sondern auch weil Kunststoff allgemein als hochwertiges Material galt und nicht als billiges Ersatzprodukt. Entscheidend für die Durchsetzung dieser Vorstellung war der zunehmende Einfluss einer Schule von Produktdesignern in der DDR, insbesondere der verbleibenden Bauhaus-Vertreter in Ostdeutschland unter der Führung des einflussreichen Designers Martin Kelm. Kelms Organisation, dem Amt für industrielle Formgestaltung, gelang es, im Zentrum der politischen und wirtschaftlichen Macht der DDR die Idee zu verankern, moderne Technologien für die Massenproduktion von Qualitätsartikeln einzusetzen, die keine Imitation früherer Formen sein sollten und kulturelle Aspekte berücksichtigten. Die Mission Kelms und seiner Kollegen war, Kunststoffe und ihre Verwendung als Ersatzstoffe für die Planwirtschaft so nutzbar zu machen, dass sie nicht als billiger Ersatz missbraucht wurden, und so einer Wegwerfgesellschaft vorzubeugen, wie sie sich in der kapitalistischen Welt – teilweise als Reaktion auf das Aufkommen von Kunststoffen – entwickelt hatte.

Kunststoff als Mainstream

Diese Designer sorgten dafür, dass Kunststoff im Rahmen einer hochgradig kontrollierten Planwirtschaft nur dort zum Einsatz kam, wo er das Alltagsleben der Menschen rationeller und fortschrittlicher gestalten konnte. So halfen sie der Regierung, den Kontakt zu einem Mainstream in der ostdeutschen Bevölkerung herzustellen, der Nützlichkeit, Funktionalität und Neuheit über die Ideologie stellte. Somit entsprachen die Ziele des Regimes zentralen Wünschen der Bevölkerung, was eine spezifisch ostdeutsche Mainstreamkultur entstehen ließ – einen Konsens, der ein Eigenleben entwickelte. Es handelte sich nicht darum, dass die Bürger die Regierung unterstützten oder die Regierung Zwang auf die Bürger ausübte, sondern vielmehr um eine kulturelle Bindekraft, die sich selbst legitimierte und dies vielfach in der ehemaligen DDR immer noch tut.

„Die Ablehnung der Plastik-Welt weckte den Argwohn der Stasi.“

Aus diesem ostdeutschen Mainstream bezog das Regime seine eigentliche Macht, mehr als aus der Staatsgewalt an sich. Wenn sich Ostdeutsche von diesem Mainstream distanzierten, indem sie weiterhin Baumwolle statt Polyester trugen oder alte Holzmöbel statt Möbeln aus Schichtstoff oder Polyurethan kauften, signalisierten sie damit automatisch, dass ihre Werte nicht denen des Regimes und der allgemeinen Bevölkerung entsprachen. Häufig weckte die Ablehnung der Plastik-Welt den Argwohn der Stasi, die der Ansicht war, diese Ablehnung könne auf andere subversive Tendenzen hinweisen.

Hühner-Plastikeierbecher
Hühner-Plastikeierbecher,
VEB Plaste Wolkenstein
Foto:Kathleen Langan;
mit freundlicher Genehmigung
des Dokumentationszentrums
Alltagskultur der DDR

In den ersten Jahren nach dem Fall der Mauer erschien die zentrale Rolle des Kunststoffs in der Warenwelt Ostdeutschlands vielen Bürgern Westdeutschlands und anderer westlicher Länder kurios, exotisch oder erbärmlich. Im Westen wurde Plastik seit Langem als billige Wegwerfware betrachtet. Es geschah dasselbe wie bei vielen anderen Aspekten der materiellen Kultur Ostdeutschlands, etwa dem Trabant: Sobald die Ostdeutschen erkannt hatten, dass ihre Warenwelt den Westdeutschen geradezu als Witz erschien, gaben sie sich alle Mühe, sich der Symbole ihres kommunistischen Provinzialismus zu entledigen und am allumfassenden kapitalistischen Kosmopolitismus teilzuhaben. Doch gegen Mitte der 1990er-Jahre erkannten die Ostdeutschen im Kontext des „Ostalgie“ genannten Phänomens, dass die vor 1989 an der westlichen Kultur geübte Kritik vielfach ihre Berechtigung hatte. Nun wiesen viele darauf hin, dass Kunststoffartikel in Ostdeutschland eine hohe Lebensdauer hatten. Man warf nur ganz selten etwas weg, vor allem, wenn es sich um Kunststoff handelte. Begriffe wie „Wegwerfgesellschaft“ waren bei Einwohnern der ehemaligen DDR wieder in aller Munde. Wer seine Plastik-Hühnereierbecher und seine Sprelacart-Kücheneinrichtung nicht entsorgt hatte, klammerte sich an diese Attribute, in denen die DDR fortlebte.


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Eli Rubin Eli Rubin
Foto: Kathleen Langan

Professor Dr. Eli Rubin lehrt Geschichte an der Western Michigan University in Kalamazoo, Michigan, USA. Als Humboldt-Forschungsstipendiat war er von 2007 bis 2009 am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam.

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