Forschung hautnah

Der Ameisenpapst

Von Hubertus Breuer

Für seine Arbeiten erhielt er den Pulitzerpreis, er ist ein Wanderer zwischen Universitäten in Deutschland sowie den USA und einer der weltweit führenden Koryphäen auf seinem Gebiet. Bert Hölldobler erforscht seit über fünfzig Jahren die Welt der Ameisen.

Foto: Bert Hölldobler

Man schrieb das Jahr 1944, Bert Hölldobler war gerade sieben oder acht Jahre alt. Sein Vater, ein Chirurg und studierter Zoologe, war auf Heimaturlaub von der Ostfront. Gemeinsam gingen sie durch den Fränkischen Wald bei Ochsenfurt. Der Vater drehte Steine um, da er nach Ameisengrillen Ausschau hielt. Unter einem dieser Steine sah der Junge plötzlich eine Rossameisenkolonie. Die Ameisen liefen wild durcheinander, brachten ihre Larven und Puppen in Sicherheit – und verschwanden vor dem Licht und den Augen von Vater und Sohn in den schützenden Gängen im Boden.

Eine Rossameisenarbeiterin hilft einer jungen Arbeiterin, aus ihrer Puppenhülle zu schlüpfen.
Eine Rossameisenarbeiterin (Cam-
ponotus ligniperdus
) hilft einer
jungen Arbeiterin, aus ihrer
Puppenhülle zu schlüpfen.
Es war diese Rossameisenart,
die zum Schlüsselerlebnis für
den sieben- oder achtjährigen Bert
Hölldobler wurde, als er mit seinem
Vater einen naturkundlichen Spazier-
gang machte.

Foto: Bert Hölldobler

Von diesem prägenden Erlebnis erzählt Hölldobler, 77, in seinem Büro an der Arizona State University. Er sitzt an seinem Schreibtisch, drahtig, mit kurzärmligem Hemd, einem Vollbart und wachen blauen Augen – er wirkt wie ein Naturbursche, der gerade von einer Exkursion im Bayerischen Wald oder in der Wüste zurückgekommen ist.

Heute ist der Wissenschaftler, der seit 1973 mit der Alexander von Humboldt-Stiftung verbunden ist, einer der weltweit führenden Experten in der Erforschung von Ameisengesellschaften. Er hat ihr komplexes Sozialleben erhellt und gemeinsam mit Edward O. Wilson, dem Popstar der amerikanischen Evolutionsbiologie während seiner Zeit an der Harvard University 1990 das Standardwerk „The Ants“ veröffentlicht, für das sie den Pulitzerpreis erhielten. An der School of Life Sciences der Arizona State University hat Hölldobler in den letzten Jahren zusammen mit dem Bienengenetiker Robert Page eine internationale Forschergruppe aufgebaut, die sich mit dem komplexen Sozialverhalten der Bienen, Ameisen und Termiten beschäftigt.

Der Kurzflügelkäfer ist völlig in die Wirtsameisengesellschaft integriert.
Der Kurzflügelkäfer Lomechusa
strumosa
ist völlig in die Wirts-
ameisengesellschaft, hier
Formica sanguinea, integriert.
Auf dieser Abbildung wird ein
Lomechusa-Käfer von einer Arbei-
terin gefüttert, während er gleich-
zeitig eine andere Arbeiterin mit
einem Sekret aus einer Drüse in
der Spitze des Hinterleibs be-
schwichtigt.

Foto: Bert Hölldobler

Käfer, die sich wie Ameisen benehmen

Wissenschaftlich kreuzten Ameisen Hölldoblers Weg erstmals als Student, als er herausfand, dass Rossameisen im hohen Norden Europas eine ungewöhnliche Geschlechtstiervorratswirtschaft betreiben: Die Männchen und die weiblichen Geschlechtstiere werden ein Jahr vor dem Paarungsflug produziert. Und da es ökonomisch sehr belastend wäre, wenn die Männchen über Monate nur Futter empfangen würden, zeigen sie ein erstaunlich ausgeprägtes soziales Verhalten und helfen beispielsweise bei der Brutpflege. Das steht ganz im Gegensatz zu der großen Mehrheit der Ameisenarten: In dem Jahr, in dem sie geboren werden, schwärmen die Männchen als „Spermaraketen“ aus, wie Hölldobler sagt, paaren sich, wenn sie Glück haben, mit einer künftigen Königin – und verscheiden.

Früh gelangen Hölldobler aufsehenerregende Arbeiten. So war lange bekannt, dass in den Ameisenkolonien andere Insekten als soziale Parasiten leben, zum Beispiel Kurzflügelkäfer. Die Käferlarven werden von den Ameisen aufgezogen und die adulten Käfer von den Ameisen ernährt und beschützt. Hölldobler wollte herausfinden, wie das möglich ist, denn die Ameisen sind bekannt dafür, Eindringlinge zu jagen und zu fressen. Dabei konnte er nachweisen, dass im Laufe der Evolution die parasitischen Käfer den Kommunikationscode der Ameisen entschlüsselt haben und ihn so effektiv nachahmen, dass die Ameisen sie besser füttern und pflegen als ihre eigenen Larven und Nestgenossinnen. Diese Arbeiten erschienen unter anderem in dem renommierten Wissenschaftsjournal „Science“ – ein erster Höhepunkt in Hölldoblers junger Karriere. Viele weitere Arbeiten zur chemischen Kommunikation der Ameisen folgten.

Bert Hölldobler bei der Freilandarbeit in Arizona. Hier filmt er die territorialen Turniere der Honigtopfameisen.
Bert Hölldobler bei der Freiland-
arbeit in Arizona. Hier filmt er die
territorialen Turniere der Honigtopf-
ameisen.

Foto: Turid Hölldobler-Forsyth

Die Leistung trug Früchte – im Herbst 1969 nahm er die Einladung an, ein Forschungsjahr an der Harvard University zu verbringen. Die Forschungen dort liefen so erfolgreich, dass aus dem einen Jahr zwei wurden. Die amerikanische Universität war eine Offenbarung für ihn. Nach ewigen Sitzungen mit sinnlosen Geschäftsordnungsanträgen, die den Universitätsbetrieb in Frankfurt nahezu vollständig blockierten, kam er nach Cambridge, USA. Dort konnte er nicht nur ohne bürokratische Barrieren forschen, er fand ein höchst stimulierendes Umfeld vor. Er knüpfte enge wissenschaftliche Kontakte mit Edward O. Wilson und mit dem 1991 verstorbenen Insektenphysiologen Carroll M. Williams und seiner Gruppe. Zudem hörte er Vorlesungen des damaligen großen alten Mannes der Evolutionsbiologie, Ernst Mayr, der über die Jahre zu einem väterlichen Freund wurde. Während seines Forschungsaufenthalts an der Harvard University erhielt er eines Tages die Nachricht, dass man ihn in Frankfurt zum Professor für Zoologie ernannt hatte, obwohl er sich gar nicht beworben hatte. Und so kehrte er nach Frankfurt zurück, ein Schritt, den er allerdings bald bereute.

Flucht vor den Frankfurter 68ern

Denn dort erlebte er die Nachwehen der 68er-Revolution. So liberal Hölldobler auch eingestellt ist, musste er doch unter anderem mit ansehen, wie sein Lehrer Lindauer während Vorlesungen mit Papierfliegern und Kügelchen beschossen wurde. Deshalb dachte er bald daran, Frankfurt wieder zu verlassen. Als die Cornell University und kurz darauf Harvard ihm 1972 eine Fullprofessur anboten, sagte er Harvard zu.

Blick in eine Nestkammer, in der die Honigtöpfe von Myrmecocystus mimicus von der Decke hängend aufgereiht sind.
Blick in eine Nestkammer, in der
die Honigtöpfe von Myrmecocystus
mimicus
von der Decke hängend auf-
gereiht sind.

Foto: Bert Hölldobler

In seine Zeit an der Harvard University fällt auch der Beginn Hölldoblers Verbindung mit der Alexander von Humboldt-Stiftung, für die er als einer der Fachgutachter für das neue Humboldt-Forschungspreisprogramm der Stiftung tätig wurde. Später, im Jahr 1987, erhielt er selbst den Humboldt-Forschungspreis. Als er schließlich im Herbst 1989 als Leiter des neu konzipierten Lehrstuhls Verhaltensphysiologie und Soziobiologie nach Würzburg wechselte, wurde er Mitglied des Auswahlausschusses für diesen Preis, dem er zehn Jahre lang angehörte. „Das war eine schöne Aufgabe, denn viele exzellente Wissenschaftler wurden über dieses Programm aus dem Ausland zu einem Forschungsaufenthalt nach Deutschland eingeladen.“

Der Gang nach Würzburg war nicht nur dem Heimweh geschuldet. Trotz der guten Versorgung mit Grants der National Science Foundation konnte Hölldobler in den USA keine große interdisziplinäre Arbeitsgruppe mit Genetikern und Neurobiologen aufbauen. In dem neu gegründeten Biozentrum in Würzburg dagegen schlossen sich die biologischen Disziplinen aus drei Fakultäten zusammen. Das sagte Hölldobler zu – und dass er zudem 1990 noch den Leibniz-Preis erhielt, „das war eine richtige Bonanza“, wie Hölldobler es nennt. Viele Gastforscher aus dem In- und Ausland konnten nach Würzburg eingeladen werden, auch mit Unterstützung der Humboldt-Stiftung.

Rituelle Kämpfe statt Blutvergießen

Territorialkämpfe bei den afrikanischen Weberameisen. Die beim Kampf ums Leben gekommenen Feinde und Nestgenossinnen werden gleichermaßen in das Nest transportiert und dort als Futter verwertet.
Territorialkämpfe bei den afri-
kanischen Weberameisen. Die beim
Kampf ums Leben gekommenen
Feinde und Nestgenossinnen werden
gleichermaßen in das Nest trans-
portiert und dort als Futter verwertet.

Foto: Bert Hölldobler

Auch jetzt, in Arizona, ist Hölldoblers Forschung längst nicht am Ende – dort vertieft er mit Kollegen verschiedenster Disziplinen seine Forschung der Evolution sozialer Insekten. Unter anderem untersucht der Myrmekologe das Aggressionsverhalten von Ameisen. Ein besonderes Beispiel ist die Honigtopfameise. Arbeiterinnen benachbarter Kolonien tragen rituelle Schaukämpfe aus, bei denen sie mit hoch erhobenen Köpfen und Hinterleibern gestelzt umherlaufen. In diesem Punkt unterscheiden sie sich gar nicht von anderen Tierarten. Gruppen von Baumhöpfen etwa, eine in Afrika vorkommende Vogelart, liefern sich mit anderen Verbänden Rufwettbewerbe – es gewinnt jener, der am längsten und lautesten schreit. Und auch Ureinwohner Neuguineas sind für solche Schaukämpfe bekannt, bei denen in der Regel kein Tropfen Blut fließt. Das Ziel ist, sich gegenseitig die Kampfesstärke zu demonstrieren.

Die Forschung geht also weiter, aber Hölldobler ist auch rückblickend durchaus zufrieden. Er zählt weltweit zu den Koryphäen in seinem Fach. Etliche seiner ehemaligen Mitarbeiter haben ihrerseits wichtige Forschungsbeiträge geleistet und sind heute weltweit bekannte Professoren. Und nicht zuletzt ist es ihm ein Anliegen und über die Jahrzehnte auch gelungen, seine Wissenschaft einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln. Das gelingt ihm nicht zuletzt wieder in einem Buch, das jüngst auf Deutsch erschienen ist: „Auf den Spuren der Ameisen“.

aus Humboldt Kosmos 100/2013