Humboldtianer persönlich

Ich beim Dreh in Berkeley

Von Olga Holtz, aufgezeichnet von Lilo Berg

Auf dem Foto sieht es so aus, als würde ich mein Team herumdirigieren. Aber das war gar nicht nötig. Von Anfang an gab es ein intuitives Einverständnis, vor allem mit meinem Produzenten Petr Sweezer-Jankular (am rechten Bildrand) und dem Kameramann William Green (hier leider nur von hinten zu sehen). In vier Tagen haben wir „The Zahir“ gedreht, einen 18-Minuten-Spielfilm nach meinem Drehbuch und unter meiner Regie. Schauplatz ist der Campus in Berkeley, wo ich normalerweise als Mathematikprofessorin unterwegs bin.

Foto: Hamid Shafie Zadeh
Foto: Hamid Shafie Zadeh

„The Zahir“ ist mein erster Film. Zu Hause in Tscheljabinsk habe ich schon als kleines Mädchen vom Filmemachen geträumt, die Mathe-Begeisterung kam erst später. Dann ergab sich in Berkeley plötzlich die Gelegenheit, nebenher eine Regie-Ausbildung zu machen. Das Skript hatte ich schon geschrieben und auf der Bank lagen ein paar Tausend Dollar Startkapital. Die Junge Akademie in Berlin gab etwas dazu, der Rest kam über Crowdfunding herein. Mit 35.000 Dollar ist „The Zahir“ ein echter Low-Budget-Film.

Inspiriert hat mich die gleichnamige Kurzgeschichte des argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges von 1949. Es geht darin um magische Personen und Dinge, die in Menschen eine Besessenheit auslösen, von der sie nicht mehr loskommen. Mein Drehbuch erzählt eine Geschichte, die im akademischen Milieu spielt. Die Grundidee ist die gleiche wie bei Borges: Nur wenn wir für etwas brennen, öffnen sich uns neue Welten. „The Zahir“ ist eine Metapher für dieses Feuer, die Sehnsucht nach tiefer Erkenntnis.

Manchmal werde ich gefragt, ob ich die Mathematik jetzt gegen das Filmgeschäft eintausche. „Warum sollte ich?“, frage ich dann zurück. „Meine Forschung läuft doch gerade hervorragend.“ Mit meiner Gruppe in Berkeley habe ich Algorithmen entwickelt, die es erlauben, Supercomputer energiesparender zu betreiben. Google war schon bei uns und auch andere Unternehmen haben Interesse gezeigt.

„The Zahir“ reichen wir jetzt bei internationalen Festivals ein, auch bei der Berlinale. Mit einigem Glück kommt er bald in die Kinos. Dann können wir vielleicht genug Geld einspielen, um den nächsten Film zu produzieren, eine dunkle Liebesgeschichte. Das Drehbuch liegt schon in meiner Schublade.

aus Humboldt Kosmos 101/2013
Die Mathematikprofessorin Olga Holtz pendelt im Halbjahrestakt zwischen der Technischen Universität Berlin und der University of California, Berkeley, USA. Der Sofja Kovalevskaja-Preis brachte sie im Jahr 2006 nach Deutschland.