Humboldtianer persönlich

Professor Tweet

Von Eric Jarosinski, aufgezeichnet von Georg Scholl (Foto: Humboldt-Stiftung / Harry Schnitger )

Es begann als Flucht vor einer Schreibblockade mit ein paar auf Twitter hingestreuten Spielereien zur deutschen Sprache. Sie sollten mich ablenken von diesem akademischen Wälzer, mit dem ich einfach nicht weiterkam. Heute, rund 33 000 Tweets später, ist das Buch, an dem ich arbeitete, immer noch nicht fertig. Aber die Schreibblockade ist weg, mein Twittersymbol (der etwas grimmig dreinschauende Herr mit dem Monokel) ist eine Internetberühmtheit und ich selbst bin zu meiner Verblüffung ein häufiger Gast in den deutschen Feuilletons.

Liebhaber der Frankfurter Schule haben ihn sicher längst erkannt, den deutschen Philosophen Theodor W. Adorno. Er ist der fiktive Herausgeber von „NeinQuarterly: A Compendium of Utopian Negation”. Unter diesem Twitterprofil schreibe ich jeden Tag Aphorismen, Witze und Kommentare zum Weltgeschehen. Meist auf Englisch, oft auf Deutsch oder in einem Mix aus beiden Sprachen, etwa: „When in doubt, Umlaut.“, „German Angst. Accept no substitutes.“, „German. 50 Shades of the.“, „Hegel, Žižek and Stalin walk into a bar. Hegel orders nothing. Žižek orders the same, but a double. Stalin orders them shot.“

Über 80 000 Follower (Adorno würde sagen: Leser) teilen meine Vorliebe für den unernsten Umgang mit der deutschen Sprache und der Philosophie. Selbst wenn sie gar kein Deutsch sprechen und vielleicht noch niemals hierzulande waren – denn meine Follower sitzen überall auf der Welt. Wer hätte gedacht, dass das deutsche Lieblingswort „Nein“ und ein Adorno-Konterfei mit Monokel so populär werden könnten! Erstaunt hierüber war nicht nur ich. Plötzlich sprangen die Medien auf meine Story an. Vom Spiegel über die Frankfurter Allgemeine Zeitung bis zur Neuen Zürcher Zeitung – alle berichteten über das Phänomen NeinQuarterly.

Es war gleichzeitig der Beginn meiner Karriere als Printautor. Mein Büro an der Uni habe ich kürzlich für immer geräumt. Nun schreibe ich eine wöchentliche Kolumne für DIE ZEIT und hin und wieder Beiträge für andere Blätter. Ein Blog und andere Projekte sind geplant. Was sich so einfach liest, ist in Wirklichkeit hartes Brot. Dennoch bin ich froh über meine Entscheidung und meine Online-Verwandlung vom Schreibgehemmten in einen Autor. Solche Geschichten schreibt bekanntlich das Leben. Mal sehen, wie sie endet.

aus Humboldt Kosmos 102/2014

Dr. Eric Jarosinski twittert unter dem Namen NeinQuarterly. Bis vor Kurzem war er Assistenzprofessor für Literaturwissenschaft an der University of Pennsylvania, Philadelphia, USA. Ein Bundeskanzler-Stipendium der Humboldt-Stiftung brachte ihn 2002 nach Berlin.