Humboldtianer persönlich

Ich beim Wahlkampf

Von Remi Sonaiya, aufgezeichnet von Teresa Havlicek

Das Bild zeigt mich mitten im Wahlkampf in Nigeria, wo ich im Frühjahr als Präsidentin kandidiert habe. Wir haben eine Roadshow durch Ile-Ife gemacht, wo ich lebe, vom General Hospital bis zu den Toren der Universität.

Ayodeji Fawole
Foto: Ayodeji Fawole

Bei uns in Nigeria geben die großen Parteien im Wahlkampf Unmengen an Geld aus. Sie mieten mitunter ganze Stadien mit riesigen Bühnen und Platz für Tausende von Menschen. Meine Partei, die KOWA-Partei, ist klein. Wir haben für so etwas gar kein Geld. Und selbst wenn wir es hätten, ich würde es dafür nicht ausgeben wollen.

Nigeria ist ein Entwicklungsland, es gibt so viele Dinge, für die wir dringender Geld brauchen. Da sind riesige Wahlkampf-Events reine Verschwendung. Für unsere Roadshow hat uns ein Truck genügt. Über die Lautsprecher lief mein Wahlkampf-Jingle, den meine Tochter komponiert hat. Mit dem Mikrofon habe ich den Leuten unser Wahlprogramm vorgestellt. Ich wollte, dass mich die Menschen dort erleben können, wo sie ihren Alltag verbringen: auf den öffentlichen Plätzen, bei den Geschäften, in denen sie einkaufen und arbeiten, vor den Häusern, in denen sie wohnen. Die Leute kannten mich bis dahin ja nur von Plakaten.

Der Polizist im Bild war zu unserem Schutz dabei: Bei Wahlen kann es in Nigeria immer zu Gewalt kommen, öffentliche Kampagnen werden deshalb von der Polizei begleitet. Glücklicherweise hat es bei unserem Wahlkampf aber keine Ausschreitungen gegeben. Dass ich am Ende nicht gewonnen habe, bereitet mir wenig Kopfzerbrechen. Ehrlich gesagt: Mir war die Reise viel wichtiger als das Ziel. Ich habe insgesamt 13 706 Stimmen bekommen. Was zählt, ist, dass diese Stimmen aus dem ganzen Land kamen, aus allen 36 Bundesstaaten. Bei mir melden sich heute noch Menschen und bedanken sich, dass ich kandidiert und damit die Demokratie in unserem Land vorangebracht habe, besonders was die Partizipation von Frauen angeht.

Von der politischen Bildfläche werde ich jetzt keinesfalls verschwinden. Solange es daran zu arbeiten gibt, dass sich Nigeria zu mehr Modernität und mehr sozialer Gerechtigkeit wandelt, bin ich dabei. Und wer weiß? Schauen Sie sich unseren jetzigen, neuen Präsidenten Muhammadu Buhari an: Er hat im Frühjahr zum vierten Mal kandidiert. Das könnte doch ein gutes Beispiel sein.

aus Humboldt Kosmos 104/2015

Remi Sonaiya ist Professorin für Französische Literatur und Linguistik im Ruhestand. Als Humboldt-Forschungsstipendiatin war sie mehrfach in Deutschland, unter anderem an der Universität Mainz. Von 2008 bis 2014 war sie Vertrauenswissenschaftlerin der Humboldt-Stiftung in Nigeria. Dort kandidierte sie 2015 bei der Präsidentschaftswahl als einzige Frau neben 13 Männern.