Humboldtianer im Fokus

Albaniens vergessener Exportschlager

Von Dhimitër Doka

Ob Salbei, Gelber Enzian oder Rosmarin – Albanien ist ein wichtiger Spieler auf dem europäischen Markt für Heilkräuter und Gewürze. Doch das ärmste Land Europas könnte viel mehr aus seinem grünen Reichtum machen, wie eine albanisch-deutsche Forschungsstudie zeigt.

Es sind meist Frauen und Kinder, die in abgelegenen, unzugänglichen Gebieten einen der wichtigsten Exportartikel Albaniens sammeln. In mühevoller Kleinarbeit und für einen bescheidenen Verdienst bücken sie sich nach einzelnen Blättern, Blüten oder Wurzeln. Sie suchen wild wachsende Heilpflanzen. Das, was sie finden, wird über etliche Zwischenstationen dem Weltmarkt zugeführt. Die Ausbeute der Sammler ist gefragt. Sei es für die Produktion von Nahrungsmitteln, Gewürzen, Essenzen, Tees, aromatischen und kosmetischen Produkten oder für verschiedene medizinische Zwecke im In- und vor allem im Ausland.

Albanien ist der weltweit größte Exporteur von Salbei und einer der wichtigsten Exporteure von Heilpflanzen innerhalb Europas. Immer noch, muss man sagen. Denn seit der Wende 1990 und der zunehmenden Privatisierung, Konkurrenz und Migration schrumpft die Heilpflanzenwirtschaft . In der kommunistischen Zeit erwirtschaftete Albanien jedes Jahr etwa 50 Millionen US Dollar durch den Export von Heilpflanzen und beschäftigte in diesem Wirtschaftssektor etwa 100 000 Personen. Heute exportiert Albanien nur noch etwa 8 000 Tonnen Heilpflanzen im Wert von rund 15 Millionen Euro pro Jahr.

Im Korabgebirge werden wild wachsende Primeln ausgegraben. Systematischer Anbau könnte Übersammlung verhindern.
Im Korabgebirge werden wild
wachsende Primeln ausgegraben.
Systematischer Anbau könnte
Übersammlung verhindern.
Foto: privat

Dabei könnte der grüne Exportschlager die insbesondere in der Peripherie des Landes prekäre Wirtschaftslage lindern helfen und einen weiteren Niedergang aufhalten. Gerade in den wenig entwickelten Bergregionen Albaniens ist die Abwanderung der Bevölkerung, insbesondere der Jüngeren, weit verbreitet. Die verbliebenen Einwohner haben wenige Möglichkeiten, ein Einkommen zu erwirtschaften. Neben dem Anbau von landwirtschaftlichen Produkten wie Kartoffeln, Mais und Obst sowie der Viehwirtschaft ist die Sammelwirtschaft eine der wenigen weiteren Möglichkeiten zur Aufbesserung des Familieneinkommens.

Die Frage ist, wie sich das Potenzial dieses Wirtschaftszweigs ausschöpfen lässt und die Entwicklung der Region gefördert werden kann. Gemeinsam mit Partnern in Deutschland und Albanien hat der Autor eine Studie hierzu durchgeführt. Viele Daten wurden hierbei erstmals erfasst. Es gibt rund zehn albanische Firmen, die sich mit der Ausfuhr von Heilpflanzen beschäftigen. Sie exportieren in mehr als elf Länder. Zu den wichtigsten Handelspartnern zählen Deutschland und die USA. Deutschland nimmt die erste Stelle ein und importiert jedes Jahr etwa 2 500 Tonnen Heilpflanzen aus Albanien; in die USA an zweiter Stelle gehen etwa 1 300 Tonnen. Es folgen Italien, die Türkei und Frankreich.

Verkannter Wirtschaftszweig

Würden die Pflanzen in Kulturen angebaut, statt wie bislang wild gesammelt, könnte der Ertrag bis zu sechs Mal höher sein. In diesem Fall könnte der Heilpflanzenhandel für viele Regionen des Landes als ein Entwicklungsmotor dienen. Nötig wäre auch eine Änderung der Einstellung. Bislang wird die Wildsammlung von Heilpflanzen in der Region eher als eine Möglichkeit zur Überwindung einer kurzfristigen Notlage und weniger als tragfähiger Wirtschaftszweig betrachtet. Umweltschäden, abnehmende Qualität wegen Übersammlung und der Rückgang einzelner Heilpflanzenarten sind weitere Probleme.

Die albanischen Exportfirmen sind relativ jung und klein. Ihr Ziel ist der Anbau von Heilpflanzen und die Bearbeitung der Pflanzen vor ihrem Export. Doch um ausreichend in den Heilpflanzenhandel zu investieren, fehlt das Kapital. Meist sind die Firmen daher nur Zwischenstationen für den Export der Waren ins Ausland. Die Einhaltung internationaler Qualitätsnormen wird hierdurch ebenso erschwert wie dadurch, dass die albanischen Firmen über keine Bio-Zertifikate verfügen.

Das Entwicklungspotenzial der Heilpflanzenwirtschaft ist trotz der skizzierten Probleme groß. Vom Heilpflanzenexport könnten sowohl die Bauern als auch die Unternehmen in den Sammelgebieten vor Ort – und damit das Land insgesamt – profitieren. Dazu müsste allerdings eine klare Strategie für die zukünftige Entwicklung geschaffen werden. Verantwortlich dafür sollten vor allem das Umweltministerium beziehungsweise dessen Repräsentanten in den Regionen des Landes sein. Außerdem müssten die Behörden klar die Sammelgebiete und die Heilpflanzarten nach ihren Werten definieren. Sie müssten auch Statistiken über die Mengen, Preise und Unternehmer erstellen. 

Eine solche Grundlage einer Kontrolle hinsichtlich Qualität und Nachhaltigkeit fehlt bis heute. Darüber hinaus wäre es sehr wichtig, die Gründung und Inbetriebnahme eines Forschungszentrums zu initiieren, das sich mit dem Thema Heilpflanzen in Albanien beschäftigt. So könnte es gelingen, die albanische Pflanzenwelt und ihre etwa 3 200 verschiedenen Heilpflanzarten, von den bislang 350 Arten exportiert werden, besser zu nutzen und dafür zu sorgen, dass Albanien seine Stellung als wichtiges Exportland ausbaut.


Beitrag kommentieren

Wenn Sie Humboldtianer sind und sich eingeloggt haben, können Sie diesen Beitrag oder die Kommentare andere Humboldtianer kommentieren. (Bitte lesen Sie zunächst den Kommentarleitfaden)

Kommentarleitfaden

Humboldtianer haben nach dem Login die Möglichkeit, sich mit den Beiträgen des Humboldt Kosmos auseinanderzusetzen und eigene Kommentare von bis zu 1.000 Zeichen Länge in deutscher und englischer Sprache zu veröffentlichen. Im Falle der Veröffentlichung erscheint Ihr Kommentar unter Ihrem Namen.

Jeder Kommentar wird von der Redaktion geprüft und schnellstmöglich veröffentlicht, es sei denn es bestehen hiergegen rechtliche oder inhaltliche Bedenken. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nötigenfalls zu kürzen und zu bearbeiten. Bitte bedenken Sie, dass veröffentlichte Kommentare von jedermann im Internet eingesehen und von Suchmaschinen aufgefunden werden können.

Dhimitër Doka Dhimitër Doka

Prof. Dr. Dhimitër Doka lehrt Geografie an der Universität Tirana, Albanien. Als Georg Forster-Forschungsstipendiat war er an den Universitäten Potsdam und Bamberg.

Deutsch-albanische Zusammenarbeit

Obwohl Albanien mit rund 29 000 Quadratkilometern klein ist, bietet es eine vielfältige Pflanzenwelt. Sammelgebiete sind in der Regel Berggebiete bis 1 700 Meter Höhe, welche der Forstverwaltung des Landes unterstehen. Die Reliefformen, das Klima, die Böden und der Verzicht auf chemische Mittel, machen die gute Qualität der Pflanzen aus. Zu den Exportschlagern gehören etwa Salbei, Rosmarin oder Gelber Enzian.

Einige deutsche Firmen, die auf die Herstellung von Kräutertees, Pflanzenextrakten oder Gewürzkräutermischungen spezialisiert sind, importieren aus Albanien einen großen Teil ihrer Rohstoffe. Geografen der Universität Tirana haben nun gemeinsam mit der deutschen Firma Kräuter Mix aus Abtswind eine Studie zur Heilpflanzenwirtschaft in Albanien durchgeführt. Ihr Kern ist eine empirische Feldstudie, bei der im Sommer 2007 verschiedene Gruppen und Einrichtungen in der Bergregion um Peshkopia im Nordosten Albaniens befragt wurden. An der Feldstudie waren sechs Studenten und zwei Professoren der Universität Tirana beteiligt sowie Vertreter der deutschen Partner. Insgesamt konnten 80 Interviews mit Sammlern, fünf mit Unternehmern und Chefkollektoren und zehn mit heilkundigen Frauen sowie fünf Gespräche mit Lokalvertretern durchgeführt werden. Die Studie wird in der Zeitschrift für Arznei- und Gewürzpflanzen erscheinen (www.zag-info.de).

Diesen Artikel bookmarken: