Humboldtianer im Fokus

Die heimliche Nummer eins

Von Lars Krogmann

Kaum jemand kennt sie, und doch würde die Erzwespe bei einem Wettbewerb um Schönheit, Vielseitigkeit und evolutionären Erfolg im Insektenreich auf einem der ersten Plätze landen. Und ganz nebenbei leistet sie einen wichtigen Beitrag zum Naturschutz.

Eben hat die Schmetterlingsraupe noch friedlich an einem Eichenblatt gefressen, da landet plötzlich eine winzige Wespe direkt auf ihrem Rücken. Noch bevor die Raupe den ungebetenen Gast durch heftige Seitwärtsbewegungen abschütteln kann, verspürt sie einen Stich. Die Raupe kann nicht ahnen, dass dies ihr Todesurteil war. Die parasitische Wespe hat bereits mehrere Eier in der Innere der Raupe abgelegt; nach wenigen Tagen schlüpfen daraus winzige Larven. Diese fressen ununterbrochen am Wirtsgewebe und höhlen ihren Wirt langsam von innen aus, wobei sie zunächst die lebenswichtigen Organe schonen. Die Raupe wird langsam schwächer und schwächer, bis sie schließlich nach qualvollen Tagen jämmerlich zugrunde geht.

Zwei Wochen später ist von der Raupe nur noch eine eingetrocknete Hülle übrig geblieben, aus der nun kleine gelbe Larven kriechen. Diese verpuppen sich in unmittelbarer Nähe ihres Wirts, und nach drei weiteren Wochen schlüpfen zahlreiche grün schillernde Wespen aus ihren Puppenhüllen.

Häufiger Bewohner von Gärten und Parks: die Erzwespe.
Häufiger Bewohner von Gärten
und Parks. Diese Erzwespe
(Cecidostiba semifascia) legt
ihre Eier in die Larven
von anderen Wespenarten.
Foto: privat

Was wie eine Szene aus einem Horrorfilm klingt, spielt sich täglich milliardenfach überall auf unserem Planeten ab. Erzwespen dominieren alle Lebensräume zu Land, und so mancher Großstädter wäre überrascht über den Artenreichtum an Erzwespen in seinem Garten.

Juwelen im Insektenreich

Würden im Tierreich Preise für evolutionären Erfolg, Schönheit, Artenreichtum oder Vielseitigkeit verliehen, hätten Erzwespen in all diesen Kategorien beste Aussichten auf den ersten Platz. Erzwespen haben eine metallisch glänzende Körperoberfläche, die ihnen im Englischen den Namen „jewel wasps“ eingebracht hat. Diese „Juwelen im Insektenreich“ gehören zu den größten Naturschätzen unseres Planeten. Ihre Lebensweise ist ihr Kapital. Fast alle Erzwespen leben als Larven parasitisch in den Ei-, Larven- oder Puppenstadien anderer Insekten und bringen ihren Wirt im Laufe ihrer Entwicklung um. Dies klingt grausam, ist aber ein entscheidender Regulationsmechanismus im Naturhaushalt. Ohne parasitische Wespen würden sich alle anderen, zumeist vegetarisch lebenden Insektenarten explosionsartig vermehren.

In der Folge wären die meisten Landpflanzen binnen einer Vegetationsperiode kahl gefressen und vernichtet. Etwa 22 000 Erzwespenarten sind der Wissenschaft bislang bekannt geworden, vermutlich nur ein Bruchteil der tatsächlichen Artenzahl. Etwa 800 dieser Arten wurden bisher vom Menschen mehr oder weniger erfolgreich im biologischen Pflanzen- und Vorratsschutz als Gegenspieler von Schadinsekten eingesetzt. Die Vorteile liegen auf der Hand: geringere Ernteausfälle und Einsparung von Insektiziden und deren Folgeschäden. Für den erfolgreichen Einsatz ist aber die korrekte Bestimmung der Erzwespenarten entscheidend. Nah verwandte Arten können dem Nützling zum Verwechseln ähnlich sehen, sich aber auf eine andere Insektenart spezialisiert haben, sodass der eigentliche Schädling davonkommt und nicht parasitiert wird. Auch der Einsatzort kann entscheidend sein. So gibt es zwei Erzwespenarten, die beide die Larven des Kornkäfers befallen – ein gefürchteter Vorratsschädling. Doch nur eine der beiden Arten eignet sich optimal für den Einsatz in Getreidelagern, wie die aktuelle Forschung zeigt.

„Ohne parasitische Wespen würden sich alle anderen, zumeist vegetarisch lebenden Insektenarten explosionsartig vermehren."

Auch der Einsatz von Nützlingen gegen eingeschleppte Schädlinge in anderen Ländern ist nicht unproblematisch. Die neu eingeführten Nützlinge könnten nicht nur den Schädling, sondern auch nah verwandte einheimische Arten befallen – mit unabsehbaren Folgen für das Ökosystem. Dies ist zum Beispiel gut dokumentiert im Fall einer Brackwespe, die in Neuseeland eigentlich nur zur biologischen Schädlingsbekämpfung gegen zwei Luzerne fressende Käferarten eingeführt wurde: Die Brackwespe befiel nicht nur diese Schädlinge, sondern auch insgesamt 13 weitere einheimische Käferarten.

Erzwespe unter dem Rasterelektronen-Mikroskop.
Erzwespe (Gonatocerus morrilli)
unter dem Rasterelektronen-Mikroskop

Foto: privat

Für den erfolgreichen Einsatz parasitischer Schädlingsbekämpfer ist also die genaue Kenntnis der Biologie und der Taxonomie, also der auf Verwandtschaftsbeziehungen beruhenden Klassifikation der Arten, entscheidend. Doch gerade dies ist nicht so einfach, wie man denken könnte: Erzwespen sind durchschnittlich nur einen bis zwei Millimeter groß und unterscheiden sich nur in kleinsten Details, wie etwa der Form und Länge ihres Halsschildes oder der Oberflächenstrukturierung ihrer Cuticula.

Wissenschaftlicher Nachwuchs gesucht!

Die schwierige Bestimmbarkeit ist nicht das einzige Problem. Weltweit gibt es überhaupt nur eine Handvoll Taxonomen, die sich mit Erzwespen beschäftigen. Sie sind meist an Naturkundemuseen beschäftigt. Da es zudem immer weniger Stellen für Taxonomen gibt, droht der wissenschaftliche Nachwuchs irgendwann auszubleiben. Dabei gibt es noch viele neue Arten zu entdecken und zu klären, warum sich gerade innerhalb der Familie der Erzwespen im Laufe der Evolution so viele verschiedene Lebensweisen entwickelt haben. So beschreiben der Autor und ein amerikanischer Kollege gerade eine besonders spektakuläre neue Art aus dem thailändischen Regenwald. Mit fast vier Zentimetern Länge handelt es sich dabei um die größte jemals gefundene Erzwespenart. Ihre Opfer sind vermutlich die Larven von Holz bewohnenden Käfern.

Die Wechselbeziehungen zwischen den schier unzähligen Parasiten, Wirten und Pflanzen sind Jahrmillionen alt – ein komplexes Wirkungsgefüge, das erst dann gestört wird, wenn der Mensch zum Beispiel durch die Anlage von Monokulturen eingreift. Nützlinge und Schädlinge sind in der modernen Agrarlandschaft daher gewissermaßen vom Menschen selbst gemacht. Ihr kontrollierter Einsatz beziehungsweise ihre Bekämpfung gehören zu den großen Herausforderungen biologischer Forschung.


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Lars Krogmann Lars Krogmann

Dr. Lars Krogmann ist Entomologe und Kurator für Hautflügler in der entomologischen Abteilung des Staatlichen Museums für Naturkunde Stuttgart. Als Feodor Lynen-Forschungsstipendiat arbeitete er von Januar 2007 bis März 2008 an der Universität von Adelaide in Australien.

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