Humboldtianer im Fokus

Die großen Fragen

Von Kilian Kirchgeßner

Was Forscher umtreibt und woran sie derzeit arbeiten: Wir haben ihnen über die Schulter geschaut – und erstaunliche Antworten gefunden.

Warum ist Aachen besser als New York?

David DiVincenzo
David DiVincenzo
Foto: Thomas Meyer / Ostkreuz 

Diesen einen Satz bekommt David DiVincenzo immer noch von Freunden zugerufen: „Hey David“, sagen sie zu ihm, „wie man hört, bist du zu einem Sabbatical in Deutschland!“ Nein, erklärt er dann geduldig: In Aachen ist er nicht für eine kurze Auszeit, sondern für seine Forschung – und vor allem dauerhaft. Aus New York City ist er weggezogen, jetzt arbeitet er eben hier und forscht über die Zukunft der Computer. Als einer der ersten Physiker überhaupt hat sich DiVincenzo schon in den 80er-Jahren mit der Quanteninformatik beschäftigt, in Deutschland stellt er jetzt eine Mannschaft mit den profiliertesten Experten auf dem Gebiet zusammen. Ihr Ziel ist ein Quantencomputer – ein Rechner, dessen Funktionsprinzip völlig anders ist als das heutiger Computer. Mit ihm könnte man Berechnungen vornehmen, die so komplex sind, dass alle bisherigen Rechner an ihnen scheitern. Und warum gerade in Aachen? „Die Bedingungen für die Grundlagenforschung sind hier ideal“, sagt er. Sowohl die Universität als auch das nahegelegene Forschungszentrum Jülich seien bestens ausgestattet – und seine Familie mit ihren europäischen Wurzeln ist begeistert von good old Europe. Und schließlich fängt DiVincenzo doch an zu schmunzeln, wenn er New York und Aachen vergleicht. „In New York habe ich ja auch nicht am Times Square gewohnt“, sagt er dann. In Aachen fehle ihm rein gar nichts – „nur manchmal denke ich: Diese Internationalität, die ist dann doch in New York ein bisschen mehr zu spüren!“

  • Prof. Dr. David DiVincenzo gilt als ein Pionier der Quantencomputer. Diese Hightech-Geräte, die derzeit noch in der Entwicklungsphase stecken, sollen wesentlich leistungsfähiger als herkömmliche Computer werden. Der Amerikaner wurde als Humboldt-Professor an die RWTH Aachen berufen und arbeitet zugleich im Forschungszentrum Jülich. Zuvor forschte er für den Computerhersteller IBM in einem New Yorker Entwicklungslabor.

Kann das Web 2.0 die russische Politik verändern?

Anna Litvinenko
Anna Litvinenko
Foto: Thomas Meyer / Ostkreuz 

Einer ihrer Lieblingsbegriffe ist „Blogosphäre“, ein Wort für jenen Mikrokosmos im Internet, den sich junge Menschen erobert haben. „Die neuen Medien spielen in Russland eine viel größere Rolle als in Deutschland“, sagt Anna Litvinenko. In Blogs, Online-Zeitungen und sozialen Netzwerken umgingen viele Russen die klassischen Medien, die allgemein wenig Vertrauen genießen, und gehen mit den Mächtigen und ihren Machenschaften ins Gericht. Da gibt es etwa den prominenten Juristen, der offen über Korruptionsfälle aufklärt, oder die Online-Zeitung, in der erfahrene Journalisten so unbeeinflusst schreiben können wie kaum anderswo. Hinzu kommen unzählige Blogs und Protestgruppen, die sich im Internet formiert haben. Aber – ändert das auch etwas? Allmählich schon, glaubt Litvinenko: „Natürlich muss erst einmal die Gesellschaft reif sein für offene Diskussionen.“ Dieser Reifeprozess laufe gerade ab. Und die ersten Früchte trägt die russische Kritik-Kultur im Web 2.0 bereits heute: Politiker etwa, glaubt Litvinenko, treten in der Öffentlichkeit weniger selbstherrlich auf – aus Angst davor, dass entlarvende Amateurvideos im Internet landen.

  • Dr. Anna Litvinenko leitet das Deutsch-Russische Zentrum für Journalistik an der St. Petersburger Staatsuniversität und forscht derzeit mit dem Bundeskanzler-Stipendium der Humboldt- Stiftung am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Freien Universität Berlin. Ihr dortiges Thema: „Medien und Politik im modernen Deutschland: Mediendemokratie im Zeitalter des Internets“.

Warum haben Sie geweint, als der Arabische Frühling anbrach?

Wessam Farag Alieldin
Wessam Farag Alieldin
Foto: Thomas Meyer / Ostkreuz 

„Normalerweise betrachte ich in meinem Fach nur abgeschlossene Vergangenheit“, sagt der Historiker Wessam Farag Alieldin. „Aber dass ich einmal selbst den Moment erlebe, in dem Geschichte geschrieben wird – das hätte ich nie gedacht.“ Sein Spezialgebiet ist der arabische Raum; aus den zurückliegenden Jahrzehnten kennt er die vielen vergeblichen Versuche der Bevölkerung, ihre Lebensbedingungen zu verändern. Als jetzt die mächtige Welle der Revolution über seine ägyptische Heimat fegte, liefen ihm in seinem Wohnzimmer die Freudentränen über die Wangen. „Ich kenne viele der Beteiligten. Es waren ja gerade Studenten, die hinter der Revolution standen; die junge Generation, die ich im Hörsaal treffe und die nach der Universität keine Perspektive mehr hatte.“ Auch für seine Arbeit hat Farag in der Revolution neue Impulse bekommen: Er forscht über die islamischen Kräfte im Nahen Osten, deren Methoden und Bedeutung sich derzeit grundlegend ändern. Für diese These hat er im Arabischen Frühling einen eindrucksvollen Beleg gefunden: Die Bewegung ging von der Mittelschicht aus – und eben nicht von religiösen Eiferern.

  • Prof. Dr. Wessam Farag Alieldin lehrt an der ägyptischen Mansoura-Universität. Als Humboldt-Stipendiat kommt der Historiker regelmäßig nach Deutschland, wo er am Zentrum für Religion und Gesellschaft der Universität Bonn forscht. Ein wichtiger Antrieb für seine Arbeit ist der Wille zur Versöhnung: Er ist überzeugt, dass sich die Intellektuellen aus den arabischen Ländern für eine „vernünftige und vorausschauende Transformation“ in der Region einsetzen sollten.

Wie wurden Sie zum Bakterien-Fan?

Samina Mehnaz
Samina Mehnaz
Foto: Thomas Meyer / Ostkreuz 

Als Samina Mehnaz in die Welt der Bakterien eintauchte, war sie eigentlich einem schädlichen Pilz auf der Spur: einem Pilz, der ganze Zuckerrohrplantagen befällt und die Pflanzen von innen austrocknen lässt. Wie kann man die Pflanzen schützen? Die Antwort vermutete die Biologin bei den Bakterien. „Ich habe untersucht, welche Bakterien im Umfeld von Zuckerrohr auftauchen. Die verschiedenen Arten habe ich dann isoliert.“ Ihr Hintergedanke: Alle Bakterien produzieren Substanzen, die der Umgebung entweder schaden oder nützen. Einer dieser Stoffe, da ist sich Mehnaz sicher, wäre das richtige Mittel gegen den rätselhaften Pilz. Diesen Wirkstoff versucht sie derzeit an der Bonner Universität zu identifizieren und zu charakterisieren – und ist auf einem sehr guten Weg. Wenn das Verfahren gelingt, könnte das tonnenweise Fungizide in der Landwirtschaft überflüssig machen. In mehr als 100 Ländern wird Zuckerrohr angebaut, bekannt sind 60 Pflanzenkrankheiten, die solche Plantagen besonders häufig befallen. 40 davon, so Mehnaz, sind Pilze.
Über ihre Forschung hat sich Samina Mehnaz zu einem Bakterien-Fan entwickelt: „Das Erstaunliche an ihnen ist, dass sie alle nötigen Stoffe schon produzieren“, sagt Samina Mehnaz. „Wir müssen nur die richtigen Substanzen finden und ihre Dosis erhöhen, dann können wir viele Probleme lösen.“

  • Prof. Dr. Samina Mehnaz ist Mikrobiologin. Nach Stationen in Kanada, den USA, Belgien und an ihrer Heimat-Universität im pakistanischen Lahore ist sie derzeit mit einem Alexander von Humboldt-Forschungsstipendium an der Universität Bonn. Dort arbeitet sie am Institut für pharmazeutische Biologie.

Ist Holz das Erdöl von morgen?

Roberto Rinaldi
Roberto Rinaldi
Foto: Thomas Meyer / Ostkreuz 

Wenn er vor einem offenen Kamin sitzt, kann Roberto Rinaldi nur für einen Moment die Romantik genießen. „Aber dann denke ich mir immer: Eigentlich kann man das Holz viel effizienter einsetzen, als es einfach so zu verbrennen.“ Daran arbeitet er in seinem Labor: Aus Holz soll Kraftstoff entstehen mit einem höheren Wirkungsgrad als beispielsweise heutiger Biodiesel. Rinaldi hat dafür katalytische Prozesse entwickelt, mit denen Lignin, einer der Hauptbestandteile von Holz, isoliert wird und dann weiterverarbeitet werden kann. Das ist die Grundlage dafür, dass aus dem unhandlichen Brennstoff Holz ein flüssiger Treibstoff entsteht. Schon bald, wenn das Erdöl knapp wird, könnte das eine Schlüsseltechnologie werden – vor allem, weil Roberto Rinaldi mit Holzresten arbeitet. „Wir nutzen Biomüll, den man sonst wegwerfen würde“, sagt er. „Die Verfahren würden sogar auch mit Stroh funktionieren oder anderen Abfallprodukten aus der Landwirtschaft.“ Für Biokraftstoffe müsste man dann nicht mehr spezielle Energie-Pflanzen wie Raps anbauen, die auf den Äckern den Platz für Lebensmittel wegnehmen. Um die politische Bedeutung seines großen Themas weiß er: Viele Industrienationen wollen in den nächsten Jahrzehnten einen beachtlichen Teil des Treibstoffverbrauchs durch Biomasse decken.

  • Dr. Roberto Rinaldi leitet am Mülheimer Max-Planck-Institut für Kohlenforschung eine zehnköpfige Arbeitsgruppe, die sich mit der sogenannten heterogenen Katalyse beschäftigt. Für seine Forschung wurde der brasilianische Chemiker mit dem Sofja Kovalevskaja-Preis der Humboldt-Stiftung ausgezeichnet.

Was hat Ihr Nobelpreis mit Deutschland zu tun?

Mit seiner Negishi-Kupplung ist er unter Chemikern berühmt geworden: Der Japaner Ei-ichi Negishi entdeckte eine Reaktion mit Nickel oder Palladium, die in Labors von heute oft eingesetzt wird – und ihm 2010 den Nobelpreis einbrachte. Mit seinem Lebenslauf ist Negishi ein Paradebeispiel für die Internationalität in der Forschung: Seit Langem schon arbeitet er in den USA, und von 1998 bis 2001 kam er mehrmals mit einem Forschungspreis der Humboldt-Stiftung nach Deutschland. „Es ist inspirierend, mit Kollegen aus unterschiedlichen Ländern zusammenzuarbeiten“, sagt Ei-ichi Negishi. „Von diesem Austausch kamen auch wichtige Impulse für die Forschung, mit der ich schließlich den Nobelpreis gewonnen habe.“ Während seiner Zeit in Deutschland arbeitete er an den Universitäten in Göttingen, Berlin und München; darüber hinaus hielt er Vorlesungen an mehr als einem Dutzend weiterer Orte. So bekam nicht nur er frische Ideen für seine Arbeit, sondern auch seine Kollegen in Deutschland. Besonders beeindruckte ihn die vielfältige urbane Kultur: „Ich liebe diese kleinen, aber vitalen Städte wie Bonn, Heidelberg, Weimar oder Würzburg und halte sie für wahre Zukunftsmodelle, wie lebenswerte Städte auch in anderen Ländern aussehen könnten.“

  • Prof. Dr. Ei-ichi Negishi gewann 2010 den Nobelpreis für Chemie. Nach seinem Studium in Tokio arbeitete der japanische Forscher an einigen der renommiertesten Universitäten in den USA, heute forscht und lehrt er an der Purdue University im amerikanischen Bundesstaat Indiana.

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