Schwerpunkt

Das Humboldt-Gefühl

Der eine begleitet die Stiftung seit ihrer Gründungszeit, der andere lenkt sie heute. Ein Gespräch zwischen Heinrich Pfeiffer und Enno Aufderheide über Vergangenheit und Gegenwart, Stipendiatentreffen und Gedächtnistricks, deutsches Bier und Coca-Cola sowie über das Erfolgsgeheimnis der Humboldt-Familie.

Heinrich Pfeiffer und Enno Aufderheide
Heinrich Pfeiffer und Enno Aufderheide (Foto: Oliver Rüther)

Kosmos: Herr Pfeiffer, Sie waren beinahe vierzig Jahre Generalsekretär der Stiftung. An welche persönlichen Begegnungen erinnern Sie sich besonders gern?
Pfeiffer: Ich fürchte, das würde den Rahmen unserer Unterhaltung sprengen ….

Kosmos: Suchen Sie sich wenigstens eine Begegnung aus …
Pfeiffer: Na gut. Ganz besonders haften geblieben ist die Erinnerung an das Treffen mit den ersten Humboldtianern aus der Volksrepublik China. Sie kamen zusammen, 32 Leute, am Frankfurter Flughafen an. Wir fuhren dorthin, um sie abzuholen, hatten anständiges Bier bestellt, ein paar Schnitten. Die Chinesen trugen alle Mao-Kleidung, Schlägermützen, wir im schwarzen Anzug. Wir begrüßten uns und ich sagte: „Darf ich Sie ins Hotel einladen auf eine Erfrischung nach dem langen Flug?“ Sie betraten den Speisesaal, sahen die Flaschen Bier und sagten unisono: „Coca- Cola!“, denn Cola gab’s noch nicht in China. Das war eine gewisse Enttäuschung. Ich dachte, deutsches Bier würde als etwas Besonderes gut ankommen. Stattdessen wurde flaschenweise Coca-Cola getrunken, wir kamen mit dem Nachschub kaum hinterher.

„Viele Stipendiaten reisten mit gemischten Gefühlen hierher.“

Kosmos: Bei Ihrem Amtsantritt gab es die Stiftung erst seit drei Jahren. Wie war diese Anfangszeit noch relativ kurz nach dem Krieg?
Pfeiffer: Die deutsche Geschichte hat uns anfangs sehr belastet. Da kamen ab 1953 Wissenschaftler aus Ländern wie Polen zu uns, die Deutschland wenige Jahre vorher überfallen hatte. Viele Stipendiaten reisten mit gemischten Gefühlen hierher. Ich hatte diese Vorbehalte selbst erfahren, als ich nach dem Krieg als Stipendiat nach Schweden ging und von dort in die USA. Oft wurde ich gemieden, weil ich Deutscher war. Vertrauen und Sympathie aufbauen, menschlich sein und persönlich war damals unsere Hauptaufgabe und ist es heute noch.

Heinrich Pfeiffer
Heinrich Pfeiffer (Foto: Oliver Rüther)

Kosmos: Herr Aufderheide, die Nachkriegszeit und die Spaltung Europas sind lange vorbei. Heute geht es bei der Forschungsförderung auch um Standortvorteile und internationale Konkurrenz. Wie wichtig ist der Gedanke der Völkerverständigung noch?
Aufderheide: Seit dem Ende des Kalten Krieges haben sich die Humboldt-Stiftung und ihre Rolle schon verändert, das stimmt. Doch Förderung und Verständigung sind für uns immer noch zwei Seiten derselben Medaille, denn die Welt ist nicht wirklich friedlicher geworden. Wir haben Konflikte allerorten. All das geht potenziell einher mit Vorurteilen oder Spannungen auch zwischen Angehörigen verfeindeter Staaten, die sich hier in Deutschland auf neutralem Boden treffen. Völkerverständigung bleibt deshalb wichtig.

Kosmos: Wissenschaftler sind heute mobiler denn je. Welchen Stellenwert hat ein Deutschlandaufenthalt da noch?
Aufderheide: Mobilität ist etwas Normaleres geworden. Aber wir sehen an den Humboldtianern der letzten Jahre, dass ihr Deutschlandaufenthalt doch eine außergewöhnliche Zeit bleibt und dass die besondere Wertschätzung, die wir unseren Stipendiatinnen und Stipendiaten vermitteln, ein Alleinstellungsmerkmal ist. Von der Gastfreundschaft an unseren Unis und Forschungseinrichtungen bis zum Empfang beim Bundespräsidenten erleben unsere Humboldtianer ihre Zeit hier als etwas Besonderes. Nicht zuletzt nutzt der Aufenthalt der eigenen Karriere, das sagen jedenfalls 90 Prozent der Humboldtianer.
Pfeiffer: Viele waren ja auch Stipendiaten in anderen Ländern und können vergleichen. Ganz oft hören wir: Wo gibt es das, dass sich jährlich alle treffen und man seine Kollegen auch aus den Nachbarländern sieht? Wo kommt es vor, dass man eine Studienreise quer durch Deutschland macht und Zeit geschenkt bekommt, um Land und Leute kennenzulernen? Diese Art von Betreuung fehlt bei den meisten Forschungsförderern. Von unserer Alumniarbeit ganz zu schweigen.
 

„In dem Moment, in dem Humboldtianer zusammenkommen, ist es, als würde man sich schon lange kennen.“
Aufderheide: Genau: „Einmal Humboldtianer, immer Humboldtianer“, dieses Motto gilt immer noch. Haben Sie das eigentlich erfunden?
Pfeiffer: Könnte schon sein. Falls nicht, dann hätte ich es jedenfalls gern erfunden (lacht).

 

Kosmos: Herr Pfeiffer, als Sie anfingen, gab es rund 250 Stipendiaten. Ab wann haben Sie aufgehört, jeden zu kennen?
Pfeiffer: Schwierig wurde es ab 1975. Ich habe mich mit unseren Karteikarten vorbereitet auf die Jahrestagung und die Einführungstagungen. Die Kombination von Bild und Name ist eine große Hilfe. Und wenn ich dann noch wusste, wer der Gastgeber ist, oder noch ein paar persönliche Dinge, dann war ich gleich wieder im Bilde.

Enno Aufderheide
Enno Aufderheide (Foto: Oliver Rüther)

Kosmos: Herr Aufderheide, wie bereiten Sie sich heute auf eine Jahrestagung mit 600 Teilnehmern vor?
Aufderheide: Jedenfalls kann ich nicht alle Karteikarten derer, die kommen, auswendig lernen. Es ist wichtiger, die persönlichen Beziehungen zu rekapitulieren, dass man wenigstens die Leute, mit denen man schon einmal gesprochen hat, wiedererkennt. Mein Gefühl ist auch, die Humboldtianer haben großes Verständnis dafür, dass wir sie nicht alle kennen können, aber sie freuen sich über das Interesse. Und das ist ehrlich und groß. Ich habe tatsächlich noch keinen Humboldtianer getroffen, der nicht irgendetwas Interessantes an sich gehabt hätte.

Kosmos: Heute gehören 26 000 Mitglieder zum Netzwerk. Kann man da noch von der viel beschworenen Humboldt- Familie sprechen?
Aufderheide: Erstaunlich ist: In dem Moment, in dem Humboldtianer zusammenkommen, ist es, als würde man sich schon lange kennen. Ich bin gerade auf einer Konferenz in Taiwan gewesen mit Teilnehmern aus Japan, Korea, Indien, China und Taiwan, darunter vielleicht die Hälfte Humboldtianer. Und obwohl sie sich vorher nicht kannten, fanden sie ganz schnell zueinander und kamen ins Gespräch. Während Kriegsschiffe Japans, Chinas und Taiwans sich im Inselstreit nördlich Taiwans belauerten, schlug die Wissenschaft unter dem Humboldt-Dach eine freundschaftliche Brücke zwischen den drei Ländern.
Pfeiffer: So etwas, diese spontane Vertrautheit und Offenheit, habe ich auch ganz oft beobachtet. In dieser Familie müssen sich nicht alle persönlich kennen und es gibt trotzdem ein Zusammengehörigkeitsgefühl.
Aufderheide: Sozusagen das Humboldt-Gefühl.
Pfeiffer: Das trifft es! Ich gratuliere, den Begriff wiederum haben Sie jetzt sehr schön erfunden.
Aufderheide: Aber er hätte natürlich auch von Ihnen sein können (lacht).
Pfeiffer: Stimmt.

Interview: Georg Scholl

aus Humboldt Kosmos 100/2013

Dr. Heinrich Pfeiffer war von 1956 bis 1994 Generalsekretär und hat die Geschicke der Stiftung über 38 Jahre gelenkt. Bis zu seinem Tod im Jahr 2016 war er ein oft und gern gesehener Gast in der Stiftung und pflegte als unermüdlich aktiver Netzwerker weiterhin Kontakte zu vielen Humboldtianern.

Dr. Enno Aufderheide ist seit 2010 Generalsekretär der Stiftung. Der Biologe und begeisterte Ornithologiefan ist ein erfahrener Wissenschaftsmanager mit Stationen unter anderem bei der Max-Planck-Gesellschaft, dem Wissenschaftsrat und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt.