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Ein Netzwerk für Europa

Die Humboldt-Stiftung als Blaupause für Europa? Eine Idee, die sich zu diskutieren lohnt, meint Präsident Helmut Schwarz. Ein Gespräch über die Chancen einer europäischen Forschungspolitik wider nationale Egoismen und bürokratische Allmacht.

Ein Netzwerk für Europa
Foto: Visum

Kosmos: Herr Schwarz, üblicherweise ist ein sechzigjähriges Jubiläum Anlass für eine Rückschau. Lassen Sie uns stattdessen einmal in die Zukunft blicken. Wenn Sie träumen dürften, wie würde die Humboldt-Stiftung von morgen aussehen?
Schwarz: Ein Traum? Ich wüsste einen, aber er wird wohl eher ein Tagtraum bleiben. Also, stellen wir uns vor, es gäbe nicht die deutsche, sondern stattdessen eine europäische Alexander von Humboldt- Stiftung – völlig autonom, nicht bedrängt von den oft strohfeuerartigen Vorschlägen der Politik, dem Ziel dienend, für Forscher Freiräume zu schaffen oder zu helfen, nationale Egoismen durch Zusammenarbeit zu überwinden usw. Ich bin sicher, dass eine nach diesen Prinzipien organisierte, europaweit operierende Institution manche forschungspolitischen Fehler vermeiden könnte.

Kosmos: Beispielsweise?
Schwarz: In vielen Ländern Europas handeln Forscher weitgehend fremdbestimmt, weil die Forschungsthemen via Mittelallokation von den Forschungsförderern politisch vorgegeben und definiert werden. Schauen Sie sich beispielsweise die universitäre Forschungslandschaft in Großbritannien an, gar nicht zu reden von den bürokratischen Hürden in Frankreich, der – finanziell und strukturell bedingten – desolaten Situation in Osteuropa wie in den Mittelmeerländern: Dort wird nicht nur der nächsten Generation ihre Zukunftschance genommen, sondern die Regierungen dieser Länder gefährden ihre eigene Zukunft insgesamt, und zwar, weil sowohl keine ausreichende Alimentierung von Bildung, Wissenschaft und Forschung erfolgt als auch der befruchtende Wirkungsraum von Grundlagenforschung beschnitten worden ist oder zusehends eingeengt wird.

Kosmos: Also hängt es wieder einmal am fehlenden Geld?
Schwarz: Nein, denn die Probleme sind nicht ausschließlich monetärer Natur, hängen sie doch auch mit Einstellungen zusammen. Schauen Sie, die Humboldt-Stiftung ist budgetmäßig eine fast vernachlässigbare Institution. Aber wir werden wahrgenommen und wirken, weil wir eine Art Hefe im Wissenschaftsteig darstellen: Wir setzen Prozesse in Gang, die nachhaltig angelegt sind und die über eine an Exzellenz ausgerichtete Personenförderung institutionell belebend wirken – ein Kollege sprach in diesem Zusammenhang einmal von einer akademischen Frischzellentherapie. Diese Hefe, Anstöße zu geben, fehlt in vielen Ländern. Stellte unsere Humboldt-Stiftung eine Blaupause dar, sei es in Form einer gesamteuropäischen Einrichtung oder auch bloß auf nationaler Ebene in anderen Ländern, dann ließe sich mancher Irrweg vermeiden.

Helmut Schwarz
Helmut Schwarz, Präsident der
Alexander von Humboldt-Stiftung 

Foto: Humboldt-Stiftung / Eric
Lichtenscheid

Kosmos: Macht nicht bereits der European Research Council das, was eine europäische Humboldt-Stiftung leisten könnte?
Schwarz: Nur bedingt. Bei aller Bewunderung für das, was der ERC in wenigen Jahren der Brüsseler Kommission abgetrotzt und für die Grundlagenforschung in Europa segensreich geleistet hat, und trotz der Tatsache, dass in den ERC-Programmen einige humboldtähnliche Elemente – wie eine exzellenzbasierte ad personam-Förderung – enthalten sind, gibt es doch gewichtige Unterschiede. Denn wer durchgehend programmatisch fordert, dass Themen per se den Ansprüchen von Pionierforschung gerecht werden müssen, dass förderwürdige Anträge unbedingt das Etikett Frontier Research zu tragen haben, läuft Gefahr, letztlich modischen Trends zu erliegen und bei Entscheidungen vor risikoreichen Skizzen zu kneifen. Auch wirkt der ERC ganz überwiegend im europäischen Raum, während die Humboldt-Stiftung weltumspannend operiert. Schließlich kann ich in den Brüsseler Vorstellungen nirgendwo den für die Humboldt-Stiftung konstitutiven Netzwerkgedanken erkennen.

Kosmos: Beim Humboldt-Netzwerk spielt die gemeinsame Deutschlanderfahrung eine große Rolle für eine gemeinsame Identität. Wäre man als Humboldtianer wahlweise in Rom, in Brüssel, in München oder London gewesen, würde diese Klammer wegfallen. Wäre ein europäisches Netzwerk dennoch tragfähig?
Schwarz: Das wissen wir nicht, und vermutlich können wir verlässlich gar nicht prognostizieren, ob die Bindung eines Stipendiaten oder einer Forschungspreisträgerin an Deutschland auch in Zukunft noch die bedeutende Klammerfunktion haben wird, die Humboldtianer heute zu Brückenbauern in einem Netzwerk des Vertrauens macht. Wir müssen konstatieren, dass die Karrieren von Forschern immer internationaler und deutlich weniger als bisher durch bipolare Wechselwirkungen geprägt sein werden. In der Stiftung tragen wir diesem Trend dadurch Rechnung, dass Humboldtianer bis zu drei Monate in einer europäischen Einrichtung verbringen können, wenn dies durch den Forschungsplan gerechtfertigt ist. Aber ob sich daraus eine Art europäischer Loyalität entwickelt, sollte hinterfragt werden.

„Die Idee eines europäischen Forschungsraums ist komplett irrelevant.“

Kosmos: Sie glauben nicht an die Strahlkraft des europäischen Forschungsraums?
Schwarz: So ist es! Die Idee geografisch definierter Forschungsräume mit hohem Attraktionspotenzial erscheint mir nicht nur konstruiert, ich halte sie für komplett irrelevant, denn wenn ein junger Wissenschaftler die Entscheidung zu treffen hat, wo er oder sie in den nächsten Jahren arbeiten möchte, dann spielen ganz andere Überlegungen eine Rolle. Ein Jurist, beispielsweise, entscheidet sich für Yale, die Ökonomin zieht Chicago vor, der Chemiker will nach Berkeley oder die Hirnforscherin an das MIT – es sind die einzelnen Institutionen oder, zugespitzt, es ist ein bestimmter Arbeitskreis oder eine Person, die als Magnet wirken. Es ist eben nicht der amerikanische Forschungsraum, für den ein Individuum sich entscheidet – und diese Überlegungen gelten auch für Forschungsräume in anderen Teilen der Welt.

Kosmos: Träumen wir einmal weiter. Wer würde eine europäische Humboldt- Stiftung finanzieren?
Schwarz: Ganz klar, das Geld müsste aus Brüssel kommen – aber dann hätten wir unausweichlich mit all den leidigen Problemen eines Juste Retour-Systems zu kämpfen: Quoten für Länder oder Minoritäten und politisch motivierte sachfremde Rücksichtnahmen wären bei Entscheidungen kaum zu vermeiden. Das, was die Stärke der Alexander von Humboldt-Stiftung ausmacht – nach einem bewährten Satzungsauftrag autonom zu operieren –, müsste zunächst einmal mühsam erkämpft werden. Und ob die Brüsseler Kommission ein weiteres Mal bereit wäre, der Wissenschaft und ihren Förderorganisationen weitreichende Konzessionen zu gewähren, bezweifle ich.

Helmut Schwarz
Helmut Schwarz 
Foto: Humboldt-Stiftung / Eric
Lichtenscheid

Kosmos: Wieso gelingt es dem ERC, sich über nationale Egoismen hinwegzusetzen?
Schwarz: Ich vermute, dass es hierfür mehrere Gründe gibt. Erstens liegt der ERC in Brüssel budgetmäßig fast unterhalb der Wahrnehmungsschwelle. Zweitens dient der ERC gelegentlich als wunderbares Alibi, um zu zeigen, wie experimentierfreudig die Kommission bei dessen Konstruktion doch war. Aber vergessen wir nicht, mittlerweile wurden Wege und Mittel gefunden, den ERC zu domestizieren. Wie dieses überfällige Experiment ausgehen wird und ob dieser „Fremdkörper“ in der Brüsseler Administration seine Struktur dauerhaft erhalten oder gar verbessern kann, er sich zu jenem Hefeteig entwickelt, den einige seiner Gründungseltern in ihm sahen, das wissen wir heute nicht.

Kosmos: Sie klingen skeptisch.
Schwarz: Weniger skeptisch, eher realistisch – denn nationale Egoismen dauerhaft zu überwinden, mächtig gewordenen Agenturen und Behörden ihren Geltungsbereich zu beschneiden, großzügig Freiräume für die Forschung zu schaffen – dies dürfte eine herkulische Herausforderung sein. Ich würde es als zweckmäßiger ansehen, statt einer europäisch verfassten Stiftung ein Netzwerk national operierender, miteinander konkurrierender, sich gegenseitig inspirierender Humboldt-Stiftungen aufzubauen. Jedes Land – und somit auch Europa – würde hiervon profitieren.

Kosmos: Also die Humboldt-Stiftung als eine Art europäisches Franchisemodell?
Schwarz: Warum denn nicht? Ich bin sicher, dass ein solches Netzwerk für einen internationalen Austausch hilfreich wäre, durch den auch die europäische Forschungslandschaft gestärkt würde.

Kosmos: Das klingt jetzt nicht mehr skeptisch …
Schwarz: Das stimmt, und meine Haltung hängt einfach mit der Natur Ihrer eingangs gestellten Frage zusammen, nämlich, wovon ich träumte und nicht, was ich für realistisch und wünschenswert halte.

Interview: Georg Scholl

aus Humboldt Kosmos 100/2013

Der Chemiker Professor Dr. Helmut Schwarz ist seit 2008 Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung. Er lehrt und forscht an der Technischen Universität Berlin und gilt als einer der weltweit führenden Wissenschaftler auf dem Feld der Molekularchemie. Er arbeitete und lehrte unter anderem in England, Israel, den USA, Frankreich, Japan, Australien, Österreich und der Schweiz.